Karikaturist Ironimus Servus Tristesse

Gustav Peichl, österreichischer Karikaturist und Architekt, geht nach 60 Jahren als Zeichner in Rente. Zum Abschied erzählt er in einem Buch die Geschichte Österreichs von der Nachkriegszeit bis heute.

Ironimus/ Brandstätter

Wie kann man eigentlich Österreich erklären - das Opernball- und Theaterland? Das Vaterland der Psychoanalyse, die Heimat Elfriede Jelineks, Kurt Waldheims und Jörg Haiders, vieler Hofräte und der Lipizzaner? Vielleicht als Wunder. Der Karikaturist Gustav Peichl, auch bekannt als Ironimus, nennt seine Heimat in seinem gerade in Deutschland erschienenen Buch jedenfalls "Das Wunder Österreich".

Er erklärt darin das Land nicht nur mit seinen gezeichneten ironischen Kommentaren aus 60 Jahren, sondern auch mit Geschichten aus Österreich, die ihn zu seinen Karikaturen angeregt haben und die er einerseits als Chronist der Zweiten Republik, andererseits aus sehr persönlicher Sicht erzählt.

Ironimus/Peichl zeichnet nicht nur mit spitzer Feder, er schreibt auch mit spitzer Feder - über Macht und Eitelkeiten und deren Folgen. Zum Besserwisser und Zyniker ist er dabei nicht geworden, sondern je vertrauter ihm die Sache ist oder "je quälender sie an ihm nagt", wie er selber sagt, desto heilsamer sei die Ironie. Und Spaß habe ihm seine Arbeit als Karikaturist immer gemacht.

Damit ist nun Schluss, denn mit diesem Buch nimmt Peichl nach 60 Jahren und rund 8000 Karikaturen Abschied vom Zeichnen und damit von Ironimus. Er wird diesen Monat 87 Jahre alt.

Sein Buch-Streifzug durch die rotweißrote Geschichte beginnt mit dem Text "Traum von der Freiheit", und den träumt der geborene Wiener in der Nachkriegswelt um 1947 herum im Art Club an der Wiener Kunstakademie und in einem Kellerlokal unter der berühmten American Bar von Adolf Loos.

Im "Strohkoffer"

Hier, im sogenannten Strohkoffer, wurde getrunken und diskutiert, an beiden Orten fanden sich Künstler und Literaten zusammen wie Gerhard Rühm und H. C. Artmann, Oswald Wiener und Paul Flora, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Peichl, der Student, traf auf Kunstkritiker, auf "die Abstrakten und das Informel" und die Künstler der "Wiener Schule des Phantastischen Realismus", die gegen die Abstrakten "Front machten".

Peichl selbst macht sich Gedanken über das Genre der Karikatur, das er damals für sich entdeckte: "Nicht dass die Karikatur von vornherein destruktiv wäre. In ihr rumort die Idee von einer schönen, gerechten, vernünftigen Welt", schreibt er, und dass diese Welt sich "allmählich einrichten" ließe, wären da nicht "Patscherte und Querköpfe, falsche Idealisten und richtige Korruptionisten etc.", die dagegen arbeiteten. Und die mit "der Feder aufzuspießen", das sah er als einen "notwendigen konstruktiven Akt".

Zu Silvester 1954 erschien in der "Presse" die erste Karikatur von Ironimus. Sie zeigt Julius Raab, den als "Staatsvertragskanzler" bekannt gewordenen Bundeskanzler der Republik Österreich, träumend im Bett mit seiner "geliebten Virginia" im Mund, neben sich den Staatsvertrag. "Wovon kann der Kanzler denn schon träumen?" steht unter der Federzeichnung, und wie zu allen folgenden Karikaturen beschreibt Ironimus kurz deren Geschichte. Manchmal fallen die Erklärungen länger aus, dann sind sie blau gedruckt und oft mit Ironimus-Gedanken versehen.

Ansonsten stehen die Zeichnungen im Kontext der zwölf längeren "Geschichten", die Peichl über Österreich und seine Politiker und Kulturschaffenden manchmal trocken komisch, manchmal bissig ironisch erzählt - vom Wiederaufstieg Österreichs, das von 1938 bis 1945 von der Landkarte ausradiert war, über Bruno Kreisky bis zur aktuellen Europa-Vision und zwei letzten, sehr persönlichen Geschichten: In "Ist alles nur Kunst" schreibt er über Kollegen wie Clemens Holzmeister, der als erster Architekt "das Marketing entdeckte", er karikiert die "Wiener Hochhausmode" und die Stadtplanung, die "Star-Architekteuse" Zaha Hadid oder den ersten Preis für den dekonstruktivistischen Dachaufbau von Coop Himmelblau, der nie gebaut wurde.

Natürlich nimmt er die "sprachkritische Endlosformuliererin Elfriede Jelinek", aufs Korn, Peymann und dessen Hose oder Herbert von Karajan, der die Frackgesellschaft am Nasenring hinter sich herzieht.

In seinem Abschiedstext "Vom Kahlenberg herab" - dort wohnt Peichl seit 1963 - erklärt er das "Wunder Österreich" mit den Worten des Psychoanalytikers Felix de Mendelssohn: Eine "gewisse Einsicht in die Absurdität ihres Daseins" gebe den Österreichern "eine große Seele, welche imstande ist, Gegensätze unter einen Hut zu bringen". Und er wünscht sich im letzten Satz: "Möge die Kuschelpolitik gelingen!" - um sie sofort mit seiner letzten Karikatur zu kommentieren: "Kein Wunder, dass alles so bleibt" zeigt einen eingeschlafenen Beamten "in der 2. Hälfte des 21. Jahrhunderts, in der Österreich im Ranking um die langsamste Verwirklichung von Reformen auf Platz eins liegt".


Das Wunder Österreich. Geschichte und Karikaturen aus 60 Jahren. Brandstätter Verlag; 320 Seiten; 39,90 Euro; ISBN 978-3-85033-879-0.



insgesamt 1 Beitrag
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gloobass 10.03.2015
1. Was mir auffällt: der Karikaturist sieht vielen seiner Figuren ähnlich.
Kreisky ist dem Peichl wie aus dem -nun sagen wir mal- Gesicht geschnitten. Ich empfinde die hier gezeigten Karikaturen nicht "stark", sondern eher banal.
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