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22. April 2018, 18:04 Uhr

Ultraorthodoxe Jüdinnen entdecken Feminismus

Das Ende der Bescheidenheit

Aus Jerusalem berichtet

In der Politik haben sie nichts zu sagen - und ihr Leben ist von Regeln bestimmt, die Männer für sie machen. Aber nun begehren ultraorthodoxe Frauen in Israel auf.

Vor den Fenstern hasten Männer in schwarzen Kaftanen vorbei, den Kopf tief über religiöse Schriften gebeugt. Drinnen, in einem Jerusalemer Café am Rande der ultraorthodoxen Nachbarschaft Me'a She'arim, wiegt Racheli Ibenboim ihre sechs Monate alte Tochter im Kinderwagen und wischt sich den Pony ihrer Perücke aus den Augen.

Nach den Regeln der Ultraorthodoxen müssen verheiratete Frauen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedecken, Ibenboim setzt auf eine Echthaarperücke über dem rasierten Kopf. Die 32-Jährige ist tiefgläubig - und gleichzeitig eine der wichtigsten Kämpferinnen für Frauenrechte in Israel. Ibenboim sagt: "Wir Frauen leisten so viel, aber wir haben keine Mitspracherechte. Das ist falsch." Sie fordert mehr Rechte für ultraorthodoxe Frauen, bessere Bildung und politische Repräsentation im Parlament und im Stadtrat.

Ultraorthodoxe Juden leben in Israel meist abgeschottet, in einer Welt voller religiöser Regeln. Sie haben eigene Schulen und sind vom Armeedienst ausgenommen. Das Leben der Frauen ist besonders streng reglementiert. Während die Männer tagtäglich die Thora studieren, sind es die Frauen, die neben der Kindererziehung in den Großfamilien auch dafür zuständig sind, ein kleines Einkommen nach Hause zu bringen.

Auch Ibenboim folgte lange den Regeln ihrer Gemeinschaft: Kurz nach ihrem 18. Geburtstag verlobt sie sich, 20 Minuten haben sie und ihr Ehemann sich vorher gesehen. Bald nach der Heirat kommt das erste Kind auf die Welt. Doch weil das Geld in der jungen Familie knapp ist, sucht sich Ibenboim eine Arbeit. Drei Jahre klopft sie neun Stunden am Tag Schmuck zusammen, ein dumpfer Job für den Mindestlohn.

"Du bist im Kern verrottet"

Dennoch häufen sich Schulden an. Ibenboim beißt sich durch, schafft den Wechsel in eine Werbeagentur. Der Job ist besser bezahlt, und Männer und Frauen arbeiten dort in getrennten Büros, wie es sich für Ultraorthodoxe gehört. Ibenboim steigt weiter auf, irgendwann hat sie einen Geschäftswagen mit Fahrer. Doch in ihrem Umfeld beginnt es zu gären - schon der berufliche Erfolg ist für manche in ihrem Umfeld zu viel.

"Du bist im Kern verrottet", sagt eine Frau zu ihr. Eine Freundin fragt, was Ibenboims Tochter später von ihrer karrieresüchtigen, unanständigen Mutter denken soll. Der Vorwurf wiegt schwer. Ibenboim schämt sich für sich selbst, für ihren Ehrgeiz, für ihr Geld.

Irgendwann aber regt sich auch ihr Gerechtigkeitssinn. "Das Leid, das ich fühlte, fühlten viele andere auch. Und ich dachte: 'Dieses Leid ist deine Mission.' Denn es ist nicht nötig, dass wir es fühlen." Heute ist Ibenboim stolz auf ihren Erfolg, auf ihren Masterabschluss, den sie vor Kurzem machte.

Ihren Kampf für Frauenrechte versteht sie als Balanceakt, Ibenboim testet die Grenzen des Machbaren vorsichtig aus: "Ich fühle mich in meiner Gemeinschaft daheim und will nicht verstoßen werden." Als sie vor einigen Jahren als Kandidatin fürs Jersualemer Stadtparlament antritt, muss sie ihre Kampagne nach Drohungen abbrechen. Anderen Frauen mit politischen Ambitionen werden die Häuser mit Eiern und Farbe beworfen. Ihr Mann, erzählt sie, steht zu ihr, als einer der wenigen. Dennoch zieht sie ihre Kandidatur zurück.

Balanceakt statt Revolution - des Glaubens wegen

Die Hoheit der Männer über ihre Religion will Ibenboim nicht antasten. Das Urteil ihres Rabbis ist für Ibenboim Gesetz. Das ist ein Grund, warum diese Frauenbewegung für viele Europäer so schwer zu verstehen ist. Können das Feministinnen sein? "Irgendwann sagte jemand zu mir, ich sei Feministin, aber ich hatte das Wort noch nie gehört und wusste nicht, was es bedeutet", sagt Ibenboim. "Es ist ein Label, das von außen kommt. Ja, ich setzte mich für Frauenrechte ein, und man kann mich als Feministin sehen. Gott gibt mir die Kraft, die ich für meine Mission brauche."

Vielleicht stammt ein wenig der Kraft auch daher, dass Ibenboim nicht mehr allein mit ihrem Protest ist - um sie hat sich in den vergangenen Jahren eine kleine Gruppe ultraorthodoxer Aktivistinnen formiert.

Eine Mitstreiterin ist zum Beispiel Yael Elimelech. Sie kämpft aus einem unscheinbaren Büro-Kubus in der Jerusalemer Stadtverwaltung heraus für mehr Chancen für ultraorthodoxe Mädchen. Elimelech ist für die Bildungseinrichtungen der Ultraorthodoxen in Jerusalem zuständig. Die Kinder gehen auf eigene Schulen, in denen es eine strenge Geschlechtertrennung gibt. Weil ihre Sonderabschlüsse auf dem Arbeitsmarkt wenig wert sind, würden viele Berufstätige benachteiligt, sagt Elimelech.

Also schuf Elimelech Programme, mit denen Mädchen Abschlüsse machen können, die vergleichbar sind mit denen anderer israelischer Schüler. "Am Anfang gab es viel Gegenwehr, unsere Gesellschaft hat Angst vor Veränderung", sagt Elimelech. "Aber es ist an der Zeit. Immer mehr ultraorthodoxe Frauen realisieren, dass sie nicht länger zurückstecken sollten. Nicht bei der Ausbildung und nicht in der Politik."

Politik-Crashkurs für 30 Frauen

Zur israelischen Parlamentswahl 2014 organisierte Ibenboim erneut Widerstand, unter dem Titel "Keine Frauen als Kandidaten, keine Stimmen von Frauen". Sie wollte die beiden einflussreichen ultraorthodoxen Parteien Shas und Vereinigtes Thora-Judentum dazu bringen, Frauen auf den Listen zuzulassen. Vergeblich.

Etwas löste ihr Protest aber doch aus: Ihre Mitstreiterin Elimelech startete nach den Wahlen einen Crashkurs für politische Führungskompetenz. 30 Frauen meldeten sich an. Eine ihrer Kursteilnehmerinnen wird in den nächsten Jahren in ein politisches Amt gewählt werden, daran glaubt Elimelech fest. Vielleicht nicht gleich in die Knesset, das israelische Parlament. Aber, findet Elimelech, auch die lokale Ebene wäre ein guter Start.

Video: Ultraorthodoxe Juden und Sexualität

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