Jahresausblick 2018 Ein Hoch auf den Tut-Bürger!

Die gute Nachricht ist: Das Jahr ist endlich vorbei. Die schlechte: Alles muss man selbst machen - also auch ein besseres 2018.

Demonstration gegen Rassismus in Berlin
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Demonstration gegen Rassismus in Berlin

Eine Kolumne von


Es ist die schrecklichste aller Zeiten, sagen viele, und schlurften verstört in ihren geheizten Wohnungen herum.

Das Klima, die Rohstoffe, der Terror, die Konflikte, und fast jedes westliche Land baut sich gerade seine neoliberale Regierung oder bastelt seinen putzigen Tribalismus, passend zu den regionalen Vorlieben.

Frankreich hat einen eleganten agilen Denker, Deutschland versucht es mit Apellen ans Völkische, der ehemalige Ostblock mit Ideen, die an die sozialistische Fehlinterpretation erinnern. Die Schweiz gut bürgerlich, polterig, und Österreich institutionalisiert eine Mischung aus rechtsextremer und eloquent rechtskonservativer Gesinnung.

Das will ein Teil der BürgerInnen so. Und der andere Teil ist erstarrt. Will reden. Überzeugen. Fühlt sich im Recht. Schreibt Blogs. Und seine Parteien, die sogenannten linkeren, humanistischeren haben sich zerstritten. Haben die Unzufriedenheit und die Angst, ob berechtigt oder nicht, ignoriert. Sich dem Bedürfnis nach Vereinfachung nicht gebeugt.

Das natürlich absurd erscheint, in einer Welt, die durch Globalisierung, Vernetzung und Digitalisierung noch komplexer geworden ist. Aber - die Wähler wollen das. Vereinfachung. Parolen, die man gut mitsingen kann, scheinen viele erreicht zu haben. Nicht nur die Überforderten, sondern auch jene, die man als Menschenhasser bezeichnen kann, hat die Simplifizierung komplexer Zusammenhänge in ihren schlichten Gedanken bestätigt, die immer den weißen Mann als Glanzleistung der Evolution beinhalten.

Soweit 2017.

Die gute Nachricht ist: Das Prinzip des unbegrenzten Kapitalismus wird scheitern. Entweder durch den Kollaps der Natur oder durch eine Revolution, die in der Geschichte immer erfolgt, wenn die Ungleichheit der Vermögensverhältnisse absurd groß wird. Die Furcht vor Unruhen - oder nennen wir es: vor dem Klassenkampf - ist eine Grundsorge des nicht regulierten Kapitalismus. Wer demonstriert, kauft nicht.

Der Angst vor dem unkontrollierbaren Bürger wird, ich werde nicht müde es zu betonen, durch den ständig wachsenden Ausbau der Überwachung und einer Aufrüstung der Polizei begegnet. Mit der Duldung der Ausweitung polizeilicher Gewalt. Und der Kriminalisierung der konsumbedrohenden Jugendbewegungen. Oder deren Einverleibung in den Kapitalismus, wie es bei der Punkbewegung passierte. Das Bedrohungsszenario durch die staatliche Gewalt wächst mit der Angst und der Unsicherheit, eventuell auch mit der Vorahnung einer Inflation. Die Botschaft ist klar: Zu Hause bleiben, Steuern zahlen, sich in Blasen bewegen, Ruhe bewahren.

Nichts verschenken. Sich wehren.

Das neue Jahr kann nun bedeuten, dass ein Teil der BürgerInnen weiter dem Umbau der Demokratie und leider auch der Verrohung und der daraus resultierenden Gewalt gegen Schwächere zusieht, abwartet, bis die neoliberalen Regierungen sich etabliert haben, und tut, was sie ihrer Natur und ihren Finanziers folgend tun müssen: den Abbau des Staates beschleunigen; Sozialleistung kürzen; Schwache diskriminieren; Frauenrechte einschränken; Einsparungen im Bildungs- und Gesundheitswesen vornehmen und was sonst noch die These vom Überleben der Fittesten untermauert.

Oder: Der mit dem jetzigen Status quo Unzufriedene wird aktiv. Hurra, Aktion. Was immer bedeutet: die Ohnmacht durchbrechen. Nichts verschenken. Sich wehren. Es gibt verschiedene Wege, zu handeln.

Der einfachste könnte sein: Die eigenen Standpunkte klar formulieren. Sich nicht beirren zu lassen. Im kleinen Kreis darüber reden, in welcher Welt man leben möchte, das Gefühl bekommen, nicht alleine zu sein. Sich anderen, Gleichdenkenden anzuschließen. Parteien beitreten und sie erneuern, Parteien gründen, Bürgerbewegungen initiieren. Widerstand gegen Faschisten zeigen.

Und seine Privatsphäre zu schützen. Das ist nicht kompliziert, wenn man sich ein paar Stunden Zeit nimmt.

Wenn es etwas Gutes geben kann im neuen Jahr, dann hat es mit Aktivität zu tun. Mit der vollen Ausschöpfung der Bürgerrechte in einer Demokratie.

