IS-Vormarsch auf Palmyra Was der Welt verloren geht

Wo bleibt der Aufschrei im Westen über die drohende Zerstörung von Palmyra durch den IS? Die Stadt war einst eine Metropole und gemahnt an das vielfältige Erbe, das der Weltgemeinschaft verloren ginge, wenn die Islamisten in Palmyra wüten dürfen.

Palmyra vor der Eroberung durch den "Islamischen Staat"
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Palmyra vor der Eroberung durch den "Islamischen Staat"

Von Michael Sommer


Zur Person
  • Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
    Michael Sommer, lehrt als Professor Alte Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört die Geschichte des Nahen Ostens in römischer Zeit. Dazu erschienen sind von ihm unter anderem: "Hatra", "Roms orientalische Steppengrenze" und "Der römische Orient". Gegenwärtig leitet er ein Forschungsprojekt über das antike Palmyra.
Nimrud - Hatra - und jetzt Palmyra. Orte, mit denen die Öffentlichkeit im Westen wenig bis nichts verbindet, absolvieren dieser Tage traurige Kurzauftritte in den trüben Nachrichten aus dem Nahen Osten. Stätten, die das Bildungssystem der europäischen Länder, in dem Antike kaum noch vorkommt, bereits dem Vergessen anheim gegeben hat, werden ihm für kurze Momente entrissen, seit das Berserkertum des selbstproklamierten "Islamischen Staates" (IS) sie mit Dynamit vom Erdboden sprengt.

Ausgerechnet die Horden, die das Inventar von Museen mit Brechstangen kurz und klein schlagen und Steingesichter, die Jahrtausende überdauert haben, mit den Geschossgarben ihrer Schnellfeuergewehre pulverisieren, erinnern das Abendland für einen Moment daran, dass seine Geschichte weiter zurückreicht als bis zur Französischen Revolution, weiter auch als bis zu Karl dem Großen.

Nimrud, Hatra, Palmyra - Namen, die, im deutschen Geschichtsunterricht wenigstens, keiner mehr nennt, auch kaum jemand kennt. So durfte man selbst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 18. März 2015 lesen, bei Hatra habe es sich um eine "assyrische Stadt" gehandelt. Aufklärung tut bitter Not, denn hinter jedem der drei Namen verbirgt sich eine Stadt, die einmal Metropole war und Geschichte schrieb.

Nimrud war das politische Gravitationszentrum eines mächtigen Staates, so wie heute Washington oder Peking; Hatra ein Anziehungspunkt für Scharen von Pilgern, so wie heute Rom, Jerusalem oder, ja, Mekka; Palmyra eine Handels- und Wirtschaftsdrehscheibe, so wie heute London oder New York. Nur, wer um die Bedeutung dieser Orte für lange vergangene Epochen weiß, kann ermessen, was der Welt gerade verloren geht. Zwischen Mittelmeer und Tigris stirbt vor unser aller Augen das kulturelle Gedächtnis der Menschheit.

Nimrud: Zentrum eines Weltreichs

Im Januar 2015 legten IS-Milizionäre Teile der Mauern von Ninive, einer assyrischen Ruinenstadt am Tigris, gegenüber von Mossul, in Schutt und Asche. Wenig später planierten die Rebellen im syrischen Rakka die ursprünglich aus dem türkischen Arslanta stammende Kolossalstatue eines Löwen. Am 26. Februar tauchte im Internet ein Video auf, das die Zerstörung der noch im Museum von Mossul verbliebenen assyrischen Kunstwerke durch Angehörige des IS zeigt. All das ließ nichts Gutes ahnen für andere Kulturgüter, die sich im Einflussgebiet des IS befinden. Tatsächlich brauchte die Welt nicht lange zu warten, bis neue Bilder von mutwilligen Zerstörungen im Internet die Runde machten. Vermutlich am 5. März rückten die IS-Männer Nimrud, dem alten Kalchu bzw. Kalach der Bibel, mit Bulldozern und Sprengstoff zu Leibe.

