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Licht-Installationen: "Reine Physik, nichts weiter"

Foto: A3803 Jochen Lübke/ dpa

James-Turrell-Ausstellung Mehr Licht!

Das Wolfsburger Kunstmuseum zeigt die größte begehbare Installation, die der amerikanische Künstler James Turrell jemals für ein Museum gebaut hat. Sie ist sichtbar, aber nicht greifbar - denn sie besteht aus nichts als Licht.

Wolfsburg

Ein Tagesausflug nach ? Auf die Idee kommt normalerweise nur derjenige, der einen neuen Golf aus der Autostadt abholen will. Doch nun lockt das Kunstmuseum Wolfsburg mit der "bisher größten Ausstellung des bedeutendsten Lichtkünstlers unserer Gegenwart".

Architektur

James Turrell, 1943 in Los Angeles geboren, ist dieser "bedeutendste" Lichtkünstler, und er hat im Museum, das architektonisch eher an eine Sport- als an eine Kunsthalle erinnert, sein "Ganzfeld Piece" aufgebaut - in einem elf Meter hohen Einbau, einer im Museum mit zwei ineinander übergehenden Räumen.

Wie einen Rahmen für Turrells Kunst muss man den Einbau verstehen, wie eine Fassung für das Licht, aus dem seine Installation "Ganzfeld Piece" besteht. Einfach nur Licht, gefärbtes, sich veränderndes Licht: nicht greifbar, aber sichtbar und erfahrbar.

Über eine Rampe tritt der Besucher in einen Raum ein, der mit Licht geflutet zu sein scheint. Gerade ist er blau, mit hellblauer Stirnwand, mit Kanten und Ecken, die langsam wie im Nebel verschwimmen, sich dann auf einmal umstülpen; gerade Konturen biegen sich zu konkaven oder konvexen Linien.

Fast unmerklich wechselt der Raum die Farbe, wird rot und verwandelt den Ein-und Ausgang zu einem scharf umrissenen Bild in den Komplementärfarben. Nach kurzer Zeit sieht man sich vom Licht eingehüllt, glaubt nicht in einem Raum, sondern im Nichts zu stehen. Bis zur Orientierungslosigkeit könne das gehen, warnt Markus Brüderlin, der Museumsdirektor, bei längerem Aufenthalt im Raum könne gar die visuelle Wahrnehmung ausfallen.

Eine Besucherin brach sich das Handgelenk

Bei ihm funktioniere das überhaupt nicht, sagt ein Besucher und spricht von "Physik und Budenzauber". Um der Sinnestäuschung auf den Grund zu gehen und um festzustellen, wie weit die hellblaue Stirnwand wirklich entfernt ist, streckt er seinen Arm über den Graben vor der Wand aus. "Stopp" ruft die Aufsicht, weil sie befürchtet, dass er sich zu weit vorlehnen und hinfallen könnte. Denn da sei keine Wand, "die steht fünf oder sechs Meter weiter hinten". Das Blaue da vorn, das sei einfach nur Licht, dichtes, undurchdringliches Licht.

Turrell kennt das. Er erzählt gern von einer Frau, die sich an so eine nicht existente Wand gelehnt hat, hinfiel, sich das Handgelenk brach - und prozessierte. Den Prozess habe er verloren.

Er wolle das bewusste Sehen lehren, das er das "Sich-Selber-Sehen" nennt. Denn wenn man weder einen Gegenstand noch ein Bild noch einen zielgerichteten Blick hat, was sieht man dann? "Man sieht sich selber sehen", sagt Turell.

Außerdem versuche er, das Materielle mit dem Immateriellen in Beziehung zu bringen, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren. "Meine Arbeiten handeln nicht von Licht, sie sind Licht", sagt er. Er beleuchte nichts, er forme Licht, so dass man dessen Präsenz fühlen könne. Weil es eine kraftgeladene Substanz ist.

Mit den Bildern von Mark Rothko, aus deren flirrenden Farbflächen das Licht herauszuströmen scheint, wird seine Arbeit oft verglichen. Aber anders als Rothko möchte er jedes assoziative, symbolische Denken vermeiden. Er sei kein Guru und auch kein Esoteriker: "Meine Arbeit ist reine Physik, nichts weiter."

Vermächtnis in der Wüste

Außer dem großen "Ganzfeld" zeigt die Ausstellung eine "Wedgework"-Arbeit, eine keilförmige Raumillusion. Und ein "Tall Glass Piece", das wie ein Tafelbild an der Wand hängt. Nach einem vom Künstler festgelegten Farbsystem steuert ein Computer unsichtbare Leuchtdioden hinter einer Glasscheibe zu einer "Elektronischen Malerei" mit ständig wechselnden Formen und Farben.

Gezeigt werden auch Modelle, Fotos und Zeichnungen von Turrells Lebenswerk, dem "Roden Crater" in der Wüste von Arizona, dessen Ausmaß und Bedeutung ein Video zeigt. Seit 35 Jahren arbeitet er daran, über hundert Millionen Dollar soll er verbaut haben. Eigentlich wollte er 2012 fertig sein, aber die Finanzkrise hat die Geldbeschaffung schwierig gemacht. Auf jeden Fall will er es "noch fertig sehen, ehe ich sterbe", sagt er. Und dann soll es für immer bleiben.

Vielleicht, so hofft Turrell, stehen in tausenden von Jahren Menschen in seinem Krater und staunen über sein Werk wie über uralte Höhlenzeichnungen.


Wolfsburg. Kunstmuseum. James Turrell. The Wolfsburg Project. Bis 5.4.2010, www.kunstmuseum-wolfsburg.de 

Konzert in der Installation: Stefano Scodanibbio, Kontrabass: 27.11., 20 Uhr.

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