Der erstarrte Teil der Bevölkerung hat nicht verloren. Er hat sich nur noch nicht ausreichend engagiert. Ein gutes neues Jahr.



insgesamt 40 Beiträge
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GinaBe 30.12.2017
1. Prosit Neujahr 2018!
Das Glas ist immer halbvoll! Vielen Dank für die aufmunternden, zuversichtlichen Worte zum Ende eines schwierigen Jahres. Und nein, mit Neuwahlen kriegen wir das neue nicht hin und durch Ankreuzen der AfD sicherlich auch nicht, schielen wir mal nach Österreich. Wer weiß, was die Jungs dort vorhaben. Persönlich kann jede(r) mit dem Ziehen der Bilanz durchaus neue Aspekte hervorkitzeln, die es aufzubauen gilt- wo Potential wartet. Gesellschaftspolitisch mehren sich medial Stimmen, die sich für ein Abwenden von neoliberitärer Gesichtspunkten aussprechen, sondern dem bürgerlichen Individuum erneut mehr Rechte zusprechen wollen, um in der gerechtigkeitsdebatte ein machtwort zu sprechen und ein Aufheizen negativer Stimmungen zu verhindern. WIE kann das auch sein, wenn Wirtschaftsnachrichten jubeln und ständig neue beste Prognosen publizieren, diese aber bei fast der Hälfte der Bürger keine Auswirkungen haben und Deutschland den erfolgreichsten europäischen Niedriglohnarbeitsmarkt unterhält. Ja, sehen wir hoffnungsfroh ins neue Jahr, sparen bei den Böllern und helfen so, Feinstaubbelastungen zu reduzieren. Beginnen wir übermorgen mit etwas Neuem und lächeln dem neuen Jahr freudig entgegen.
Lykanthrop_ 30.12.2017
2.
Im großen und Ganzen eine gute Kolumne von Frau Berg. Etwas Männerfeindlichkeit schwingt mit, Sie kann nicht aus Ihrer Haut, Ok. Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte. Wie es weiter geht ? Das liegt an uns, jedem Einzelnen und der Glaskugel. Ich wünsche allen ein gutes neues Jahr 2018 !
ayee 30.12.2017
3. Konsum
Es wäre ein schöner Anfang, wenn die Menschen sich darüber im Klaren wären, wieviel allein ihre Konsumentscheidungen ausmachen. Die meisten finden die Wegwerfgesellschaft, unzivilisierten Zustände in der Massentierhaltung, Betrug der deutschen Dieselhersteller am Kunden usw. usw doof, aber konsumieren genau diese Produkte. Leider setzt das Reflexionsvermögen voraus. Und dann muss das auch noch in Taten umgesetzt werden. Es ist aber so, dass durch bewußteren Konsum viele Dinge zum positiven geändert werden könnten und das komplett ohne eine Regierung. Jeder kann diese Probleme für sich selbst lösen.
martinm70 30.12.2017
4. Wir brauchen mehr Bürger Entscheide und mehr direkte Demokratie
Bürger Bewegungen gründen, auf Demonstrationen gehen bringt eh nichts, hat es noch nie und wird es auch nie. Die Regierung lässt sich dadurch nur selten beeinflußen, oft tut sie eher noch das Gegenteil, man will schließlich nicht schwach wirken, in dem man der Meinung linksradikaler nachgibt. Was die Regierung aber machen könnte, auch um Demonstrationen zu minimieren, wären mehr Bürger Entscheide. Demonstranten, besonders Linksradikale, tun gerne so als würden sie für den kleinen Bürger sprechen, damit kann man ihnen den Wind aus den Segeln nehmen. Stuttgart 21 ist das beste Beispiel, da hat sich herausgestellt das die Bevölkerung den Bahnhof eben doch will. Oder das Rauchverbot in Kneipen, auch da hat der Großteil sich für ein Rauchverbot entschieden.
dasfred 30.12.2017
5. Ich halte mich da raus
Zu jeder Wahl habe ich versucht, den Unzufriedenen und zu kurz gekommenen in meiner Umgebung klar zu machen, dass sie zumindest mal ein Kreuz machen wenn sie sonst schon nicht aktiv werden. Weil das nicht gefruchtet hat, höre ich mir jetzt auch das Genöle nicht mehr an. Wer nicht will, der hat schon. So hieß es früher. Wer Unterstützung braucht muss aktiv werden. Keiner kommt zum Füttern vorbei wenn er nicht eine Gegenleistung erwarten kann. Um Aktive muss ich mir auch keine Gedanken zu machen, die wissen was sie wollen. Das heißt für mich, ich brauche mich nur noch um mein eigenes Wohlbefinden sorgen. Sollen doch alle machen was sie wollen, irgendwie hat sich noch immer alles von selbst geregelt. Wer nur auf Kosten Anderer schmarotzt wird eines Tages an seine Grenzen stoßen. Ich könnte ja nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, dass die Österreichische Regierung wirklich so schlimm ist wie sie aussieht und auch in allen anderen Ländern und Regierungsformen gibt es Gewinner und Verlierer. Mir ist egal, wer regiert, solange ich meinen Status halten kann.
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