Faschismus-Kult in Italien Beten für Benito

Konzentrationslager? Giftgaseinsätze? Angriffskriege? Im italienischen Predappio werden die Gräuel des Faschismus verschwiegen - und Mussolini vergöttert. Ein Fotojournalist hat den Hype dokumentiert. Wir zeigen seine Bilder.
Mussolini-Kult in Italien: Das Land hat ein Problem mit der eigenen Geschichte

Mussolini-Kult in Italien: Das Land hat ein Problem mit der eigenen Geschichte

Foto: Giorgio Morra

Nein, für Italienreisende gibt es keinen Grund für einen Zwischenstopp in Predappio. Schlichte Häuslein säumen die Straßen des 6500-Einwohner-Ortes, dazu ein paar Bars, Restaurants, Läden. Trotzdem kennt fast jeder Italiener dieses Kaff zwischen Florenz und Ravenna; der Grund dafür kam am 29. Juli 1883 als Sohn eines Schmiedes und der Dorfschullehrerin zur Welt: Benito Amilcare Andrea Mussolini, Faschist, Kriegstreiber, Despot. Und Idol.

Denn auch 70 Jahre nach Mussolinis Ermordung durch italienische Partisanen beharren Millionen Italiener auf dem Zerrbild vom tadellosen Diktator, unter dessen straffer Führung das Land seine größte Blüte erlebte. Auch in Predappio ist die Zahl der "Duce"-Fans groß, die Faschismus-Souvenirhändler dort lassen auch mal Sätze fallen wie "Hitler war ein Verbrecher, aber Mussolini war ein Ehrenmann."

Das bemerkenswerte Treiben in Predappio belegt die Geschichtsvergessenheit erschreckend vieler Italiener. Deportationen, Geiselerschießungen, Konzentrationslager? Nahezu unbekannt. Überfälle auf Albanien und Griechenland, Giftgasangriffe in Äthiopien, Krieg an Hitlers Seite in Frankreich, Spanien, Russland? Vergessen oder verdrängt. Verantwortlich für diese Verbrechen ist Benito Mussolini, doch seit dessen Gebeine zwölf Jahre nach Kriegsende in Predappio ankamen , ist das Städtchen erst recht zum faschistischen Wallfahrtsort aufgestiegen. Der Fotojournalist Giorgio hat die Verehrung des totalitären Systems dokumentiert - hier zeigt und kommentiert er seine Bilder:

So ziehen jedes Jahr Zigtausende Ewiggestrige in das Örtchen, sie bringen ihre Hakenkreuzfahnen mit, recken auf Straßen und Plätzen den rechten Arm, salutieren vor dem Geburtsort Mussolinis. Was skandalös klingt, ist in Italien Alltag: Dort bekennen sich schon mal Spitzenpolitiker zum Faschismus, Ex-Premier Silvio Berlusconi schwärmte gar mehrfach vom "Duce". Wie kann das sein, mitten im Nachkriegsuropa, in einem Gründungsland der Europäischen Union?

Morra ist dieser Frage nachgegangen. Drei Monate lang dokumentierte er das Ringen zwischen Neofaschisten und Demokraten um die Deutungshoheit in dem Ort in der Emilia-Romagna. Dafür traf er einen Mussolini-Nachfahren, einen Funktionär der ultrarechten Partei Forza Nuova - und Bürgermeister Giorgio Frassineti, der in Predappio derzeit das erste Faschismus-Museum des Landes aufbaut.

Morra besuchte auch die Gebäude aus der Mussolini-Ära, die wie ein gefährlich streuender Tumor die ganze Stadt durchziehen: eine industrielle Bunkeranlage, das einstige Wohnhaus der Mussolinis, das frühere Hauptquartier der Nationalen Faschistischen Partei.

Dabei reicht im Grunde schon ein Blick in die Auslagen der Devotionalienläden, um zu verstehen, was in Predappio vor sich geht. Hitler-Gemälde, Mussolini-Büsken und unzweideutige Flaggen finden in großen Mengen Abnehmer. Darauf zu sehen sind immer wieder die fasces, stilisierte Getreidebündel mit einem Beil an der Seite - das Symbol für die faschistische Diktatur, die Italien zwischen 1922 und 1943 prägte.

Für Fotograf Morra  waren die drei Monate in Predappio keine einfache Mission: "Die Recherchen und das Fotografieren in diesem Milieu waren immer eine Gratwanderung", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, und: "Ich hab ja auch meine Ideale, konnte und wollte aber nicht immer offen sagen, was ich von dem Kult um Mussolini in Wahrheit halte."

Zur Person
Foto: Michael Kohls

Giorgio Morra, Jahrgang 1988, ist ein deutscher Fotojournalist mit italienischen Wurzeln. Er studierte in Bielefeld, seine Arbeit führte ihn unter anderem nach Sibirien, Indien und Polen. Zuletzt waren seine Werke in Tschechien, Berlin und Italien ausgestellt.