Isländische Mythen Erla und die Elfen

Mythen und Märchen begleiten die Isländer seit Jahrhunderten, nicht nur in langen Winternächten. Bisweilen verwischen die Grenzen zwischen Sein und Schein sogar - dann ist die schrullige Klavierlehrerin Erla Stefansdottir gefragt, Islands Fachfrau für Fabelhaftes.

Der Energiekonzern Olis ist ein Unternehmen von internationalem Format. Bei Investitionen, und sind sie auch manchmal banal, wird deshalb nichts dem Zufall überlassen. Als die Firma in Selfoss, auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Reykjavik und den berühmten Geysiren bei Gulfoss, eine neue Tankstelle bauen wollte, war ein mit Gras bewachsener Hügel im Weg. Was läge da normalerweise näher, als diesen einfach abzuräumen?

Doch wo andernorts Hindernisse wie dieses kurzerhand platt gemacht würden, ließ ein isländisches Unternehmen lieber Umsicht walten - und bat Erla Stefansdottir um Hilfe. Die schrullige Klavierlehrerin ist Fachfrau für Fabelhaftes. Als so genannte Elfen-Beauftragte werden ihr schier übernatürliche Kräfte zugesprochen. Und die waren bei dem Erdhaufen von Nöten.

"In dem Berg wohnten Elfen", sagte Erla

"Die Anwohner glaubten, dass in dem Hügel Elfen leben", erzählt Erla Leifsdottir vom Olis-Konzern ganz ernsthaft, oder zumindest andere geheimnisvolle Wesen. Auf jeden Fall musste ihre Namensvetterin ran. Denn mit Elfen oder Trollen, Gnomen oder auch so genannten Huldufolks, das weiß in Island jedes Kind, legt man sich besser nicht an. Sonst kann es passieren, dass es bei Bauarbeiten zu unvorhersehbaren Unglücksfällen kommt, unscheinbare Flüsse auf einmal über die Ufer treten oder gesundes Vieh auf den Weiden urplötzlich verendet.

Also machte sich die schwergewichtige Erla Stefansdottir auf den Weg, um Kontakt zu den heimlichen Wesen aufzunehmen. Ihr Ergebnis war eindeutig: "In dem Berg wohnten Elfen", sagte Erla, schließlich ist sie Expertin. Und das Unternehmen handelte.

Vorsichtig wurde der Hügel abgetragen und liebevoll versetzt, ein paar Meter weiter. "Niemand wollte, dass die Hügelbewohner unglücklich werden oder schlechte Laune bekommen und uns womöglich Schwierigkeiten machen", sagt die andere Erla, die von Olis.

Die unglaubliche Geschichte, zu der das Unternehmen, besser ist besser, sogar eigens eine Pressemitteilung herausgab, ist keine Ausnahme. Ob Elfen oder Trolle, von übernatürlichen Wesen wimmelt es geradezu in Island. Sie gehören zum Leben auf der rauen Insel wie ihre Vulkane, Gletscher und Geysire. Seit Menschen das Eiland im atlantischen Nordmeer besiedeln, mussten sie gegen Naturgewalten kämpfen - und gegen mancherlei Unerklärliches. Wo der Verstand nicht half, sprangen Phantasie und Überlieferungen ein, denen Island eine einmalige Spukdichte und eine ganze Palette übernatürlicher Wesen verdankt.

Trolle zum Beispiel. Die leben im Gebirge, sind stark, raubeinig, schelmisch und interessiert an mancherlei Schabernack. Elfen machen es sich gern in Steinen und Hügeln gemütlich, sind mal riesengroß, mal klitzeklein, gern von einem leuchtenden Schimmer umgeben und besonders besorgt um Natur und Umwelt.

Es gibt Gnome und Zwerge, was mitnichten das gleiche ist, Huldufolks oder Berggötter, die mit unendlicher Strahlkraft ganze Dörfer beschützen können - oder eben ins Unglück stürzen. Und ans Licht der Welt gekommen sind all die Fabelwesen wahrscheinlich an einem dieser langen arktischen Winterabende, in denen die Nacht dunkel, die Langeweile groß und der nächste Hof unendlich weit weg ist.

