Festivalleiter Siebold "Es gibt zu wenige Lilienthals und Dercons in unserem System"

Es ist als "größte Eventbude des Sommers" angekündigt: Mit dem internationalen Sommerfestival Hamburg tritt Leiter András Siebold für mehr Offenheit in der deutschen Theaterlandschaft ein. Im Interview erklärt er, warum er dazu auch auf die klassische Avantgarde setzt.
Freie Theatergruppe Gob Squad: Zu Gast beim internationalen Sommerfestival

Freie Theatergruppe Gob Squad: Zu Gast beim internationalen Sommerfestival

Foto: David Baltzer/ Agentur Zenit/ Kampnagel
Zur Person
Foto: Peter Hönnemann/ Kampnagel

András Siebold, 39, ist seit 2013 künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Zuvor war er Chefdramaturg auf Kampnagel, nachdem der gebürtige Züricher als Dramaturg am Theater Basel und der Berliner Staatsoper unter den Linden gearbeitet hatte. Das Sommerfestival startet an diesem Mittwoch.

SPIEGEL ONLINE: Herr Siebold, große Teile des deutschsprachigen Theaters sind im Aufruhr, weil neue Intendanten wie Matthias Lilienthal in den Münchner Kammerspielen und Chris Dercon in der Berliner Volksbühne sich anschicken, das herkömmliche Repertoiretheater aufzubrechen und es nach Meinung ihrer Gegner ersetzen zu wollen durch Events mit in aller Welt herumreisenden Produktionen. Machen Sie sich über diese Diskussion lustig, wenn Sie Ihr von reisenden Künstlern bestrittenes Kampnagel-Festival mit der Losung schmücken: "Willkommen in der größten Eventbude des Sommers"?

Siebold: Event ist erst einmal das harmlose englische Wort für Ereignis. Seit Claus Peymann den Begriff gebraucht hat, um die Berufung von Chris Dercon zum Volksbühnenchef zu kritisieren, ist das Wort sehr strapaziert worden - als gebe es einen grundsätzlichen Wertunterschied zwischen der kontinuierlichen Theaterarbeit an einem festen Haus und der angeblich weniger nachhaltigen Arbeit von reisenden Truppen, die auf Festivals oder bei Gastspielen auftreten. Festivals wie unseres zeigen, dass das Quatsch ist: Wir präsentieren in diesem Jahr neun Uraufführungen. Jede von denen wird von Künstlern produziert, die ihren Arbeiten ein langes Leben geben wollen. Nur zeigen sie ihre Arbeit eben nicht nur an einem, sondern an vielen verschiedenen Orten, bei uns und auf anderen Festivals.

"Bound to Hurt" (Douglas Gordon, Philip Venables): Theater trifft auf bildende Kunst

"Bound to Hurt" (Douglas Gordon, Philip Venables): Theater trifft auf bildende Kunst

Foto: Studio lost but found/ VG Bild-Kunst, Bonn/ Foto: Ninon Liotet/ Kampnagel

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sommerfestival setzt unter anderem auf eine sogenannte interdisziplinäre Theaterkunst, indem es bildende Künstler wie Douglas Gordon und Matthew Barney engagiert. Ähnliches machen aber längst auch viele feste Theaterhäuser. Gibt es Ihrer Meinung nach überhaupt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Festivals und Repertoiretheater?

Siebold: In vielen Häusern gibt es den, und das ist auch in Ordnung so. Ich finde es hochinteressant, was Lilienthal und Dercon vorhaben, aber es sind gerade mal zwei Häuser, in denen die beiden das Sagen haben. Andererseits gibt es konsequent konventionelle Theaterleiter und Theatermacher wie Claus Peymann. Ich bewundere Peymann dafür, dass er sagt: Ich verkörpere die Theaterkonvention, mein Theater ist das Brecht-Museum. Das ist sehr klar definiert, da spricht nichts dagegen und es gibt auch ein Publikum dafür. Was mich mehr stört, sind die vielen deutschen Theaterleiter, die nur noch am Schwimmen sind. Die reden dauernd davon, dass sie sich öffnen wollen für neue Formen, für bildende Kunst und Musik. Und dann machen sie einen Spielplan, der sich nur auf Stücke und Romanstoffe beschränkt, die das Publikum aus dem Gestern kennt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so verkehrt?

Siebold: Weil die Beschäftigung mit dem Heute ein leeres Versprechen bleibt. Es findet keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Gegenwart statt. Ich habe nichts gegen ein Publikum, das sich für museale Erfahrungen interessiert. Nur muss man sich nicht wundern, wenn das Theater, das nur museale Interessen bedient, an gesellschaftlicher Relevanz verliert, wenn an ihnen gespart wird oder sie sogar geschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie versprechen dem Publikum Ihres Sommerfestivals allen Ernstes, dass dort nur unbedingte Gegenwartskunst stattfindet?

Siebold: Das Versprechen ist, dass man hier neue Aufführungen zu sehen bekommt, die einen anderen Bezug zur Gegenwart haben als der Rest vom Theater. Eine andere Dynamik, eine andere Herangehensweise. Wir fangen an mit der Neubetrachtung eines bahnbrechenden Meisterwerks der interdisziplinären Kunst. Die amerikanische Choreografin Lucinda Childs zeigt eine neue Version ihres Klassikers "Available Light", für den sie 1983 mit dem Architekten Frank Gehry und dem Komponisten John Adams zusammengearbeitet hat.

