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Fotoband "Rodina": Durch den milden Osten

Foto: Serie "Rodina", 2004 - 2011. Courtesy Irina Ruppert

Irina Rupperts Fotoserie "Rodina" Sturzflug in die eigene Vergangenheit

Kann man mit Fotos die Kindheit zurückbringen? Die Fotografin Irina Ruppert versucht genau das. Für ihre Bilderserie "Rodina" hat sie sich auf Spurensuche in der osteuropäischen Heimat ihrer Familie begeben. Dabei sind Bilder von verstörender Schönheit entstanden.
Von Daniela Zinser

Ein gerade geschlachteter Hahn, neben ihm ein Messer und ein glänzend roter Blutfleck. Eine unwirklich schöne, grüne Hügellandschaft. Eine Großmutter mit Kopftuch, ein Kind auf dem Schoß, über ihnen ein blutiger Kuhkopf. Zwei Jungs, die in einer Seifenkiste die Dorfstraße runterbrettern. Ein Mann, der am Ofen eine Katze krault. Es sind Fotos aus Irina Rupperts Kindheit. Und doch auch wieder nicht.

Denn die Bilder der Serie "Rodina" (Russisch für "Heimat"), die nun in Berlin gezeigt werden, sind das, was die Hamburger Fotografin auf der Suche nach ihrer Kindheit, nach ihren Erinnerungen fand. 1976 kam sie mit kaum acht Jahren mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus Kasachstan nach Hamburg. Als Russlanddeutsche durften sie ausreisen, aber ihre vier älteren Geschwister, die in der Heimat bereits selbst Familie hatten, mussten bleiben. Irina Ruppert hat sie erst mehr als zwanzig Jahre später wiedergesehen. Sie waren weit verstreut, lebten in Sibirien, im Kaukasus, in Weißrussland.

Die Suche nach den Geschwistern und ihrem eigenen Osteuropa-Bild führte sie Jahr um Jahr gen Osten. 2006 bis 2010 entstanden dabei die Fotos der "Rodina"-Serie, bei ihrem Bruder im Kaukasus, bei der Tante in Kasachstan, aber auch in Rumänien, Bulgarien, in der Slowakei und der Ukraine. Sie zeigen eine stille, friedliche Welt, das Dorfleben, die einzigartige Natur. "Ich trage diese Landschaft in mir und bin immer auf der Suche nach ihr", sagt Ruppert. Städte wie Moskau oder Sofia hätten sie deshalb nie interessiert.

Suche nach "dem Ostischen"

Es ist dieser subjektive Blick, der die Bilder so anrührend macht. Ein westlicher Blick, der aber ohne Vorurteile ist. Denn gerade den Klischees wollte sie etwas entgegensetzen. "Es gab plötzlich eine Flut von tollen Bildern berühmter Fotografen, die in Russland unterwegs waren, aber ich dachte nur: So sehe ich den Osten nicht. Ich sehe mehr als Tristesse, Verfall, Obdachlosigkeit, Saufen und ein paar Millionäre. Die Einfachheit, das ist für mich Schönheit." Und Heimat.

Für Ruppert bedeutet Heimat "das Ostische", wie sie sagt. Der typische Geruch nach Essen, Ammoniak, geschlachteten Tiere und nach einer gewissen Süße. Die Farben, etwa wenn in Kasachstan zu Frühlingsbeginn in der Steppe unendlich viele schwarze und rote Tulpen blühen. Es ist das Dorfleben, das sie anfangs so vermisst hat in der Anderthalb-Zimmer-Wohnung im Hamburger Hochhaus. Das Miteinander. "Im Osten sucht man die Nähe des Anderen. Selbst wenn der Bus ganz leer ist, setzen die Leute sich direkt auf den Platz neben dich", sagt die Fotografin.

Die Foto-Serie "Rodina", die auch als Bildband erschienen und für den Fotobuchpreis 2013 nominiert ist, erzählt von einem ursprünglicheren Leben, von einem so ganz anderen Umgang mit Natur und Tod. Auf das Foto vom toten Hahn reagierten viele mit Ekel, sagt Ruppert. "Aber so stirbt ein Tier nun mal, und wir essen es. Wir wissen doch gar nicht mehr, wie der Schenkel eines Huhns aussieht, wir fahren zum Supermarkt und kaufen alles abgepackt." Den Hahn hat ihr Bruder zum Abschied für sie geschlachtet. Sie hat den Bruder danach nie wiedergesehen. Ein Jahr später starb er.

So viel persönliche Geschichte steckt hinter den Bildern. Mit ihrer kleinen, alten Kamera und immer allein machte Irina Ruppert sich auf Motivsuche. Sie fand ein Flugzeug, das einst als Machtsymbol in Bulgarien an der Grenze zu Rumänien aufgefahren wurde und heute vor sich hin rostet. Einen Jungen, der auf der Straße anhält mit dem Fahrrad, um mit einer Ziege zu plaudern. Und eine Trauergemeinde, die eine alte Frau im offenen Sarg durchs Dorf trägt. Es war genau wie bei ihrer Oma damals in Kasachstan. Drei Tage lag sie zu Hause aufgebahrt, damit alle Abschied nehmen konnten.

"Wir Kinder haben sie an der Nase gezogen, weil wir noch nicht recht mit dem Tod umgehen konnten. Aber es hatte etwas Selbstverständliches." Als Irina Rupperts Vater vor zwei Jahren in Hamburg starb, haben sie ihn auch aufgebahrt. "Es war uns wichtig, uns so verabschieden zu können. In Deutschland wird der Tod viel zu sehr ausgeblendet", sagt sie.

Diese allgemein menschlichen Fragen sind thematisch immer mit Migration verwoben. Es geht um Irina Rupperts eigene Identität und um die eines Volkes in einem anderen Land. Um Russen in Rumänien, um Karpatendeutsche in der Slowakei und Russlanddeutsche in Kasachstan. "Es heißt, verlorene Heimat kann man nur wiedergewinnen, wenn man sie sich neu schafft", sagt die Fotografin. Ruppert erschafft sich Heimat mit dem fotografischen Blick auf den Osten neu.


Irina Rupperts Fotoserie "Rodina" ist bis zum 21. Dezember in der Kominek Gallery , Immanuelkirchstraße 25, 10405 Berlin zu sehen. Eröffnung ist am 24. November, 18 Uhr.

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