Volksstück als Kriminalfall Kommissar Kušej ermittelt

Martin Kušej inszeniert als Gast an den Münchner Kammerspielen "Jagdszenen aus Niederbayern". Das Stück ist in die Jahre gekommen, der Regisseur versucht, sich mit einem Trick zu retten: Er erzählt es rückwärts.
"Aus is": "Jagdszenen aus Niederbayern" in den Münchner Kammerspielen

"Aus is": "Jagdszenen aus Niederbayern" in den Münchner Kammerspielen

Foto: JU/ Ostkreuz

Der Regisseur scheint dem Stück heftig zu misstrauen. Das geht schon damit los, dass auf dem Plakat und dem Programmheft für Martin Kušejs Inszenierung von "Jagdszenen aus Niederbayern" das "Nieder" aus dem Titel gestrichen wird: Reinöd, wo Martin Sperr seine Geschichte um geistigen Muff und Kuhstallmief angesiedelt hat, soll wohl überall sein.

Doch das allein reicht irgendwie nicht aus: Selbst in Bayern dürfen Schwule längst Bürgermeister oder gar Prinzenpaare  werden - da erscheint die kollektive Hatz der Dorfbewohner auf einen jungen Mann mit homosexuellen Neigungen wie ein Schauermärchen aus selbst für den katholischen Freistaat finstersten Zeiten. Bei Sperr, dessen Stück aus den Sechzigerjahren Ende der Vierziger spielt, hieß es noch apodiktisch, dass Schwulsein auf dem Dorf nicht so modern ist wie in der Stadt. Lauwarmer Kaffee von gestern.

Was also tun, dachte sich Kušej offenbar. Und verfiel der Idee, die Vorlage derart radikal zu schleifen, dass man sie nurmehr mit Mühe wiedererkennen kann (Sperr ist nicht Brecht und kann daher gefahrlos verunstaltet werden).

So fängt der Abend mit dem Ende an und arbeitet sich an den Beginn zurück. Schüsse fallen, und der Held, von dem man noch nicht weiß, was er angestellt haben mag, ist niedergestreckt (was ihm im Original erspart bleibt, aber egal).

Wer die "Jagdszenen" nicht einmal vom Hörensagen kennt, hat ab jetzt ein Problem. Denn die Figuren, die da im szenischen Rückwärtslauf erscheinen, sind ja noch gar nicht eingeführt worden: Tote erscheinen im nächsten Moment wieder, Worte, die zu Taten führen, werden erst noch gesprochen. Einer hängt sich auf und Minuten später klagt er über sein Leid; eine ist schwanger und kommt dann als Jungfrau auf die Bühne.

Reizvoll? Spannend? Nur in Maßen, denn die Rekonstruktion des "Falles", zu dem die Dorf-Story hier erklärt wird, gerät bei Kommissar Kušej zur totalen Dekonstruktion der Handlung. Und macht überhaupt keinen Sinn.

Vom Höhepunkt der Auseinandersetzung hangelt sich die Inszenierung spurensuchend in die Niederungen zurück, ohne dass das irgendwie mehr über die Beweg- und Abgründe erzählen könnte, als es Sperr in der "richtigen" Reihenfolge tut.

Dabei muss man überhaupt nicht auf dem herumreiten, was in dieser hermetischen Gemeinschaft noch als empörend empfunden wurde. Abram, der junge Mann, ist ganz einfach anders, er passt nicht ins Bild und fällt aus der Zeit, die hier nicht vergeht. Er ist Projektionsfläche für die eigenen aufgestauten Fantasien, er ist das Opfer, das man bringen muss, um sich selbst vor Gott und den Nachbarn reinzuwaschen. Er ist der Fremde. Und Sperrs Stück ist der derbe, sarkastische Kommentar zum bigotten, verlogenen Verhalten einer sich abschottenden Gesellschaft.

So einfach wäre das. Doch Kušej will es kompliziert.

