Solidaritätsaktion Jan Böhmermann liest Briefe von Deniz Yücel

Seit fast hundert Tagen sitzt der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft. Bei einer Lesung in Frankfurt haben Prominente seine Freiheit gefordert - und Texte von ihm vorgetragen.

Jan Böhmermann liest einen Text des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel
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Jan Böhmermann liest einen Text des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel

Von Sebastian Drescher, Frankfurt am Main


Das Schauspiel in Frankfurt ist ein transparentes Haus. Vom Foyer aus eröffnet sich durch die hohe Glasfassade ein weiter Blick auf den Willy-Brandt-Platz, die blau-gelb leuchtende Euro-Skulptur, die grüne Taunusanlage, das berüchtigte Bahnhofsviertel. Im Inneren des Baus geht es an diesem Sonntagvormittag um jene, denen solche Fenster zur Welt verschlossen sind und deren Blick darauf fehlt: Journalisten, die weggesperrt wurden, weil sie ihrer Arbeit nachgingen. In der Türkei und anderswo.

Der Mann, der in den vergangen Monaten in Deutschland zum Symbol für die Pressefreiheit wurde, wuchs nur wenige Kilometer entfernt im südhessischen Flörsheim auf: Deniz Yücel, früher im Dienst der "Jungle World", dann "taz"-Redakteur, heute Türkei-Korrespondent für die "Welt". Seit Yücel Mitte Februar in Istanbul mit dem Vorwurf der Volksverhetzung und Terrorpropaganda inhaftiert wurde, protestieren Familie, Unterstützer und Medienkollegen mit Mahnwachen, Autokorsos und Konzerten für seine Freilassung.

Und weil Yücel nicht mehr berichten kann, lesen andere seine Texte vor. So geschehen auf der Buchmesse in Leipzig und vor einem Monat im Festsaal in Berlin-Kreuzberg - und jetzt also im Schauspielhaus Frankfurt, einer der wichtigsten Theaterbühnen der Republik. Wo vor einigen Wochen noch der Schriftsteller Paul Auster aus seinem neuen Roman "4 3 2 1" las, sollen bei der sonntäglichen Matinee die Kolumnen und Reportagen Yücels den Raum füllen. "Wir wollen das Thema in der Öffentlichkeit halten, zeigen, dass wir Yücel nicht vergessen", erklärt die Initiatorin Doris Akrap.

Deniz Yücel
imago/ Müller-Stauffenberg

Deniz Yücel

Dass das mit rund 700 Zuschauern und einem vollen Saal gelingt, zeigt: Der Fall Yücel bewegt auch Menschen außerhalb des Medienkosmos. Leser, die sich mit Yücel solidarisch zeigen wollen, oder junge Menschen, die sich für die politischen Umwälzungen in der Türkei interessieren. Und wohl auch solche, die dem Ruf der namhaften Vorleser gefolgt sind, die reihum auf die Bühne kommen: die Journalistinnen Canan Topçu und Bascha Mika, die Moderatoren Oliver Polak und Bärbel Schäfer und die Publizistin Carolin Emcke, die sich per Video zuschalten lässt.

Den Anfang macht, grinsend und bejubelt, TV-Moderator Jan Böhmermann. Ausgerechnet Böhmermann, der im Vorjahr mit seinem Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für politische Verwerfungen mit der Türkei gesorgt hat, liest die von Yücel in Haft verfassten Briefe vor.

Sie sind bedrückend. Sein erstes Haftprotokoll, weil er darin detailliert und mit lakonischem Humor seine Haftbedingungen beschreibt. Die späteren Briefe, weil sich deren Ton verändert, nüchterner wird. Und Yücel darin immer wieder betont, wie dankbar er für die Unterstützung sei. Das wirkt. Auch wenn Böhmermann eben Böhmermann bleibt und sich Blödeleien über seine eigene Unkenntniss der türkischen Sprache nicht verkneifen kann.

"Es gibt nichts Dümmeres, als für eine Idee, einen Wert oder Staat zu sterben"

Ganz anders Ilkay Yücel, die ihren Bruder schon mehrfach im Gefängnis von Silivri besucht hat, wo Deniz Yücel seit März in Einzelhaft sitzt. Dazu sagen will sie nichts, die Auswahl ihres Texts aber lässt keine Zweifel an ihrer Sorge: Die kurze Geschichte aus Yücels Reportagensammmlung "Taksim ist überall" handelt von zwei Brüdern, von denen der jüngere bei Protesten von Polizisten zusammengeschlagen wurde und später an seinen Verletzungen starb. Sie schließt mit dem letzten Tweet des Verstorbenen: "Es gibt nichts Dümmeres, als für eine Idee, einen Wert oder Staat zu sterben. Nichts ist so wertvoll wie das Leben eines Menschen." Zu keinem anderen Zeitpunkt ist das Schweigen im Saal so laut wie jetzt.

Nicht alles, was Yücel als Journalist geschrieben hat, wird besser, wenn es andere vorlesen. Vieles ist schlicht journalistisches Alltagswerk. Seine Kolumnen dagegen funktionieren. Etwa, wenn sich der Radiomacher und Popjournalist Klaus Walter eine der preisgekrönten Vuvuzela-Kolumnen zur WM 2010 vornimmt, in der Yücel sich mit vergurkten Wortspielen über das Versagen von Mesut Gürkzil und Gurkas Pogurski auslässt.

Für hörbares Vergnügen im Publikum sorgt auch die Schauspielerin Paula Hans, die mit viel Verve Yücels Provokation "Super, Deutschland schafft sich ab!" vorliest. Ein Text, der Yücel in rechtspopulistischen Kreisen den Beinamen "Deutschlandhasser" eingebracht hat. Und der nachwirkt, wie Doris Akrap, langjährige Begleiterin Yücels, mit ihrem Exkurs in "Hate Poetry" belegt: Auf Twitter und Facebook gibt es nicht wenige, die ihre Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass Erdogan den Journalisten doch im Knast "vergammeln" oder wahlweise auch "verfaulen" oder "verrotten" lassen solle.

Die deutlichste Kritik in Richtung des türkischen Staatspräsidenten kommt indes nicht von einem Journalisten, sondern von Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er warnt: In der Türkei sei die Pressefreiheit so gut wie abgeschafft, das Land auf dem Weg in einen totalitären Unrechtsstaat. "Wir haben die Pflicht, diese Menschen nicht zu vergessen."

Kommenden Dienstag sitzt Yücel 100 Tage in Haft. Die Initiatoren der Lesung wollen weitermachen. So lange, bis er freikommt.

Die nächste Lesung findet am 23. Mai in den Kammerspielen in München statt. Am 3. Juli ist eine Veranstaltung in Köln geplant.

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