Sibylle Berg

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Israel? Da war doch was!

Über die Probleme der Juden weiß der normale, uninteressierte Fernsehzuschauer und Zeitungsleser nichts. Außer dass sie natürlich für die politische Situation in Israel verantwortlich sind. Fällt Ihnen was auf?

Haben wir letzte Woche viel über den Selbsthass der deutschen Bevölkerung gelernt... Leider konnte ich Ihre zustimmenden Kommentare nicht lesen, ich war mit der Papstansprache beschäftigt, in der der 79-Jährige Europa mit einer unfruchtbaren alten Frau verglich.

Innehalten. Fällt Ihnen was auf? Nein, gut, dann lesen Sie bitte weiter. Nachdem es also das letzte Mal um eine gewisse Empathielosigkeit der deutschen Bevölkerung gegenüber der deutschen Bevölkerung ging, möchte ich heute eine Minderheit besprechen, die von vielen Deutschen noch ambivalenter behandelt wird - die Juden. So wenig unangenehm sie auch im alltäglichen Leben auffallen, die Abneigung gegen das imaginäre andere hält sich nicht nur konstant, sie wächst .

Offensichtlich gleichgültig werden Attentate, Schikanen und die Verschlechterung der Sicherheitslage eines Teils der Bevölkerung in Kauf genommen. Mehr noch - bei allen Angriffen auf Juden und Jüdinnen schwingt in der kollektiven westeuropäischen Bewertung immer der Verdacht eines Eigenverschuldens der Opfer mit. So wie jeder Mann in gewissen bornierten Kreisen ein potenzieller Vergewaltiger ist, jeder Muslim ein Terrorist, ist jeder als Jude, geborener oder konvertierter, verantwortlich für die politische Situation in Israel.

Wehren sich junge Flüchtige unterhaltsam auf YouTube gegen Hasskommentare , so frage ich mich, seit wie vielen Jahren gegen Juden und Jüdinnen im Netz gehetzt wird. Seit wie vielen Jahren wird in der Presse einseitig berichtet, wie lange werden Halbwahrheiten verbreitet, Hass und Vorurteile gesät?

Riechen die anders?

Während wir seit ungefähr einem Jahr jeden Morgen im ARD/ZDF-"Morgenmagazin" bestens über die Lage der Flüchtlinge informiert werden, sieht man über die Probleme der Juden und Jüdinnen - nichts. Weder werden Vorurteile entkräftet (nein, es gab keine Protokolle von Zion, nein, nicht der Jude ist reich, nein, sie essen keine Kinder) noch erfährt der normale, uninteressierte Fernsehzuschauer und Zeitungsleser viel darüber, dass sich jüdische Europäer in so gut wie nichts von nichtjüdischen Europäern unterscheiden.

So wie ein Jude seine Herkunft nicht laut medial kundtut, wage ich zu behaupten, weiß kein Mensch, dass er oder sie Jüdin ist. Oder? Riechen die anders? Haben sie lange Nasen und Riesenohren? Outet sich ein bislang unbescholtener Bürger (Ironie, ich sags mal lieber) als Jude, kann er/sie sicher sein, dass ein Unwohlsein bei seinem nichtjüdischen Gegenüber entsteht. Und dass das Gespräch innerhalb kurzer Zeit auf Israel gelenkt wird.

Eine drollige Übersprunghandlung, in den Hirnen der Nichtjuden entsteht ein irrationaler Kurzschluss, der sich dann erleichtert Bahn bricht. Uff, genau. Israel, hab ich auch keine Ahnung, aber da war doch was. Was Grund für all das paradoxe Verhalten, die Unwissenheit, die fehlende Empathie ist, kann jeder nur für sich beantworten.

Ich wäre wie immer sehr erfreut über Ihre Meinung, und vielleicht auch über die Gründe, die Ihnen einfallen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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