Dürftige Imitation

Und er, der Chef des Residenztheaters, will noch etwas, was auf fatale Weise dann aber irgendwie lächerlich wirkt: Er will kammerspielerischer sein als die Kammerspiele selber. (Bekanntlich begruben die beiden Münchner Intendanten die - O-Ton - "bescheuerte Feindschaft" der Häuser an der Maximilianstraße und inszenieren nun jeweils ein Stück am fremdem Theater; Johan Simons zeigte "drüben" Jelineks "FaustIn and out".) Kušej also macht einen Kratzfuß vor dem Stil des kleineren Hauses - und heraus kommt nur eine dürftige Imitation.

Nicht erst seit "Onkel Wanja" oder den Inszenierungen der Regisseurin Susanne Kennedy übt man sich ja hier in der schwierigen Kunst des ausdrucksstarken Stillstands auf der Bühne, hier sprechen die stummen Bilder mitunter klarer als ein paar Seiten Text.

Vorwiegend düster ist es auf der Drehbühne, die im Trüben rotierend abwechselnd klaustrophobische Unorte aus Beton oder Brettern zeigt; das Spiel mit Lichtkegeln und Schlagschatten schafft zudem noch eine schwarz-weiß-kalte Atmosphäre feindlicher Unwirtlichkeit (Bühne: Annette Murschetz). Musikfetzen dräuen schwer, die Figuren illustrieren aufdringlich, und es erstarrt das, was sich der Regisseur wohl so unter mörderischer Scheinheiligkeit vorstellt.

Sätze, wenn sie denn einmal zäh fallen zwischen den endlosen Pausen, werden wie ausgegrabene Fundstücke in den furchtdurchfluteten Raum geraunt, letzte Fetzen der Verständigung. Das ist aber alles so schick morbid und ästhetisch schmuddelig, so verbissen ausweglos und vordergründig trist, so geschnitzt bodenständig und zelebriert armselig, dass es wie eine Karikatur der himmelschreienden Zustände wirkt.

Problem Schlusspunkt

Natürlich kann Kušej in den Kammerspielen auf ein Ensemble vertrauen, das äußerst diszipliniert die hohe Schule der tieferen Statik beherrscht. Aber schon Sperr legte keinen großen Wert auf die psychologische Feinarbeit bei seinen Charakteren, strickte sie einfach nach dem ländlichen Muster.

Und so erscheinen die Personen bei Kušej nur mehr wie ausgestellte Pappkameraden, willenlos hin- und hergeschoben zwischen angedeuteten Aktionen, sei es Schweineschlachten oder Mord. Da bricht keiner aus und sticht niemand hervor, allenfalls noch Gundi Ellert als gedemütigte Mutter oder Anna Drexler als Tonka mit nassforschem Trotz. Warum der schwule Abram von einer Frau gespielt wird (Katja Bürkle als scheu-sanfter Außenseiter), bleibt unergründlich.

Wie überhaupt das ganze Unternehmen, das schließlich, je endloser sich der kurze Abend zieht, auf ein weiteres Problem zusteuert: Wann, wie und wo setzt man einen Schlusspunkt, wenn man den Showdown an den Anfang gestellt hat?

Bei Sperr, der schmerzlich langsam in den Sumpf der gepredigten Doppelmoralitäten hinabführt, beginnt die Provinz-Tragödie damit, dass es "nach Schweinebraten riecht". Das ist für Kušej schon eine gehörige Portion Realismus zu viel, ist er doch angetreten, das Elend, das er mit den spitzen Fingern des feinfühligen Künstlers anfasst, nur aus sicherer Entfernung zu zeigen.

Also lässt er einfach ein knapp bayerisches "Aus is'" sprechen. Das klingt dann leider so hilflos wie es der Regisseur überhaupt war, der dem Stoff, den er inszenieren wollte, heftig misstraute - aber da beginnt die Geschichte ja wieder von vorne...


"Jagdszenen aus Niederbayern" . Münchner Kammerspiele , nächste Vorstellungen am 24. und 27.2. sowie am 2., 14. und 20.3., Karten unter www.muenchner-kammerspiele.de .

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