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Premiere an der Berliner Schaubühne: Tanz den Mussolini

Foto: Arno Declair/ Schaubühne

Premiere an der Berliner Schaubühne Tanz den Mussolini

Demokraten gegen Faschisten: Der Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier behauptet, mit Ödön von Horváths "Italienischer Nacht" von der Gegenwart zu erzählen. Warum ist er dabei so unpräzise?

Die Fassade ist perfekt. Ein weiß verputztes Häuschen mit schwarzem Blechdach und karierten Vorhängen steht da auf der Bühne, rechts hängt ein Zigarettenautomat an der Wand, der noch keinen Altersnachweis verlangt. "Gasthaus Lehninger" steht in Leuchtschrift über der Tür. Wenn die Drehbühne in Bewegung gesetzt wird, kann man hinter die Fassade schauen: Auch drinnen ist alles ganz alte BRD, vom dunkel gebeizten Mobiliar über den Spielautomaten, bei dem drei Zitronen in einer Reihe das große Glück bedeuten. Jeder, der wie der Regisseur dieses Abends, der Berliner Schaubühnenchef Thomas Ostermeier, um die 50 ist und in der westdeutschen Provinz aufgewachsen, kennt diese Gastwirtschaften, die immer wirkten wie ein Sechzigerjahre-Museum, mitsamt den Figuren, die dort saßen.

Aber was hat diese Ausstattung mit Ödön von Horváths "Italienischer Nacht" zu tun? Einem Stück, das der österreichische Dramatiker 1930 schrieb und in das Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer Zitate aus unserer politischen Gegenwart eingebaut haben, um von heute zu erzählen? Der gezeigte Hyperrealismus (Bühne: Nina Wetzel, Kostüme: Ann Poppel) steht in merkwürdigem Kontrast zur Unschärfe der inhaltlichen Analyse.

Bei Horváth geht es um einen Ortsverein aufrechter Demokraten ("Republikaner" heißen sie bei ihm). Sie wollen im Gasthaus Lehninger eine "Italienische Nacht" feiern (Italien scheint trotz Mussolini noch immer ein Sehnsuchtsort zu sein), ausgerechnet an dem Abend, an dem der Wirt zuvor auch einer Gruppe von Faschisten seinen Saal vermietet hat. Und während die Demokraten - entschlossene Junge gegen beschwichtigende Alte - sich darüber zerstreiten, wie ernst die Gefahr von rechts zu nehmen ist, rüsten sich die Faschisten zum Überfall auf sie.

Ostermeier macht aus Horváths Republikanern Sozialdemokraten. Der autoritäre Stadtrat (Hans-Jochen Wagner), der die Fraktion anführt, die vor allem in Ruhe Karten spielen will, erinnert mit Krawatte unter der Strickjacke an Sigmar Gabriel, während der junge Radikale Martin (Sebastian Schwarz) in seiner billigen Lederjacke und den abgelatschten Cowboystiefeln aussieht wie ein Juso in der Ära Kohl. Die Faschisten (warum heißen sie nicht Neonazis?) sind in zeitgemäße schwarze Hoodies gekleidet und schwenken eine Reichskriegsflagge. Wenn sie wie aus dem Nichts vor dem Gasthaus auftauchen, ihre Parolen brüllen und gleich wieder verschwinden, hinterlassen sie eine gespenstische Stille, die für einen Moment die Bedrohung spürbar werden lässt.

In der Gaststube löst sich alles in Bierseligkeit auf

Doch dann geht es schon wieder um Banalitäten von der Sorte, dass die jungen Sozialdemokraten angesichts der Lage die "Italienische Nacht" boykottieren wollen, indem sie damit drohen, nicht zu tanzen. Ernsthaft?

Man muss schon sagen, es hat seinen Grund, warum dieses Stück zu Horváths wenig gespielten zählt. Zu wenig pointiert ist es; es bleibt stecken zwischen politischem Lehrstück und den Charakterschwächenstudien seiner Figuren. Und Ostermeiers Unentschlossenheit, mit der er den Abend jetzt an der Schaubühne zwischen Gestern und Heute hängen lässt, trägt auch nicht dazu bei, einen zu überzeugen. Dabei hat der Regisseur (auch da in Zusammenarbeit mit Florian Borchmeyer) bei Ibsens "Volksfeind" und Schnitzlers "Professor Bernhardi" gezeigt, wie so ein angestaubtes Stück zur Gegenwartsanalyse taugt, wenn man es entschieden anpackt. Warum hat er zum Beispiel die völlig überholten Szenen, in denen die Demokraten ihre Frauen als unpolitisch und abhängig abwerten, nicht aktualisiert? Das war zwar auch bei Horváth schon als Macho-Kritik gemeint, aber die aktuelle Geschlechterdebatte ist doch zum Glück ein paar Schritte weiter.

In einigen Passagen gelingt es Ostermeier auch an diesem Abend, das Stück wie von heute erscheinen zu lassen. Da dürfen sich die Schauspieler vom Horváthschen Kunstdialekt lösen, der bei fast jedem, der nördlich der Donau aufgewachsen ist, zur unfreiwilligen Denunziation seiner Figur führt. Laurenz Laufenberg etwa als junger smarter Faschist, den die etwas arg naive Anna (Alina Stiegler) eigentlich im Auftrag der Sozialdemokraten anmachen soll, um ihn auszuhorchen: Mit breitem Lächeln setzt er dem Mädchen seine Weltsicht auseinander, bevor er sich mit ihr in der Toilette einsperrt, um sie zu vergewaltigen (was in dieser Eindeutigkeit nicht bei Horváth steht).

Und auch die Szenen, in denen sich in der Gaststube alles in Bierseligkeit auflöst, sind genau gezeichnet: Wenn David Ruland als dankbarer Ossi schwankend zum Monolog über seine DDR-Vergangenheit ansetzt oder der Freudexperte Betz (Lukas Turtur) zu später Stunde zu Liedern wie "Azzurro" enthemmt die Live-Kapelle dirigiert.

Aber das ist pure Nostalgie. Nicht nur die Sozialdemokratie scheint darin gefangen, sondern auch das Theater, zumindest an diesem Abend.


Italienische Nacht. Berlin, Schaubühne, nächste Vorstellungen am 24., 26. und 27.11.,www.schaubuehne.de 

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