"Available Light" (John Adams, Lucinda Childs, Frank Gehry): ein Mix der Künste

"Available Light" (John Adams, Lucinda Childs, Frank Gehry): ein Mix der Künste

Foto: Craig T. Mathew/ Kampnagel

SPIEGEL ONLINE: Die Avantgarde von gestern wird besichtigt.

Siebold: Avantgarde bezeichnet künstlerische Aufbrüche, das Einreißen von Grenzen, den Bruch mit dem, was vorher war, die Öffnung zu etwas Neuem. Zum Beispiel durch die Verbindung von Tanz und Architektur und Minimal Music. Natürlich gibt es längst eine Geschichte dieser Aufbrüche. Das wollen wir bewusstmachen und das gelingt in "Available Light" super. Man sieht, wie die Tänzer plötzlich fast nur noch nach rhythmischen Prinzipien arbeiten, wie der aus viel Metall erbaute Raum von Frank Gehry für eine Öffnung sorgt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Präsentation einer wie auch immer erneuerten Avantgardeaufführung von 1983 etwas anderes als museale Performancekunst?

Siebold: Wir haben uns bei diesem Festival bewusst dazu entschlossen, auch einen Blick in die jüngere Geschichte zu werfen und zu zeigen: Es gibt seit hundert Jahren eine Theaterkultur der radikalen Aufbrüche. Unser Anspruch ist es vorzuführen, wie jüngere Gegenwartskünstler sich auf interdisziplinäre Pioniertaten wie die von Lucinda Childs beziehen und daraus auch heute noch neue Formen entstehen. In der Aufführung "Schönheitsabend" von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek zum Beispiel sieht man eine Choreografie, die bei dem Ballettklassiker Shéhérazade anfängt und die Ästhetik von Porno und heutiger Körperpolitik einschließt. Die Choreografin Alice Ripoll beschäftigt sich mit dem durch YouTube weltweit berühmt gewordenen Tanzirrsinn der Jugendlichen aus den Favelas von Rio de Janeiro. Und die Theatermacherin Gisèle Vienne ist für "Das Bauchrednertreffen" nach Kentucky zum größten Bauchrednertreffen der Welt gefahren und hat sich aus dem dokumentarischen Material einen Stücktext des berühmten amerikanischen Autors Dennis Cooper und des deutschen Theaterautors Händl Klaus schreiben lassen, den sie mit Puppenspielern aus Halle aufführt. Das alles kommt total aus dem Jetzt.

"Das Bauchrednertreffen" (Gisèle Vienne, Dennis Cooper): Bezug aufs Jetzt

"Das Bauchrednertreffen" (Gisèle Vienne, Dennis Cooper): Bezug aufs Jetzt

Foto: DACM/ Kampnagel

SPIEGEL ONLINE: Welches Publikum wollen Sie damit anlocken?

Siebold: Zu uns kommen eine Menge Menschen, die ein Abo im Stadttheater haben. Aber wer zum Sommerfestival auf Kampnagel kommt, der weiß, dass die Kunst, die hier zu sehen ist, sich nicht auf irgendein Schulwissen bezieht, sondern direkt auf das Heute. Hier findet eine ästhetische und politische Auseinandersetzung mit der Gegenwart statt. Unser Fokus ist nicht die bürgerliche Abendunterhaltung des 19. Jahrhunderts, sondern eine Art von Popkultur im erweiterten Sinn des Worts, so wie sie Diedrich Diederichsen beschrieben hat. Ein Zusammenspiel von Zeichen, Sprache, Bildern und Texten, die uns umgeben. Zum Programm gehört zum Beispiel eine als Theaterprojekt getarnte Realitätsveränderung, wie sie die Hamburger Geheimagentur betreibt. Die gründet für das Festival eine Kreuzfahrtagentur, für die sie zahlreiche echte Experten einlädt und fragt, was man in der Kreuzfahrtindustrie anders machen könnte, ohne die Meere zu verschmutzen oder eine Stadt wie Venedig mit Touristen zu überschwemmen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie, statt drei Wochen im Sommer für 20.000 oder 30.000 Besucher ein Festival auszurichten, mit Ihrem Programm lieber ein festes Haus betreiben, wie es demnächst Lilienthal und Dercon tun?

Siebold: Natürlich guckt die ganze Theaterrepublik in den nächsten Monaten darauf, ob es Matthias Lilienthal glücken wird, mit seinem Antritt in den Münchner Kammerspielen deutsches Stadttheater wieder näher an die Gegenwart ranzuholen. Und ganz sicher gibt es viel zu wenige Lilienthals und Dercons in unserem Theatersystem. Aber ich bin mit unserem Ort sehr glücklich. Die Zuschauer haben zu dem, was wir jedes Jahr im Garten von Kampnagel aufbauen, eine besondere Identifikation. Sie vertrauen diesem Ort. In diesem Jahr haben wir eine Migration Welcome Hall installiert, als Zeichen einer anderen Willkommenskultur. Es gibt in unserem Programm kaum bekannte Stücktitel, höchstens ein paar bekannte Namen. Selbst Douglas Gordon mag in der Kunstwelt einer der Top Ten weltweit sein, in der Theaterwelt kennt ihn nicht jeder. Wir laden die Menschen drei Wochen lang jeden Abend auf einen Kunsttrip ein, indem wir sie auffordern, sich pro Abend nicht bloß eine, sondern fünf oder sechs Aufführungen anzusehen und am Ende noch ein Konzert. Wer will, kann es auch anders angehen. Aber wenn dieser Kunsttrip für möglichst viele unserer Besucher gelingt, dann hat unser Konzept funktioniert.


Das Internationale Sommerfestival  findet vom 5. bis 23. August 2015 im Hamburger Kampnagel statt.

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