Irak Auf dem Weg zur Pressefreiheit

Seit 1958 wurde die Pressefreiheit im Irak massiv unterdrückt. Unter der Herrschaft Saddam Husseins wurden Journalisten verfolgt, die freie Meinungsbildung war unmöglich. Das soll sich ändern: In Bagdad entsteht die erste unabhängige Presseagentur des Landes.

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Wandbild von Saddam Hussein als mythischer Kämpfer gegen den Westen (2002): Millionenfach präsent
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Wandbild von Saddam Hussein als mythischer Kämpfer gegen den Westen (2002): Millionenfach präsent

"Im Irak gibt es so viele Bilder Saddam Husseins wie Einwohner", lautete eine Redensart zur Zeit der Herrschaft Saddam Husseins. Demzufolge wären es rund 20 Millionen Exemplare seines Konterfeis gewesen. Der Diktator selbst war sich seiner Präsenz sehr wohl bewusst: Wenn das Fernsehen einmal nicht funktioniere, dann sollten die Menschen einfach eines seiner Portraits vor den Bildschirm stellen, riet er den Irakern. Einen Unterschied hätte es nicht gemacht, denn die vier Kanäle des irakischen Fernsehens standen alle unter staatlicher Kontrolle. Zu sehen gab es dort sowieso nur Saddam Hussein; die Benutzung von Satellitenschüsseln zum Empfang ausländischer Sender war streng verboten.

Auch seit dem Sturz Saddams vor zwei Jahren ist es um die Pressefreiheit im Irak nicht wesentlich besser bestellt. Die Zensur, die früher von Regierungsseite kam, ist der Selbstzensur gewichen. Viele der im Irak kämpfenden Gruppierungen drohen Journalisten Gewalt an, falls diese Kritik üben. So hat die arabische Zeitung "Ash-Sharq al-Ansat" ihr Büro in Bagdad Mitte Dezember letzten Jahres geschlossen. Muslimische Extremisten hatten den Journalisten mit Anschlägen gedroht, falls die Zeitung nicht über einen angeblichen Führer der Rebellen in Falludscha schreiben würde. Die schwierige Sicherheitslage des Landes bedeutet eine massive Einschränkung für die Berichterstattung.

Stimmenvielfalt gegen Selbstzensur

Nun wird im Irak erstmals eine politisch neutrale Presseagentur gegründet werden. Sie soll unabhängig sein, von Irakern geleitet werden und irakische Journalisten beschäftigen. Unterstützt wird das Projekt von den Vereinten Nationen, der Stiftung der Nachrichtenagentur Reuters und der Spanischen Agentur für Internationale Zusammenarbeit.

"Wir haben sehr schnell nach dem Umbruch bemerkt, dass die irakischen Medien aus dem Boden schossen. Das Hauptproblem war jedoch, dass es keine verlässlichen Quellen für Nachrichten gab und immer noch nicht gibt", sagte Jo Weir, Leiterin des Projekts der Reuters-Stiftung, zu SPIEGEL ONLINE.

Die Agentur soll lokale, regionale und internationale Medien mit aktuellen Informationen versorgen. Zu diesem Zweck werden Journalisten aus allen 18 Regionen des Landes berichten.

Basis für die Entwicklung der Agentur ist die Internet-Seite Aswat al-Iraq (Die Stimmen des Irak). "Wir haben die Plattform im vergangenen Oktober gestartet, um einen journalistischen Austausch zu ermöglichen. Unser Plan war es von Beginn an, sie irgendwann in eine Nachrichtenagentur umzuwandeln", erklärte Weir.

Freie Journalisten können ihre Informationen online auf www.aswataliraq.info mit den Redaktionen von Zeitungen, Fernsehsendern, Radiostationen und dem arabischen Büro der Agentur Reuters austauschen. "Der Erfolg der Plattform war bisher enorm. Wir veröffentlichen monatlich rund 600 Meldungen", so die Projektleiterin. Man habe bereits vor dem Start der Homepage damit begonnen, irakische Journalisten weiterzubilden. Entsprechende Kurse habe man in Amman, London und Kairo eingerichtet. Eine solche Ausbildung werde es auch weiterhin geben.

"Im Moment sind wir damit beschäftigt, die Formalitäten in die Wege zu leiten. Wir klären den juristischen Status und arbeiten an der Marketing-Strategie der neuen Agentur", so Weir. "Wir müssen die Posten besetzen: Vorstandsmitglieder, Chefredakteure, stellvertretende Chefredakteure und so weiter. Das ist alles sehr mühsam." Die Personalabteilung der neuen Agentur will Interessierte aus allen Berufsfeldern berücksichtigen. Bisher wirken bereits ein früherer Soldat, ein Chemiker und viele Studenten an dem Internet-Forum mit.

Informieren - demokratisieren

Finanziert wird das Vorhaben auch durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Mit den rund 800.000 Dollar der Uno decke man die laufenden Kosten: die Gehälter der Journalisten, die Ausgaben für technische Geräte.

"Uns geht es darum, den Service auf jeden Fall bis zur Parlamentswahl Ende des Jahres ohne Registrierung kostenfrei anzubieten. Damit alle Medien Zugang zu glaubwürdigen Informationen haben", so Weir. Über kurz oder lang sei es aber das Ziel, dass sich die Agentur selbst finanziell tragen könne. "Wir hoffen, dass sich das Projekt nach drei, vielleicht auch fünf Jahren rechnet." Geld werde man eventuell für den englischsprachigen Service verlangen. Zum Beispiel sei denkbar, die auf Insiderwissen basierende Berichterstattung über den Ölhandel kostenpflichtig zu machen.

"Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man die Demokratie und den Aufbau des Irak am besten unterstützen kann", erklärte Weir. "Wir sind der Überzeugung, dass verlässliche Informationen hierfür die beste Basis sind." Aufgrund der unsicheren politischen Situation im Irak habe man deshalb zunächst auf die Internetplattform gesetzt und gehe mit kleinen Schritten voran. Es gibt nämlich auch eine irakische Redensart, die besagt: "Kenne deinen Feind, und du besiegst ihn. Kennst du ihn nicht, gewinnst du nie."

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