Kaum einer traut sich, die Existenz von Elfen und Trollen zu leugnen

Erste Hinweise auf die sagenhaften Gestalten, ihre Geschichten und Mythen finden sich bereits in Überlieferungen aus dem 12. Jahrhundert. Im frühen 18. Jahrhundert ließ der isländische Handschriftensammler und Gelehrte Arni Magnusson in größerem Stil Sagen und Märchen aufzeichnen. Gut hundert Jahre später dann trugen Magnus Grimsson und Jon Arnason, nach dem Vorbild der deutschen Brüder Grimm, zusammen, was sich die Leute so zu erzählen wussten.

Nur jeder zehnte Isländer traut sich, jegliche Existenz von Elfen, Trollen und Co. schlichtweg zu leugnen. Mindestens ebenso viele möchten daran glauben, und der große Rest legt sich lieber nicht so genau fest, ergab eine Umfrage. Auf jeden Fall erfreuen sich die Geschichten über unsichtbare und mächtige Wesen bis heute großer Beliebtheit. Allzu gerne wird sich ihrer mythologischen Erklärungsmuster für scheinbar Unvorhergesehenes bedient. Wenn beispielsweise bei Straßenbauarbeiten Bagger und Bulldozer aus unerklärlichen Gründen immer wieder mit Maschinenschaden ausfallen, wie unlängst nahe Ljarskoger im Norden, dann ist zumeist ein Felsen daran schuld, der im Weg stand, und, natürlich, nicht nur ein simpler Findling war, sondern die Behausung einer Elfenfamilie.

Oder wenn die beste Milchkuh plötzlich und unerwartet verendet, wie auf einem Hof in Sydri Grof im Süden, und aufgedunsen vor dem Baugerüst für einen neuen Stall liegt, dann ist der Wink eindeutig. Schließlich fiel dem Ausbau auch eine Anhöhe zum Opfer, die Ahnen zwar "geheimnisvollen Berg" nannten, ihr aber sonst kaum Beachtung schenkten. Eine Nachlässigkeit, wie sich nun erwies.

Erla berät Behörden, Bauherren, Hochzeitspaare und Tourismuszentralen

Sogar Ämter erheben solche Mythen inzwischen schon zur Maxime ihrer Arbeit: "Wir wollen das Phänomen nicht einfach leugnen, sondern behutsam damit umgehen", heißt es schon mal in Reykjaviks Straßenbauverwaltung. "Wir haben hohe Umweltgrundsätze und vielleicht ist Elfenschutz ein Teil davon", sagt Erla von Olis: "Nicht sinnlos die Erde zerstören und was dazu gehört".

Deshalb ist Erla Stefansdottir, 64, eine so gefragte Frau. Sie genießt den Ruf der amtlichen Elfenbeauftragten, was so viel heißt, dass jeder, der nicht mehr weiter weiß, sie um Rat fragen kann. Das sind Behörden oder private Bauherren, angehende Hochzeitspaare und Tourismuszentralen, die längst den PR-Wert ihrer Fabelwesen ausmacht haben und Stadtpläne oder Landkarten mit Elfensiedlungen und Troll-Behausungen heraus geben.

In Island ist Erla ein heimlicher Star. Von Erla wird gesagt, sie habe das "Talent, mit den übersinnlichen Wesen in Kontakt zu treten". Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Am liebsten sucht sich die schüchterne und verschlossene Frau Unterstützung von engen Freundinnen, bevor sie Fremden erzählt, dass sie Elfen und unsichtbare Wesen sehen könne, seit sie geboren ist. "Sie sind Teil meines Lebens", sagt Erla dann, "nur habe ich lange nicht realisiert, dass die anderen sie nicht sehen können". Und niemand lacht.

Dass sie mit ihren Geschichten und Zeichnungen von Elfen und anderen Wesen, "die über uns wachen und sich einmischen, um Leben und Natur zu schützen", von manchen als abergläubisch belächelt wird, von anderen aber schlicht als spinnende Alte, interessiert sie nicht. Immerhin strömen in ihre Kurse seit Jahren die Menschen. Mal sind es zwei Dutzend, mal 50, die sich zum Teil kilometerweit auf den Weg machen, um Neues über "die Energien der Welt und des Lebens" zu erfahren.

Viele fahren schwer beeindruckt wieder zurück nach Haus. "Erla ist die Beste", behauptet zum Beispiel die angesehene Malerin Kristin Gunnlaugsdottir allen Ernstes. Und nichts an der jungen Mutter wirkt überdreht. "Vielleicht", sagt Kristin dann, "sind ihre Geschichten ja einfach der Schlüssel zum Kind in uns".

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