Archäologische Arbeiten in Nimrud um 2001
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Archäologische Arbeiten in Nimrud um 2001

Siedlungsspuren reichen in Nimrud bis ins 6. Jahrtausend v. Chr. zurück. In der mittleren Bronzezeit, ab ca. 2000 v. Chr., stieg der Ort zu einer der wichtigsten Siedlungen im Zweistromland auf. Das Mittelassyrische Reich machte das günstig am mittleren Tigris unweit der Einmündung des Großen Zab liegende Kalchu zu einer seiner Provinzhauptstädte. Es befand sich inmitten eines Dreiecks, dessen Eckpunkte die wichtigsten Städte des Reiches bildeten: Assur im Süden, Arbela im Osten und Ninive im Norden. Damit war Kalchu seine Rolle als Fernhandelszentrum vorherbestimmt, an dem sich bedeutende Überlandstraßen kreuzten.

Nach einer Schwächeperiode um die Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. räumte der assyrische König Assurnasirpal II. (ca. 883-859 v. Chr.) mit Rebellen auf und kämpfte sich den Weg zum Mittelmeer frei. Zwar gelang es erst Assurnasirpals Nachfolgern im 8. Jahrhundert, die Levante langfristig zu unterwerfen, doch war immerhin der Grundstein gelegt für die Expansion des nunmehrigen Neuassyrischen Reiches zum ganz Vorderasien beherrschenden Imperium.

Assurnasirpal verlegte seine Residenz aus der alten Hauptstadt Assur nach Kalchu, wo er einen prachtvollen Palast und eine stark befestigte Zitadelle errichten ließ. Der um drei Innenhöfe herum errichtete Palast bedeckte eine Fläche von mehr als zwei Hektar; in seinem Innern beeindruckten die Besucher prachtvolle Reliefs, die von Assurnasirpals Macht und seiner Nähe zu den Göttern kündeten. Die Stadt umgab eine Mauer mit einer Länge von 7,5 Kilometern.

Spätere Könige taten es Assurnasirpal gleich - auch sie errichteten Paläste und stellten die Reichtümer, die sie aus ihrem stetig expandierenden Imperium zusammentragen ließen, in Kalchu aus. Einer von ihnen war Tiglat-Pileser III. (ca. 745-726 v. Chr.), der die assyrischen Heere bis in den Kaukasus im Norden, bis nach Juda-Israel im Westen, bis auf die Arabische Halbinsel im Süden und bis nach Persien im Osten führte. Spätestens jetzt war Kalchu die Hauptstadt eines Weltreichs, aus dem unablässig reiche Tribute in seine Mauern strömten.

Standbild aus einem Propaganda-Video, das die Zerstörung von Kunstwerken in Nimrud zeigen soll
AFP/ WELAYAT NINEVEH

Standbild aus einem Propaganda-Video, das die Zerstörung von Kunstwerken in Nimrud zeigen soll

Mit der Herrlichkeit war es urplötzlich vorbei, als der Usurpator Sargon II. (ca. 722-705 v. Chr.) den Regierungssitz abermals verlegte, in das eigens dafür gebaute Dur Scharrukin ("Sargonsfestung"). Dessen Nachfolger Sanherib (ca. 705-681 v. Chr.) schlug seine Residenz in Ninive auf, während Kalchu sich mit seiner Zweitrangigkeit abzufinden hatte. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. kollabierte das assyrische Imperium binnen wenigen Jahren. Neue Mächte traten sein Erbe an: Auf Assyrer folgten Babylonier, Perser, Makedonen und schließlich - im Westen - Römer und - im Osten - Parther.

Kalchu ging mit dem Assyrerreich unter und fiel in Vergessenheit, bis europäische Reisende es im 18. Jahrhundert wiederentdeckten. Was irakische, britische, polnische und italienische Archäologen im 19. und 20. Jahrhundert in Kalchu/Nimrud entdeckten, dokumentiert jetzt, gerade rechtzeitig zur zweiten Zerstörung der Stadt durch den IS, ein Internetprojekt des University College London, das einen Besuch wert ist (www.ucl.ac.uk/sargon).

Hatra: Pilgerstätte in der Wüste

Mitten in der Jezira, auf der "Insel" zwischen mittlerem Euphrat und Tigris, liegt eine Ruinenstätte von seltener Faszinationskraft. In der von einem fast kreisrunden Mauerring umschlossenen Wüstenstadt begegnen sich Ost und West in einer Synthese, die einen antiken Besucher aus Rom oder Athen genauso sprachlos gemacht haben dürfte, wie sie moderne Archäologen seit ihrer Entdeckung um 1900 frappiert hat. "Riesige Hallen aus Stein, überdacht mit mächtigen Gewölben und verziert mit den seltsamsten Ornamenten, die je unter orientalischen Stemmeisen entstanden sind", notierte 1911 die britische Orientreisende und Archäologin Gertrude Bell.

