Enrico Ippolito

Debatte über Transmenschen Rowlings simpler Reflex

In "Harry Potter" entwirft J.K. Rowling eine Welt voller freier Wesen. In der Realität äußert sich die Autorin diskriminierend gegenüber Transmenschen. Das Schlimmste ist ihre perfide Argumentation.
Autorin J.K. Rowling

Autorin J.K. Rowling

Foto: Bruce Glikas/ FilmMagic/ Getty Images

Bisher kannte die Weltöffentlichkeit J.K. Rowling als Autorin der Harry-Potter-Bücher, jetzt muss sie zur Kenntnis nehmen: Sie ist eine Terf, kurz für "Trans Exclusive Radical Feminist" - eine Feministin, die Transmenschen ausschließt. Offenbart hat Rowling diese Einstellung auf Twitter: "Kleide dich, wie du magst. Bezeichne dich, wie auch immer du willst. Schlafe einvernehmlich mit welchem Erwachsenen auch immer, der dich will. Lebe dein bestes Leben in Frieden und Sicherheit. Aber Frauen aus ihren Jobs für die Aussage zu drängen, dass das biologische Geschlecht real ist? #IStandWithMaya".

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Zur Erklärung: Unter dem Hashtag "IStandWithMaya" finden sich Solidaritätsbekundungen mit Maya Forstater, einer Steuerexpertin, deren Vertrag mit dem Thinktank Center for Global Development nicht verlängert wurde. Der Grund dafür findet sich ebenfalls auf Twitter. Forstater schrieb dort unter anderem: "Ich denke, dass männliche Menschen keine Frauen sind. Ich denke nicht, dass Frausein eine Frage der Identität oder weiblicher Gefühle ist. Es geht um Biologie."

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Gegen die Entscheidung des Thinktanks, sie nicht weiter zu beschäftigen, zog Forstater vor Gericht - und verlor. Das Gericht vertrat die Auffassung, dass ihre Überzeugungen mit der Menschenwürde und den Grundrechten anderer unvereinbar seien. Forstater hingegen betrachtet sich als feministische Vorkämpferin.

Schon seit Jahren grenzen einige Feministinnen Transfrauen aus. Sie sprechen ihnen ab, Frauen zu sein. Dass auch Rowling zu den Terfs zählt, ist allerdings erstaunlich: Wie kann die "Harry-Potter"-Autorin sich Hauselfen, Gestaltenwandler ausdenken, utopische Welten schaffen und in der Realität, außerhalb ihrer Bücher, so anachronistisch und kleingeistig denken? Wie kann es sein, dass die von Rowling erdachten Figuren offener, progressiver, weiter sind als die Autorin selbst?

Offenbar ist J.K. Rowling gedanklich nicht weit von der "Emma" entfernt. Im Dossier der aktuellen Ausgabe heißt es: "Vor 30 Jahren gab es 3000 Transsexuelle in Deutschland, heute sind es 24.000. Immer mehr Frauen fliehen in das andere Geschlecht. Warum? Ist es für junge Frauen ein Hype, das Geschlecht zu wechseln, statt die Geschlechterrolle zu sprengen? Und bereuen sie so manches Mal den Schritt?".

Dabei müsste eigentlich klar sein: Ein Feminismus, der im Jahr 2019 immer noch nicht Race, Klasse, Gender konsequent mitdenkt, sondern sich von Transfrauen bedroht fühlt, der Hass gegen Transmenschen weiter anheizt, während Transwomen of Color umgebracht werden, ist nichts weiter als ein Dementor - so heißen die magischen Seelenaussauger bei "Harry Potter".

Gender vs. Sex

Bezeichnend dabei ist, wie simpel Rowlings vermeintlich feministischer Reflex daherkommt. In der Welt von Forstater, Rowling und Co. existieren zwar Transmenschen, aber eben nur auf der sozialen Ebene des Geschlechts (gender), und nicht auf der Ebene des Geschlechts, das Menschen bei Geburt zugewiesen wird (sex).

Die Philosophin Judith Butler schrieb bereits in den Neunzigern, dass sowohl gender als auch sex soziale Konstrukte seien, die wir als Gesellschaft ständig durch Wiederholung reproduzieren würden. Und seitdem Butler dies in ihrem Standardwerk "Das Unbehagen der Geschlechter" argumentierte, wird diese Debatte geführt. Der Diskurs ist dabei eigentlich längst weiter.

Was Rowlings Tweet unerträglich macht, ist aber nicht nur ihr Anachronismus, sondern verbirgt sich in der inhärenten Logik ihrer Äußerung. Rowling tut erst mal so, als wolle sie niemanden angreifen, alle sollen schön machen, was sie wollen - und attackiert dann doch. Denn alles ist erlaubt, aber eines geht ihr doch zu weit: "Frauen aus ihren Jobs für die Aussage zu drängen, dass das Geschlecht real ist". Hier vermischt sie die Diskurse und rekurriert auf einen feministischen Gedanken: Es wurde gerade eine Frau aus ihrem Job "rausgedrängt". Dabei scheint für sie unerheblich zu sein, aus welchem Grund. Rowling spielt hier die Rechte der Frauen und die Rechte von Transfrauen gegeneinander aus. Das ist perfide.

Rowling macht sich mit einem Feminismus gemein, der die Dichotomie Frau-Mann aufrechterhalten will und Transmenschen auslöscht. Dabei könnte es eigentlich so einfach sein: Transmänner sind Männer, Transfrauen sind Frauen. Sie existieren.