Islamische Kunst Venedig trägt Burka

Zeitgenössische Kunst kann ja schleierhaft sein - vor allem, wenn die Künstler Burka tragen. So zu sehen bei der Biennale in Venedig. Dort sind dieses Jahr islamische Künstler präsenter als je zuvor - und überraschen mit viel Selbstironie.

So sehen Biennale-Besucher gewöhnlich nicht aus: Tief verschleiert in grauen, weißen und schwarzen Burkas zog am ersten Preview-Tag der Großausstellung ein Treck trippelnder Frauen am türkisgrünen Kanal Rio dell'Arsenale entlang. Sofort zückten verwunderte Passanten ihre Fotohandys und knipsten, was ihnen als extravaganter Begleittross eines Reisenden aus dem Mittleren Osten erschien - und sich dann doch als Performance entpuppte.



Zwar war die Aktion der pakistanischen Künstlerin Maimuna kein offizielles Ausstellungs-Event. Sie machte aber schon vor dem Eingang zum Biennale-Gelände aufmerksam auf einen der interessantesten Aspekte dieser 53. venezianischen Großkunstschau.

Noch auf keiner Biennale war die Kultur islamischer Länder so präsent: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben erstmals einen offiziellen Pavillon. Kunst aus den palästinensischen Autonomiegebieten präsentiert sich im Rahmen der Biennale-Nebenevents. Und eine weitere Schau zeigt Kunst aus Afghanistan, Pakistan und Iran.

Auf dem Biennale-Gelände konnte man sich kurz nach der Tschador-Parade schon wieder in einer Performance wähnen. Im traditionellen weißen Gewand und mit vielköpfigem Gefolge trat ein Scheich auf. Der aber war echt: Sultan Bin Tahnoun Al Nahyan eröffnete den Pavillon der Vereinten Arabischen Emirate.

Sternstunde der Ironie

Einen doppelten Boden hatte die Veranstaltung trotzdem. Weil dort gleich zu Beginn Modelle der Museumsbauten für das geplante gigantische Kulturquartier von Abu Dhabi gezeigt wurden, hielten viele den Pavillon für eine reine Werbeveranstaltung.

Doch wer genauer hinsah, entdeckte: Das Video der Pressekonferenz mit seinem aufreizendem Marketing-Sprech ist ein persiflierendes Nachspiel durch die Theatertruppe Jackson Pollock Bar. Und der Text des Pavillon-Audioguides kommt als sanft säuselnde Parodie dieser quasselnden Seh-Assistenten daher. Auch die zentralen Exponate sind hintersinnig gewählt: Das Fotoprojekt von Lamya Gargash dokumentiert die Ein-Sterne-Hotels eines Landes, das vor allem für das Burj al Arab bekannt ist: das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt.

Diese überraschend selbstironische Präsentation, eingerichtet von dem in Berlin lebenden Kurator und Kritiker Tirdad Zolghadr, stehen allerdings wesentlich konventionellere Pavillons gegenüber - wie etwa der iranische Beitrag. Verantwortet zeichnet unter anderem das "Zentrum für Bildende Kunst des Ministeriums für Kultur und islamische Orientierung".

Der Text im Biennale-Katalog wird von der Formel "Im Namen Gottes" eingeleitet und die gezeigte Kunst - etwa ein bronzener Phoenix, der goldene Eier ausbrütet - wirkt wie ein Remake überlebter Formen europäischer Nachkriegskunst.

Zwei Fronten der Kreativität

Dass aber in Iran eine spannende aktuelle Szene existiert, zeigt eine andere Schau. "Ost-Westlicher Diwan. Zeitgenössische Kunst aus Afghanistan, Pakistan und Iran" wird veranstaltet von einer Nichtregierungs-Organisation zur Förderung von Kultur und Handwerk in Afghanistan.

Hier zeigt etwa der Iraner Khosrow Hassanzadeh seine Arbeiten, für die er seine Kritik an der gegenwärtigen iranischen Gesellschaft mit Techniken der Pop Art und Zitaten alter persischer Werte formuliert.

In Iran wie in anderen islamischen Ländern ist die Position von Künstlern doppelt prekär. Der Freiheitsdrang der Kreativen ist immer auch bedroht von politischer und religiöser Reaktion, während man ihnen im Westen oft mit diffusen anti-islamischen Ressentiments begegnet.

Letztere bekam insbesondere die palästinensische Schau zu spüren, die als Biennale-Begleitevent firmierte. Alle sieben Arbeiten von "Palästina c/o Venedig" sind politisch akzentuiert und kämpferisch.

Behinderter Schriftverkehr

Nicht alle aber konnten realisiert werden. Im Rahmen ihres Beitrags wollte etwa die Künstlerin Emily Jacir die Schilder der Haltestellen an Hauptbootslinie am Canal Grande mit arabischer Beschriftung ergänzen. Obwohl offizielle Genehmigungen vorlagen, wurde das Projekt kurz vor der Realisierung von den venezianischen Verkehrsbetrieben ohne Begründung abgesagt.

Dafür aber stößt man in einer engen Gasse am Canal Grande auf junge Kunst aus Saudi-Arabien - aus einem Land also, in dem es praktisch keine Institutionen für zeitgenössische Kunst gibt. Folglich sind alle Künstler der Schau "Edge of Arabia" Autodidakten. Aufgespürt hat sie auf mehreren Reisen der norwegisch-britische Kunstvermittler Stephen A. Stapleton - eine Pionierleistung, die bei der nächsten Biennale zu einem offiziellen Länderpavillon Saudi-Arabiens führen könnte.

Vielleicht wird dann Abdulnasser Gharem wieder dabei sein. Sein Video-Beitrag handelt von einer Brücke, bei deren Einsturz Menschen ums Leben kamen, die sich vor einer anrollenden Flutwelle geflüchtet hatten. Die Arbeit, die Glauben und Fortschrittsglauben hinterfragt, ist bemerkenswert. Und der Broterwerb des Künstlers, der auch als Öko-Performer auftritt, ebenso: Er ist Major in der saudischen Armee.


Biennale: "Edge of Arabia" , Palazzo Contarini Dal Zaffo Polignac, bis zum 2. August