Erste Böhmermann-Ausstellung Zum Holocaust bitte links entlang

Auf Knopfdruck Extreme wählen, Kekse mit Hasstweets, ab in den Reichspark: Die Ausstellung "Deuscthland" gibt sich als Realsatire auf die Nation - und dreht sich doch vor allem um Jan Böhmermann.

Eine Meinung haben, schön und gut, aber es muss schon die richtige sein. Palästina? So ein Quatsch. Der Osten? War mal besser. Karriere vor Kindern? Was sind das denn bitte für Werte? Naja, Merkel regelt das schon, sobald sie aus dem Wanderurlaub mit Joachim Sauer zurück ist. Oder auch nicht. Aber ist ja eigentlich auch egal. Was war noch gleich das Thema? Ach ja: Deuscthland. LOL. Was für 1 Opfer.

Die böhmermannsche Version von Deuscthland 2017 ist nur echt mit Buchstabendreher im Namen. Eine schwammig-beige Welt, die sich hinter einer Flut von Tweet-gewordenem Schwarz-Weiß-Denken auftut; in der Staatsmacht und Medien verschwimmen; in der Erinnerungskultur entweder auf 140 Zeichen verhöhnt oder als Event betrieben wird; in der Anwälte türkischer Despoten im Namen deutscher Bundesländer Werbung für umweltfreundliche Fortbewegungsmittel betreiben. Zu langweilig? Keine Sorge, Deuscthland hat auch was zu bieten. Zum Holocaust bitte links entlang.

Der Nationalsozialismus als Themenpark

Wer sich an dieser Stelle fragt, was das für ein Unsinn ist, der darf sich getrost den Stempel "Zielgruppe" aufdrückenlassen. "in was für eine zeit & land & welt leben wir überhaupt?" Diese Frage steht im Zentrum der Ausstellung "Deuscthland", mit der sich Moderator Jan Böhmermann gemeinsam mit der Produktionsfirma Bildundtonfabrik ("Neo Magazin Royale") im NRW-Forum Düsseldorf erstmals aufs Parkett der musealen Kunst wagt. Ein paar Quadratmeter Raum, ein Dutzend Exponate: Fertig ist die Realsatire. Einlass nur nach Passkontrolle.

Da steht es also nun, Böhmermanns Deuscthland - rechts, oberflächlich, hasserfüllt - und dennoch verlockend einladend. Die Kanzlerin zum Anfassen? Bitteschön. Wer möchte, kann eine schlammfarbene Socke von Angela Merkel streicheln - vermeintlich Teil ihres Urlaubsoutfits und Leihgabe der Regierung. Nicht interaktiv genug? Da hilft der Gang in die Wahlkabine. Dort können Besucher per Knopfdruck zwischen Extremen wählen: Israel oder Palästina? Schuldig oder unschuldig? Die Entscheidung geht per Tweet automatisch in die Welt hinaus - inklusive Porträtfoto aus der Kabine.

Wer aber richtig Teil dieses hässlichen Deuscthlands sein möchte, besucht den Messestand zum "Reichspark", in dem der Nationalsozialismus als Themenpark inszeniert wird, Virtual-Reality-Achterbahn und Wolfsschanze mit Kleintierpark inklusive. "It's a great Germany", heißt es dort - bevor im Kleingedruckten der Warnhinweis folgt: "Kann Übelkeit verursachen." Ja, ein bisschen schlecht werden kann es einem schon, wenn man zu viel über diese ins Extrem getriebenen Wahrheiten nachdenkt.

Es ist Böhmermanns Deutschland

Böhmermanns überspitztes Deutschland wirkt vertraut, weil es sich nah an unbequemen Realitäten wie bürgerlicher Wut und kollektiver Gleichgültigkeit bewegt. Und doch bleibt es am Ende fremd. Nicht etwa, weil es Grenzen des Geschmacks überschreitet - alles in allem präsentiert sich die Ausstellung recht zahm -, sondern weil "Deuscthland" im Kern Böhmermanns Deutschland bleibt.

An einem Automaten können Besucher Kekse mit Hassbotschaften ziehen - es sind vor allem Twitter-Beiträge, die sich gegen den Moderator richten. Im "Rechtsfreien Raum", der sich mit der Diskussion um das Schmähgedicht gegen Erdogan befasst, hängen Zeitungsartikel an der Wand: allesamt Böhmermann-kritisch, allesamt vom selben Autor. Persönliche Kampagne gegen persönliche Kampagne? In diesen Details wird es zu persönlich, verliert der Fokus der Ausstellung an Allgemeingültigkeit.

Vielleicht ist auch das intendiert. "Das ist nicht mein Land", könnte der Besucher sagen, noch einmal der Socke von Angela Merkel zunicken, und der Ausstellung den Rücken zukehren - dabei das Smartphone in der Hand. Tweet: "Deuscthland: Ganz nice, aber eigentlich auch egal."


Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt "Deuscthland " noch bis zum 4. Februar 2018

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.