Der Shamash-Tempel in Hatra im Jahr 2005
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Der Shamash-Tempel in Hatra im Jahr 2005

Verwinkelte Straßen mit Häusern aus Lehmziegeln prägen das Bild der weitläufigen Wohnviertel. In der Mitte der Stadt aber erhebt sich ein gewaltiger Sakralkomplex, fast einen halben Kilometer lang und fast ebenso breit, in dessen Umfassungsmauern mindestens sieben große Heiligtümer Platz hatten. In der Architektur, mit ihren Säulen, Rundbögen und Dekorelementen, haben die Architekten, die im 2. Jahrhundert n. Chr. dieses einzigartige Ensemble schufen, auf höchst kreative Weise griechisch-römische, iranische und lokale Elemente zu etwas gänzlich Neuem verknüpft, das sich so nur hier, im breiten Grenzsaum zwischen den Imperien des Westens (Rom) und des Ostens (Partherreich) findet. Keine "assyrische" Siedlung war Hatra, sondern eine Stadt mit entschieden lokalem Flair an der doppelten Peripherie zweier Großreiche.

Die Jezira war noch im 1. Jahrhundert n. Chr. Nomadenland. Nicht großräumig wandernde Kamelnomaden vom Beduinentypus bevölkerten das weithin karge Land, sondern Kleinviehzüchter, die im Wechsel der Jahreszeiten immer wieder dieselben Weidegründe aufsuchten. Hatra mag als mehr oder weniger fester Lagerplatz dieser Hirtennomaden begonnen haben, Anfang des 2. Jahrhunderts, als es erstmals ins Licht der Geschichte eintrat, war es eine Stadt, wenn auch, nach dem Zeugnis des römischen Gewährsmanns Cassius Dio, "weder eine große noch eine wohlhabende".

117 n. Chr. belagerte Trajan die Stadt. Die Festung Hatra drohte den in Babylonien Krieg führenden römischen Kaiser von seinen Nachschublinien abzuschneiden. Unsägliches litten die römischen Legionäre, die in sengender Hitze wieder und wieder gegen Hatras Mauern anstürmten - ohne Erfolg: Trajan musste die Belagerung aufgeben; sein Nachfolger Hadrian zog sich ganz aus Mesopotamien zurück.

Ein knappes Jahrhundert später, um 196 n. Chr., erlebte Septimius Severus ein ähnliches Fiasko. Hatra mit seinem Heiligtum des Sonnengottes war inzwischen, wie wir bei Cassius Dio lesen können, zur reichen Metropole herangewachsen. Wieder ließen die Wehrhaftigkeit seiner Bewohner und die Unwirtlichkeit des Terrains einen römischen Kaiser scheitern. Die Herrscher von Hatra hielten dem rivalisierenden Partherreich die Treue, dessen Könige ihnen großzügig Autonomie gewährten. Im komplizierten diplomatischen Dickicht der Steppe ließ sich Herrschaft am besten durchsetzen, wenn sie indirekt war und lokale Machthaber in Amt und Würden beließ. Am lockeren Zügel geführte Kleinkönige erwiesen sich meist als loyal und nahmen der Zentralmacht die mühsame Arbeit ab, die Nomadenstämme zu kontrollieren, die zwischen Euphrat und Tigris umherzogen. Die wiederum sahen in den Bewohnern von Hatra ihre Stammverwandten, denen sie sich in gegenseitiger Solidarität als "Araber", als Steppenbewohner, verbunden wussten. Wenn es doch einmal knirschte, stand zur Schlichtung von Konflikten gleich ein ganzes Arsenal rechtlicher und religiöser Institutionen bereit.

Standbild aus einem Propaganda-Video, in dem islamistische Milizen Schüsse auf eine historische Festung in Hatra abgeben sollen
AP

Standbild aus einem Propaganda-Video, in dem islamistische Milizen Schüsse auf eine historische Festung in Hatra abgeben sollen

Hatra und seine Stadtherren, Männer, die Namen wie Sanatruq, Wolgasch oder Abdsamiya trugen und deren Statuen bis vor Kurzem im Museum von Mosul aufbewahrt wurden, trugen maßgeblich zur Stabilisierung des nördlichen Mesopotamien und seiner fragilen Steppengrenze bei - zum Nutzen beider Imperien, des parthischen wie des römischen. Als um 226 n. Chr. die parthische Dynastie der Arsakiden dennoch zusammenbrach und ihre Macht an die iranischen Sasaniden verlor, wechselten die Könige von Hatra die Seiten und schlossen sich den Römern an. 15 Jahre später hatte der Sasanidenkönig Schapur I. die Stadt erobert und nur rauchende Trümmer von ihr übrig gelassen. Die Quittung erhielten seine Nachfolger, die sich an ihrer Westgrenze künftig mit Nomadenstämmen herumzuschlagen hatten, deren destabilisierender Energie Hatra nicht mehr Einhalt gebieten konnte.

