"Islamisches Wort" beim SWR Gottes mütterliches Kümmern

Gelungene Premiere: Zum ersten Mal ist heute auf der Website des Südwestrundfunks das "Islamische Wort" zu hören. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime trifft darin genau den richtigen Ton: Seine 4-Minuten-Botschaft ist originell, souverän und unaufgeregt.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Der Plan war gerade erst verkündet, der erste Satz noch nicht geschrieben, da schlugen die Bedenkenträger schon Alarm: Einen "Moscheen-Sender" befürchtete beispielsweise der CSU-Generalsekretär Markus Söder, als Peter Voß, Intendant des Südwestrundfunks (SWR) vor knapp zwei Monaten sein Vorhaben vorstellte, ein "Islamisches Wort" an jedem ersten Freitag im Monat auf der Website der Anstalt zu platzieren.

Heute nun ist Premiere: Die erste Botschaft steht als Podcast zum Anhören und Herunterladen bereit  - und wenn die nächsten "Islamischen Worte" ähnlich ausfallen, dürften Söders Warnungen rückblickend lächerlich wirken. Aiman Mazyek, Islamwissenschaftler und Generalsekretär des "Zentralrats der Muslime", war der erste Autor und Sprecher, und er hat seine Aufgabe gut bewältigt.

Als Thema wählte er etwas sehr Grundsätzliches: Die herausragenden Attribute Gottes (den er wohl bewusst nicht Allah nennt) und die Merkmale seiner Beziehungen zum Menschen nach islamischer Lehre: "Barmherzigkeit und Gnade". Im praktizierten Islam sind dies in der Tat allgegenwärtige Begriffe: Jedes Gebet, jede Koransure, jede Unterrichtsstunde beginnt schließlich mit der Formel "Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen", die auch Mazyek seinen Ausführungen voranstellte.

Von der Barmherzigkeit zum Mutterleib

"Rahma, die einleitend erwähnte Barmherzigkeit Gottes ... bedeutet, jemandem Wohltat und Güte zu gewähren, vielleicht sogar, ohne dass dieser es unbedingt verdient", erklärt Mazyek und erinnert an den Propheten Mohammed, der seine Anhänger dazu aufgefordert habe, jedem gegenüber barmherzig zu sein.

Durch eine Betrachtung des arabischen Wortfeldes um den Begriff Rahma herum gelangt Mazyek dann sogar zu einem neuen, originellen Bild für die Beziehungen zum Schöpfer und Geschöpf: "Arrahim, vom selben Wortstamm wie Rahma, bedeutet im Arabischen auch: Mutterleib... Das liebevolle, mütterliche Kümmern ums eigene Kind kommt der Beschreibung sehr nahe, wie Gott mit seinen Geschöpfen umgeht. Es ist demnach eher ein mütterliches Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen als ein väterliches."

Der islamische Schöpfer - eine Gottmutter? Das ist gegen den Strich gebürstet - und dazu geeignet aufzuzeigen, dass islamische Theologie und islamischer Glaube auch anders als patriarchalisch sein können.

Freilich weiß Mazyek, dass gerade dieses Premieren-Podcast wahrscheinlich von ebenso vielen kritischen Nicht-Muslimen wie Muslimen gehört wird - und er nimmt darauf Rücksicht, indem er Erklärungen einfügt, die für die eigentliche Zielgruppe unnötig sind: "Im Koran, dem heiligen Buch der Muslime", heißt es da etwa. Und der 36-Jährige, der übrigens einen unverkennbar rheinischen Zungenschlag hat, versäumt es auch nicht, subtil darauf hinzuweisen, dass die islamische Religion auch Jesus, Moses und selbst Maria kennt und verehrt (wenn auch ganz anders als Christen- und Judentum).

Dass er den Begriff der Gnade in seiner Botschaft schließlich auch auf die aktuelle RAF-Debatte anwendet um zu illustrieren wie schwierig selbige zu erweisen ist, verdeutlicht Mazyeks Anspruch, als Muslim Teil der Gesellschaft und ihrer Diskussionen zu sein. Das ist, für sich betrachtet, eine raffinierte kleine Botschaft innerhalb der Botschaft: Ein Muslim spricht über das Thema Terror - aber nicht etwa über den islamistischen! Nein, er nimmt sich selbstverständlich das Recht, über die RAF zu sprechen.

Die Autorinnen sind noch unbekannt

Mazyek selbst ist mit dem Erstling zufrieden: Er habe viel Gratulationen bekommen, auch und gerade von Musliminnen. "Von den Hardlinern kam keine Reaktion", sagte er SPIEGEL ONLINE. Auch die Zusammenarbeit mit dem Sender sei bestens verlaufen, nämlich "vertrauensvoll, kollegial und pragmatisch", auch wenn beide Seiten "ein bisschen nervös waren". Für künftige Beiträge schließt Mazyek nicht aus, auch heißere Eisen anzufassen: "Ich kann mir vorstellen, dass man innerislamische und gesamtgesellschaftliche Kontroversen aufzugreifen." Vor allem aber solle das "Islamische Wort" "Basics rüberbringen". Adressaten seien die deutschen Muslime - "aber auch die Allgemeinheit".

Der SWR hat mit der Auswahl Mazyeks ein glückliches Händchen bewiesen: Der Nordrhein-Westfale mit syrischen Wurzeln ist seit Jahren als undogmatischer und pragmatischer Dialogprofi ausgewiesen, dem jeglicher Extremismus fremd ist. Die Zweifel an seinem Verband, dem ZMD, haben nie auf ihn abgefärbt. Mazyek ist FDP-Kommunalpolitiker, bewährter Talkshowgast und einer von denen, die Probleme in den eigenen Reihen nicht kleinreden. Das hilft.

Umso interessanter dürfte werden, wie die kommenden "Islamischen Worte" ausfallen werden: Der nächste Autor wird im Mai Bekir Alboga vom türkisch-islamischen Dachverband DITIB sein. Auch zwei Musliminnen sollen dazustoßen - noch sind sie aber nicht benannt.

Dass das "Islamische Wort" bislang nur im Internet abzurufen ist, regt Mazyek unterdessen wenig auf: "Das Internet ist ein Zukunftsmedium, da sollten wir nicht so bescheiden sein", sagt er. Aber irgendwann werde man sicher über eine Ausstrahlung in Radio und TV nachdenken - analog zum "Wort zum Sonntag" der Kirchen.