Jahresbilanz von "Reporter ohne Grenzen" 348 Journalisten weltweit im Gefängnis

Vor allem in der Türkei wird die Lage für die Medien schwieriger. International sind derzeit sechs Prozent mehr Reporter in Haft als noch vor einem Jahr. Jetzt möchte Reporter ohne Grenzen die UN einschalten.

Protest für Pressefreiheit in der Türkei
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Protest für Pressefreiheit in der Türkei


Das harte Vorgehen der türkische Regierung gegen Medienschaffende nach dem gescheiterten Putsch vom Juli hat die Bilanz der weltweit inhaftierten Journalisten deutlich in die Höhe getrieben. Das geht aus dem ersten Teil der Jahresbilanz von Reporter ohne Grenzen (ROG) hervor. Mindestens 348 Medienleute säßen demnach in verschiedenen Ländern im Gefängnis, sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Alleine in der Türkei seien derzeit über 100 Journalisten in Haft.

"Die Hexenjagd gegen Journalisten in der Türkei sprengt alle bekannten Dimensionen", sagte ROG-Vorstandssprecherin Britta Hilpert. Dass sich die Türkei, immerhin ein EU-Beitrittskandidat, in einer Reihe mit notorischen Feinden der Pressefreiheit wie den Regimen in China, Syrien und dem Iran befinde, sei bezeichnend für das drastische Vorgehen der türkischen Behörden gegen die Pressefreiheit.

Bei 41 der über 100 inhaftierten Journalisten in der Türkei sei nach Prüfung der ROG eindeutig, dass die Haft mit ihrer journalistischen Arbeit zusammenhänge. Bei Dutzenden weiteren sei eine solche Verbindung nicht auszuschließen, habe sich bislang aber nicht mit Sicherheit feststellen lassen. Laut ROG erfahren selbst die verhafteten Journalisten und ihre Anwälte lange nicht, was genau ihnen vorgeworfen werde.

Doch nicht nur in der Türkei werden Journalisten verfolgt und eingesperrt. Die meisten inhaftierten Medienschaffenden gibt es laut der ROG-Jahresbilanz außerdem in China, Syrien, Ägypten und dem Iran. Darunter seien neben 187 professionellen Journalisten auch 146 Blogger und Bürgerjournalisten sowie 15 sonstige Medienmitarbeiter.

Nicht nur Haftstrafen, auch Kidnapping sei laut dem Bericht eine Gefahr für Journalisten. Entführt seien weltweit derzeit 52 Medienleute - ausnahmslos in Syrien, im Jemen oder im Irak. Von denen befänden sich 21 in der Gewalt der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Allein in der irakischen Millionenstadt Mossul hielten IS-Terroristen seit fast zwei Jahren zehn Journalisten und Medienmitarbeiter in ihrer Gewalt.

Um Journalisten in Zukunft besser zu schützen, wirbt ROG derzeit bei den Vereinten Nationen für die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten, um die Verantwortlichen für solche Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen und den "verheerenden Kreislauf der Straflosigkeit zu durchbrechen".

Ein solcher Sonderbeauftragter sollte die Bemühungen der verschiedenen UN-Institutionen zum Schutz von Journalisten koordinieren und die bestehenden völkerrechtlichen Vorschriften durchsetzen. ROG erhofft sich so, die Zahl von Übergriffen und Gewaltakten gegen Journalisten zu verringern. Der Deutsche Journalisten-Verband schloss sich der Forderung an.

eth/dpa



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