Ironie der Geschichte: Knapp 1800 Jahre später zerstören neue antiimperiale Akteure, die islamistischen Horden des 21. Jahrhunderts, Hatra zum zweiten Mal; sie haben sich die Revision der Ordnung auf ihre schwarzen Fahnen geschrieben, die 1919 die Kolonialmächte England und Frankreich auf den Trümmern des Osmanischen Reiches errichtet haben. So markiert die doppelte Zerstörung Hatras jeweils eine neue Phase im imperialen Zyklus, der Vorderasien seit 5000 Jahren fest im Griff hält. Ließe man den IS gewähren, so dämmerte mit ihm womöglich, nach dem Vergehen der alten regionalen Ordnung, das Werden eines neuen Imperiums herauf.

Palmyra: Supernova in der Oase

Am 20. Mai 2015 haben die Kämpfer des IS die Oasenstadt Tadmur erobert, das antike Palmyra. In der Nähe befinden sich, so heißt es, wichtige Gasvorkommen, auch soll die Oase ein Gefängnis beherbergen, in dem zahlreiche IS-Sympathisanten inhaftiert sind. Wohl noch mehr dürfte den Anführern der Miliz an der Eroberung und Zerstörung der Ruinenstadt selbst gelegen sein. Von allen antiken Orten, die sich im Einzugsgebiet des IS-Terrors befinden, ist Palmyra der einzige, der im Westen einen gewissen Bekanntheitsgrad genießt.

Das antike Theater von Palmyra im Jahr 2008
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Das antike Theater von Palmyra im Jahr 2008

Mit der legendären Wüstenkönigin Zenobia, die von Palmyra aus den römischen Kaisern die Stirn bot, verbinden aber nicht nur Europäer und Amerikaner etwas; auch die Baath-Diktatur des Assad-Clans leitet aus der angeblichen Revolte gegen Rom einen Kristallisationspunkt syrischen Nationalgefühls ab. Palmyras Zerstörung wäre somit ein wichtiger symbolischer Sieg über die verhasste Alewiten-Dynastie. Außerdem wäre die öffentlichkeitswirksame Zerstörung der archäologischen Stätte, wie in Nimrud und Hatra zu beobachten war, eine wohlfeile PR-Aktion für den Ausverkauf der aus Museen geplünderten Fundstücke, die auf dem Kunstmarkt ebenso zahlungskräftige wie skrupellose Abnehmer finden.

Seinen Reichtum und seinen fulminanten, wenn auch kurzen Auftritt auf der großen Bühne der Weltpolitik verdankte Palmyra dem Fernhandel. In der Regie der Kaufleute aus der Oasenstadt lag ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. fast der gesamte Güteraustausch zwischen dem Mittelmeer und Indien - und, darüber, China. Die Schönen und Reichen des römischen Imperiums verlangte es beständig nach exotischen Prestigewaren: Seide, Gewürze und Elfenbein standen besonders hoch im Kurs. Die Spediteure des Luxus waren die Palmyrener, die das mit Gold kaum aufzuwiegende Handelsgut erst auf dem Seeweg von der Westküste Indiens durch Ozean und Persischen Golf bis zum Schatt al-Arab verschifften; von dort folgte man per Karawane, quer durch parthisches Gebiet, dem Euphrat. Auf halbem Weg zwischen Euphrat und Mittelmeer lag, strategisch günstig dank der Oase, Palmyra, wo Händler aus dem Mittelmeerraum ungeduldig auf die Ankunft der Karawanen warteten.

