Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Kein Bild ist unschuldig

Gibt es eine digitale Ethik des Hinschauens? Videos wie die von der Enthauptung James Foleys offenbaren ein moralisches Dilemma: Wer zuguckt, spielt den IS-Mördern in die Hände. Ein ikonographischer Teufelskreis.

Sie hängten eine schwarze Fahne raus, die Fotografen und Kriegsreporter, die um ihren Kollege James Foley trauerten, sie färbten das Fenster schwarz, wo sonst auf Facebook ihr Gesicht zu sehen ist, es war ein virtueller Protest und eine reale Trauer, und einige von ihnen formulierten einen Satz, der eigentlich gegen ihre Berufslogik geht: Schaut euch das nicht an!

Schaut euch das Video nicht an, das zeigt, wie unser Freund irgendwo in der Wüste niederkniet, in einem orangeroten Shirt, wie es die Gefangenen in Guantanamo auch tragen, so schnell, so einfach, so direkt funktioniert die Bildsprache des frühen 21. Jahrhunderts.

Er muss ein paar Sätze aufsagen, der Schädel ist kahl rasiert, und der Mann, der neben ihm steht, hält einen Dolch in der linken Hand, sein Gesicht ist vermummt, und jeder, jeder, jeder weiß, wie diese Szene weitergeht.

Es ist der Film der Gegenwart, der sich dort vor aller Augen abgespielt hat, das Wissen um die Grausamkeit ist so breit gestreut, der Wahn ist so sehr Realität geworden, im Grunde reichen die kleinsten Reize, um Reaktionen im Gehirn auszulösen oder dort, wo der Schrecken eben seine Bastion hat.

Fast wie ein "Tableau"

Sie wissen das, die Propagandisten des IS, sie wissen genau, wie sehr sie ihr Publikum schocken müssen, sie wissen, wie sie diesen Schock inszenieren müssen, und sie wissen auch, wie weit sie mit dem gehen können, was sie zeigen und was sie nicht zeigen: Es gibt ein Black, so beschreibt es des Medienjournalist David Carr, ich habe mir das Video nach dem Aufruf der Kriegsreporter nicht angesehen, es gibt ein Black nach dem grausamen Anfang, danach ist der Kopf zu sehen, wie er "sorgfältig arrangiert auf dem Körper ruht", fast wie ein "Tableau", schreibt Carr.

"Es scheint mir fast", sagt dazu der Dokumentarfilmer Alex Gibney, "als hätten sie den Film bewusst weniger grausam gemacht, damit er umso mehr über das Internet geteilt und gesehen wird. In gewisser Weise ist das fast noch erschreckender: Wie sorgfältig das alles in Szene gesetzt ist, um die größte mögliche Wirkung zu erzielen."

Wer Respekt vor dem Leben hat, sollte nicht dadurch zum Komplizen werden, dass er den Mördern den letzten Triumph gönnt, ihr Grauen in der Welt zu verbreiten: Das waren der Protest, die Wut, die Aufforderung der Fotografen und Kriegsreporter, die Bilder nicht anzuschauen - aber dieser Film spielt sich ganz von alleine ab, er entfaltet seinen Horror auch bei denen, die ihn nicht gesehen haben.

Mit stummer Macht

Zu viele Bilder sind schon dort draußen, zu viel Schrecken ist online verfügbar, der Horror breitet sich aus mit stummer Macht, seit er live und in Farbe gesendet wird - der symbolische Wendepunkt hat sich gerade zum 13. Mal gejährt, es war der Angriff vom 11. September 2001 in New York, und der Schriftsteller Don DeLillo hat einmal beschrieben, wie die Terroristen mit den Bildern, die sie dabei erzeugten, der Welt ihre Geschichte aufzwangen, wie sie mächtiger wurden als die Politiker und auf jeden Fall als die Schriftsteller, die den Bildern hinterher schreiben mussten, gefangen in einem analogen Medienuniversum von Ursache und Wirkung.

Denn auch darum handelt es sich, um einen Bruch in der Wahrnehmung, der mit den Bedingungen der digitalen Welt zusammenhängt: Millionen, Milliarden von mobilen Kameras, die alles und jedes zu filmen scheinen, ob per Handy in Ferguson den Tod von Michael Brown oder per Helmkamera den eigenen fatalen Motorrad-Unfall - und dann die sofortige und virusartige Verbreitung der Bilder durch die sozialen Medien.

All das führt zu neuen Fragen nach einer digitalen Ethik des Hinschauens oder des Wegschauens. Das Grauen hat alles durchdrungen. Was in der vor-digitalen Ära oft als Gerücht herumgeisterte: Snuff-Videos, die zeigen, wie ein Mensch getötet wird - lächerlich, leider, von heute aus gesehen, und jederzeit verfügbar. Die Frage, die sich nun stellt, ist, was passiert, wenn das Grauen Politik wird.

Popkulturell geschulte Horden

Es war schon in Syrien so, dass, endlich, endlich, der Westen scheinaktiv wurde, als die Bilder der Giftgas-Angriffe von Assad bekannt und vor allem gedruckt wurden, die bläulichen, blassen, leeren, toten Gesichter haben das geschafft, was die vielen vielen passionierten, alarmierten, engagierten Worte nicht geschafft hatten, die die Reporter von dort schickten, was auch die Filme und Nachrichtenbilder nicht geschafft hatten, die sonst zu sehen waren.

Es brauchte diese Zuspitzung, es brauchte wohl auch tote Kinder, wie in Gaza, es brauchte diese Emotionalisierung der Politik, die so gefährlich ist, selbst wenn schließlich eine richtige Entscheidung dabei herauskommen sollte. Auch der Foley-Mord funktioniert so: Er ist der Anlass dafür, dass die USA gegen IS aktiv werden, mit Bomben und den ersten Soldaten auf dem Boden.

Genau das wollten sie erreichen, die popkulturell geschulten Horden, die ihre ganze Bildmacht jederzeit vorführen, das angsteinflößende Schwarz ihrer Masken, Soldaten und Kalaschnikows bis zum Ende des Horizonts, die Indiana-Jones-Jeeps mit den Maschinengewehren - es ist das Dilemma von Sehen und Verstehen, das hier vorgeführt wird, denn natürlich muss man wissen, was dort geschieht und wie es geschieht, aber indem man es versteht, vollzieht es auch schon seine Wirkung.

Es ist ein ikonographischer Teufelskreis. Bilder sind Aufklärung, weil nur das Hinschauen etwas ändert. Weil nur das geschieht, von dem man weiß, also was man sieht.

Aber was passiert, wenn die Bilder das Gegenteil dessen bewirken? Wenn sie in einer Welt der Angst und der Propaganda noch mehr Hass und Terror schüren? Wenn sie die Emotionen liefern, die die Vernunft ersetzen? Wenn aus Politik Panik wird?

Darum ging es den Kollegen, den Kriegsreportern und Fotografen: Sie werden weiter hinfahren, hinschauen, berichten. Aber die Bedingungen im digitalen Zeitalter sind andere. Die Kriterien damit auch. Kein Bild ist unschuldig, kein Bild ist objektiv. Es hat einen ethischen Code eingebettet.

Und jedes Bild, das ist die Realität im piktographischen Krieg, muss mit dieser moralischen Ambivalenz gesehen werden.

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