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Zerstörte Welterbestätte: "Ein Albtraum"

Foto: Youssef Badawi/ picture alliance / dpa

Tempel-Zerstörung durch IS "Palmyra war eine Weltstadt, ein kultureller Schmelztiegel"

In Palmyra lebten einst verschiedene Kulturen friedlich zusammen. Und heute? Der berühmte Baalschamin-Tempel ist womöglich unwiederbringlich zerstört. Altorientalist Markus Hilgert trauert um einen symbolträchtigen Ort.
Zur Person
Foto: Olaf M. Teßmer/ SMB

Markus Hilgert, Jahrgang 1969, ist Altorientalist und Direktor des Vorderasiatischen Museums im Berliner Pergamonmuseum.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hilgert, der IS hat den antiken Baalschamin-Tempel in der syrischen Ruinenstadt Palmyra zerstört. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfuhren?

Hilgert: Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. Was passiert ist, ist ein Alptraum. Es bedeutet, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen müssen, denn die sinnlose Zerstörung geht einher mit der Zerstörung von Menschenleben. Wir reden über die kulturelle Katastrophe, aber dahinter verbirgt sich ja eine humanitäre. Und eine, die vor den Toren Europas geschieht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass sich die Situation verschlimmert hat?

Hilgert: Ja. Die Katastrophe weitet sich aus, geografisch in Syrien. Und sie weitet sich aus auf Personen, auf Kollegen von mir. Vergangene Woche wurde der Archäologe Khaled al-Asaad getötet, weil er sich für den Erhalt des antiken Palmyra eingesetzt hatte. Wissenschaftler werden nicht nur umgebracht, weil sie sich mit den Kunsträubern des IS anlegen. Die Argumentationslinie ist: Ihr seid Götzenanbeter, Ihr habt mit Ungläubigen an Konferenzen teilgenommen. Das besitzt eine neue Qualität, weil es nicht nur um materielles Kulturgut geht, sondern diejenigen Menschen getötet werden, die dafür sorgen könnten, dass es eines Tages wieder aufgebaut wird. Und es geschieht an einem Ort, der geschichtlich stets von Diversität geprägt war.

Video: Der von IS-Terroristen gesprengte Baalschamin-Tempel

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SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Hilgert: Das Besondere im alten Palmyra war, dass unterschiedliche kulturelle und religiöse Einflüsse verschmolzen. Das spiegelt sich auch konkret in der Architektur des Baalschamin-Tempels wider: Er wurde im 2. Jahrhundert nach Christus errichtet, in der römischen Zeit. Seine Steinarchitektur ist dafür noch unglaublich gut erhalten, war es zumindest. In seiner Architektur verschmelzen ganz unterschiedliche kulturelle Einflüsse miteinander: Die Säulenarchitektur ist römisch, aber es gibt auch Eigenarten der orientalischen Tempelarchitektur.

SPIEGEL ONLINE: Wieso war die Stadt so multikulturell?

Hilgert: Palmyra war eine Karawanen- und Oasenstadt an der Handelsroute, die China, Persien, den Irak und den östlichen Mittelmeerraum miteinander verband. In solchen Städten ist das Leben stets davon geprägt, sich auf Fremde einzustellen. Wer gute Geschäfte machen will, muss weltoffen sein. In Palmyra herrschte auch in der Antike stets Mehrsprachigkeit, an den öffentlichen Plätzen und Grabstätten finden Sie heute sowohl griechische als auch palmyirenischer Inschriften. Ich stelle mir das Leben damals als sehr bunt vor, hier traf sich die lokale Bevölkerung mit Händlern aus Rom und China. Palmyra war eine Weltstadt, ein kultureller Schmelztiegel.

SPIEGEL ONLINE: Das New York der Antike?

Hilgert: Durchaus. Man bemühte sich, die unterschiedlichen Traditionen nicht auszugrenzen, sondern zu verschmelzen. Adaption statt Auslöschung. Mit der Sprengung durch den IS ist jetzt deshalb auch ein Sinnbild kultureller Diversität zerstört worden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie etwas über die aktuelle Lage?

Hilgert: Nein. Mein Kontakt zu den Wissenschaftlern vor Ort ist abgebrochen, seitdem Palmyra im Mai durch den IS eingenommen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Die Unesco hatte vor Monaten zur Rettung des Tempels aufgerufen. Hätte etwas getan werden können?

Hilgert: Schwierig. Man kann natürlich sagen, dass sofort militärisch eingegriffen werden muss, Bodentruppen entsendet werden müssen. Militärische Lösungen sind notwendig, aber keine Lösung für das zugrunde liegende Problem. Was da aufbricht, sind Konflikte, die lange geschwelt haben. Die durch totalitäre Staatssysteme unter dem Deckel gehalten wurden, sich aber historisch entwickelt haben. Es ist völlig klar, dass der IS in Syrien als sunnitische Gruppierung auch deswegen so viel Zulauf hat, weil die Sunniten unter Assad und seinem Vater immens gelitten haben. Das ist mehr als ein Konfessionsstreit, der sich da entlädt gegenüber der alawitischen Minderheit. Es braucht langfristig angelegte Maßnahmen. Gesprächsrunden, Friedenskommissionen. Aber ich bin mir da auch selbst nicht im Klaren. Appelle alleine reichen jedenfalls längst nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie selbst mal in Palmyra?

Hilgert: Vor 20 Jahren, im Studium.

SPIEGEL ONLINE: An was erinnern Sie sich?

Hilgert: An eine Ruinenstätte mitten in der Wüste, die im Sonnenlicht leuchtete. An stille Ehrfurcht. Und das Gefühl, einen Schmelztiegel unserer gemeinsamen kulturellen Vergangenheit zu besichtigen. Einen Ort, an dem sich Mesoptamien, Griechenland, Rom, Byzanz, also auch frühes Christentum, trafen.

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