Obwohl ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. der Jurisdiktion des römischen Statthalters von Syrien unterworfen, hatte Palmyra, politisch und wirtschaftlich, größeren Spielraum als jede andere römische Stadt. Es verdankte die Sonderrolle, ähnlich wie Hatra auf der parthischen Seite der Grenze, seiner special relationship zu den Nomadenstämmen, deren Anführer in Palmyra ein- und ausgingen. Ein geregeltes Verhältnis zu den Nomaden wie zu den Parthern war das Lebenselixier des palmyrenischen Fernhandels. Entlang der Steppengrenze agierten palmyrenische Notabeln mit an Dreistigkeit grenzendem Selbstbewusstsein: Das ging so weit, dass sie mitten im den Römern in herzlicher Abneigung verbundenen Partherreich einen Tempel für den römischen Kaiserkult unterhielten.

Die große Stunde der Oasenstadt schlug, als Roms Herrschaft im Orient 260 n. Chr. in ihre bis dato schwerste Krise schlitterte. Der Kaiser Valerian hatte östlich des Euphrat eine schwere Niederlage gegen die Perser Schapurs I. erlitten und war, Gipfel der Schmach, in Gefangenschaft geraten. Während ringsum die militärische Infrastruktur Roms zusammenbrach, organisierte Septimius Odaenathus, ein römischer Bürger und palmyrenischer Aristokrat, den Widerstand. Wenige Jahre später standen seine Truppen vor der persischen Hauptstadt Ktesiphon. Palmyra war, während Rom am Boden lag, zum Global Player avanciert. Der Kaiser in Rom überhäufte Odaenathus mit Titeln und Ämtern. Vermutlich 268 n. Chr. starb Odaenathus, und seine Witwe Zenobia griff nach den Titeln - und der Macht.

Statuen im Museum von Palmyra: Noch gibt es keine Berichte von Zerstörungen durch den IS
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Statuen im Museum von Palmyra: Noch gibt es keine Berichte von Zerstörungen durch den IS

Kaum hatte sich das Weltreich ein wenig erholt, war die Freiheit, mit der Zenobia im Osten schaltete und waltete, den römischen Imperatoren ein Dorn im Auge. Kaiser Aurelian zog an der Spitze eines Heeres gegen Palmyra und zwang so erst Zenobia zur offenen Revolte gegen Rom. Am Ende unterlagen die Palmyrener Aurelian, 272 n. Chr. war die machtpolitische Supernova verglüht. Wirtschaftlich und politisch spielte Palmyra nie mehr eine Schlüsselrolle, wenngleich die Stadt, als Festung und später auch als Bischofssitz, nach wie vor Bedeutung hatte.

Die Ruinen Palmyras künden bis heute von der Glanzzeit der Handelsmetropole im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. Die kilometerlange Kolonnadenstraße quer durch die Stadt, der kolossale Bel-Tempel in seinem ummauerten Hof, das römische Theater, der Marktplatz, die vielen zweisprachigen - griechisch-palmyrenischen - Inschriften dokumentieren eindrucksvoll das Lebensgefühl einer Stadtgesellschaft im breiten Grenzsaum zwischen Orient und Okzident. Palmyrenische Baumeister bedienten sich ohne Scheu im Baukasten der Formen, der sich ihnen durch den Kontakt mit den Römern darbot. Sie griffen hinein, wählten die Architektursprache eines römischen Tempels und bauten damit - Gräber. Sie stellten klassische Säulen vor einen Tempel, in dem Kulte praktiziert wurden, von denen die Römer keine Vorstellung hatten. Palmyrenische Aristokraten kleideten sich morgens in eine römische Toga und ritten nachmittags in der Tracht der Steppennomaden durch die Wüste.

Wenn, was zu befürchten ist, der "Islamische Staat" Palmyra zerstören wird, dann ist die Vernichtung des Weltkulturerbes durch die Bilderstürmer nur konsequent: Verstörend muss aus ihrer Sicht die Synthese aus scheinbar Gegensätzlichem sein, irritierend die Bereitschaft, Fremdes an- und in die eigene Lebenswirklichkeit aufzunehmen.

Nimrud, Hatra und Palmyra sind, auf je eigene Weise, Monumente der strukturellen Toleranz, die längst verflossene Großreiche ihren Randzonen gegenüber aufzubringen bereit waren. Die bedrohten Stätten gehören damit zum Erbe der gesamten Menschheit - auch und gerade Europas, das sich auf seine Toleranz so viel zugute hält.


Literatur:

Butcher, K. (2003): "Roman Syria and the Near East" (London).

Millar, F. (1993): "The Roman Near East. 31 BC - AD 337" (Cambridge (Mass.)).

