Irakische Kulturgüter "Fast 20 Jahrhunderte geschriebener Menschheitsgeschichte sind in Gefahr"

Die Weltkulturorganisation Unesco will auch die von Plünderungen bedrohten staatlichen Archive und Bibliotheken im Irak schützen lassen. Fast 170.000 Kulturgegenstände seien bereits zerstört worden. Bundesaußenminister Fischer kündigte deutsche Unterstützung an.


Geplündertes Archäologie-Museum in Bagdad (13. April): "Katastrophe für das Kulturerbe des Iraks"
DPA

Geplündertes Archäologie-Museum in Bagdad (13. April): "Katastrophe für das Kulturerbe des Iraks"

Paris/London/Berlin - "Fast 20 Jahrhunderte geschriebener Menschheitsgeschichte sind in Gefahr", sagte der Unesco-Generaldirektor Koïchiro Matsuura am Dienstag in Paris. Nach den Plünderungen irakischer Museen in den vergangenen Tagen sorgt sich die Weltkulturorganisation nun auch um die zahlreichen Archive und Bibliotheken, in denen zum Teil unersetzliche Aufzeichnungen lagern.

Den Zerstörungen im Nationalmuseum in Bagdad sind nach einem Bericht der Londoner "Times" rund 170.000 Kulturgegenstände zum Opfer gefallen. Als Quelle für diese Angabe zitierte die Zeitung den Unesco-Vertreter in Amman (Jordanien), Ndeye Fall. "Dies ist eine Katastrophe für das Kulturerbe des Iraks", sagte Neil MacGregor, Direktor des Britischen Museums. Das Museum will umgehend einen Experten nach Bagdad entsenden, der eine Liste der zerstörten oder gestohlenen Kulturgüter aus dem Museum erstellen soll. Diese Liste solle dann den Soldaten übergeben werden, die im Irak zur Grenzkontrolle eingesetzt sind. Am Montag hatte US-Außenminister Colin Powell die Hilfe amerikanischer Truppen bei der Rettung der bedrohten Kunstschätze zugesagt.

Das Militär habe "völlig versagt"

Die an der Universität in Oxford lehrende britische Archäologin Eleanor Robson kritisierte unterdessen, dass sich internationale Experten erst jetzt um den Schutz der irakischen Kulturgüter kümmerten. Die Vereinigung britischer Archäologen im Irak hätte schon lange vor Kriegsausbruch vor den Gefahren für die Kulturgüter gewarnt. Zwar seien diese Stätten nicht bombardiert worden, aber das Militär habe bei ihrem anschließenden Schutz "völlig versagt". Die Regierung in London habe auf die Besorgnis der Experten ebenfalls nicht reagiert, sagte Robson. "Es ist so, als ob jemand vor einem Autounfall gerettet wurde, nur um von einem Bus überfahren zu werden", sagte Robson.

"Wir dürfen nicht zulassen, dass die Wiege der Menschheit, wie das Zweistromland wegen seiner unschätzbaren kulturellen Bedeutung genannt wird, auf immer verloren geht", sagte Walter Hirche, Präsident der Deutschen Unesco-Kommission am Dienstag. Auch wenn Deutschland die 1970 von der Unesco verabschiedete Konvention zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut noch nicht ratifiziert habe, sollte die Bundesregierung Sammler, Händler und Auktionshäuser davor warnen, sich am Ausverkauf des irakischen Kulturerbes zu beteiligen. Hirch appellierte an die Bundesregierung, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um das kulturelle Erbe des Iraks vor weiteren Plünderungen zu bewahren.

Fischer erklärt deutsche Bereitschaft zum Schutz der Kulturgüter

Es sei unabdingbar, dass "alles zum Schutz und zur Wiedererlangung des geraubten Kunstschatzes" unternommen werde, sagte auch die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Claudia Roth. Die Zerstörungen seien umso empörender, als viele Fachleute ausdrücklich vor dem gewarnt hätten, was nun eingetreten sei, so Roth. Die Grünen im Bundestag forderten ein von den Vereinten Nationen geleitetes Sofortprogramm zur Rettung des irakischen Kulturerbes. Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer rief am Dienstag dazu auf, weitere Verluste und Beschädigungen am irakischen Kulturerbe zu verhindern. Es müsse sicher gestellt werden, dass gestohlene Objekte aus dem Irak keine Käufer finden und dem Nationalmuseum zurückgegeben würden, sagte er. Deutschland sei bereit, sich an der Bewahrung der irakischen Kulturgüter zu beteiligen. Besonders das Deutsche Archäologische Institut könne wegen seiner langen Erfahrung im Irak einen wichtigen Beitrag dazu leisten, sagte Fischer.



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