Sommer, M. (2005): "Roms orientalische Steppengrenze" (Oriens et Occidens, 9, Stuttgart).



insgesamt 72 Beiträge
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uventrix 24.05.2015
1. Wiederaufbau
Was heißt denn Aufschrei? Warum macht der IS denn das? Weil sie dumm sind und weil sie uns ärgern wollen. Weil sie Rache nehmen wollen für ihre Kumpels die umgeschossen worden sind. Also warum soll jetzt aufgeschrien werden, das nimmt der IS doch nur als Applaus wahr. Warum sollte man Soldaten in eine antike Stadt schicken um sie zu beschützen? Wenn Soldaten geschickt werden dann doch eher um Menschen zu schützen... Wenn der IS da wieder raus geschossen ist werden die Schäden eben wieder behoben - der Ausgangszustand dürfte doch sehr gut dokumentiert sein. Also Kopf hoch Herr Professor, vielleicht kann ihre Uni ja beim wieder zusammensetzen helfen.
egyptwoman 24.05.2015
2.
Man könnte nur noch heulen wenn man liest wie Jahrtausendealte Kunstwerke durch blinden Hass und Wut zerstört werden. Dasselbe wären den Kulturgütern wie den Tempelanlagen, den Pyramiden und der Sphinx passiert wenn man Mursi und seine Vasallen nicht aufgehalten hätte, denn diese wollten diese einmaligen Anlagen auch zerstören. Man hat ja einige kleinere Museen in der Zeit als diese an der Macht waren schon zerstört und viele Kunstwerke sind zerstört worden oder wurden verkauft und sind wohl unwiderbringlich verloren.
vox veritas 24.05.2015
3.
Was soll der Artikel denn bewirken, bitte schön? Das Einzige, was den IS stoppen könnte, wäre der massive Einsatz des Militärs. Diese Option ist den Deutschen versperrt. 60 Jahre wurde uns erzählt, daß das Militär was "böses" und verdammenswertes ist. Immerhin sind Soldaten ja Mörder. Die Medien haben diese Botschaft verbreitet. Niemand hierzulande ist bereit, sich für die Menschen anderer Länder militärisch einzusetzen. Diese Länder sind anscheinend auch nicht wert, verteidigt zu werden. Selbst die Bewohner dieser Länder sind der Meinung. Immerhin fliehen sie von dort und überlassen ihre Heimat überwiegend fremden Invasoren anstatt sich ihnen entgegenzustellen. Was also soll uns dieser Artikel sagen? Wozu soll er uns bewegen?
hanstreffer 25.05.2015
4. wunderbar aber
eher doch nur für die relevant, die sich eine Reise dorthin erlauben konnten. Wer soll denn aufschreien? Das Bildungsbürgertum der gut besoldeten Beamten, die immer schon mal dorthin wollten? Die Weltgemeinschaft? Die Weltgemeinschaft besteht aus überwiegend nichteuropäischen Kulturen, die damit eher nichts zu tun haben. Wer also soll was tun? Die Zerstörung der Ruinen von Palmyra durch den IS zeigt die Vergänglichkeit aller Herrschaft. Gerade in diesen Gegenden haben doch in der Vergangenheit die neuen Herrscher oft genug die Monumente der alten Herrscher zerstört. Es bleibt also in der Tradition. Und in China wird gerade das ganze alte Land abgerissen. Der Artikel ist wirklich gut aber ein bißchen weit weg. Was ist denn "strukturelle Toleranz" bitteschön? Palmyra wird vergehen so wie alles vergeht. Selbst die Pyramiden werden vergehen. Wenn Palmyra uns aktuell etwas lehren kann, dann daß wir uns wehren müssen. Aber das will keiner hören obwohl dies eine echte Lehre aus der Geschichte ist.
francoilgatto1! 25.05.2015
5.
Der Aufschrei bleibt aus, weil man sich inzwischen an den IS und seine unsäglichen Taten gewöhnt hat. Zudem wäre er unehrlich, denn aus verschiedenen Gründen rafft sich zu wenige auf, um dem IS die Stirn zu bieten. Denn das wäre eine kriegerische Auseinandersetzung mit zehntausenden von Toten. Das können und wollen sich viele in Europa nicht leisten. Ich weiß selbst nicht, ob ich denen im Kampf entgegentreten würde. Andererseits sehen wir nun, wohin Tatenlosigkeit führt und dass friedliches abwartendes Verhalten nicht immer friedlich ist.
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