"Provokante Aussagen" ORF distanziert sich von eigenem Böhmermann-Interview

Fast zehn Minuten sendet der ORF ein Interview mit dem Satiriker Jan Böhmermann. Dann folgt eine klare, aber auch etwas seltsame Abmoderation. Der Sender verweist auf das Objektivitätsgebot.

Jan Böhmermann: Der Satiriker und Moderator präsentiert derzeit eine Ausstellung in Graz.
Sven Hoppe/ DPA

Jan Böhmermann: Der Satiriker und Moderator präsentiert derzeit eine Ausstellung in Graz.


Erst sendet der ORF einen Beitrag, dann entschuldigt sich die Redaktion unmittelbar dafür: Das ORF-Magazin "Kulturmontag" hatte am Montag ein Interview mit Jan Böhmermann ausgestrahlt. In diesem ging es um dessen Ausstellung im Grazer Künstlerhaus, in der sich der Satiriker mit der Identität Österreichs und des "Mutterlandes Deutschland" auseinandersetzt, wie Böhmermann selbst es beschreibt. Es ist eine Weiterentwicklung der Installation "DEUSCTHLAND", die 2017 im NRW-Forum Düsseldorf eröffnet worden war.

Die Moderatorin Clarissa Stadler kündigte das Gespräch als "polemischen Rundumschlag auf Österreich" an. In dem Gespräch arbeitete sich Böhmermann an der österreichischen ÖVP-FPÖ-Regierung um den jungen Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache ab.

Unter anderem erklärte Böhmermann, es sei "nicht normal, dass das Land von einem 32-jährigen Versicherungsvertreter geführt wird". Auch sprach er von "volksverhetzender Scheiße", die der Vizekanzler auf Facebook "raushaut". Das sei "kein Zustand" - wie auch Heinz-Christian Straches verbale Angriffe auf Journalisten.

"So weit also die Ansichten des Satirikers Jan Böhmermann zu Österreich", moderierte Stadler danach das Interview ab und fuhr fort: "Der ORF distanziert sich von den provokanten und politischen Aussagen Böhmermanns." Anschließend ergänzte sie noch: "Aber wie Sie wissen, darf Satire alles und der öffentlich-rechtliche Rundfunk künstlerische Meinung wiedergeben."

Diese Abmoderation schien nicht eine spontane Reaktion zu sein, sondern klang für Zuschauer wie eine redaktionell abgestimmte Äußerung, wie sie bei solchen Sendungen üblich sind. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE verwies der verantwortliche Kulturchef Martin Traxl auf ein höchstrichterliches Urteil, nach dem der ORF verpflichtet sei, sich von unsachlichen Äußerungen in seinen Sendungen zu distanzieren.

"Keinerlei Druck von innen oder außen"

"Wichtig ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass der ORF dem Objektivitätsgebot unterliegt und nichts anderes getan hat, als medienrechtliche Vorgaben einzuhalten", erklärte Traxl. Das Interview zu senden, sich aber in Folge von den Inhalten zu distanzieren sei "eine professionelle und rechtskonforme, redaktionsinterne Entscheidung" gewesen, "die auf keinerlei Druck von innen oder außen entstanden" sei.

Der Verwaltungsgerichtshof hatte einem Bericht des "Standard"zufolge 2006 festgestellt, dass die Aussagen der Galamoderatorin bei der vom ORF übertragenen Verleihung des Nestroy-Preises 2002 das Objektivitätsgebot verletzten. Nach einer Laudatio von André Heller, in der der Schriftsteller die FPÖ scharf kritisierte und Vergleiche zum Dritten Reich gezogen hatte, hatte die Moderatorin dazu aufgerufen, die seinerzeit bevorstehenden Nationalratswahlen nicht wieder zur "Schmierenkomödie" werden zu lassen.

2017 war dem ORF die kritische Äußerung eines Studiogastes zugerechnet worden, weil in der Sendung keine Distanzierung vorgenommen worden war - die Medienbehörde warf dem Sender die Verletzung des Objektivitätsgebotes vor. Davon berichtet der "Standard". In einem anderen Fall 2018 distanzierte sich die Moderatorin einer Talkshow ausdrücklich von den FPÖ-kritischen Aussagen ("Dreckskerle", "Wasserleiche") ihres Gesprächspartners.

Böhmermann: "köstlicher witz/sartiere"

Seit einigen Wochen wird in Österreich wieder stark über die Unabhängigkeit von Medien diskutiert: Kurz nach Ostern hatte die rechtspopulistische FPÖ den ORF-Moderator Armin Wolf schwer attackiert, nachdem dieser ein kritisches Interview mit dem FPÖ-Generalsekretär und Spitzenkandidat zur Europawahl, Harald Vilimsky, geführt hatte.

Der ORF-Stiftungsratsvorsitzende Norbert Steger, ehemaliger FPÖ-Chef, hatte Wolf daraufhin zu einer "Auszeit" geraten: Wenn er "Herr Wolf" wäre, würde "ich ein Sabbatical nehmen, auf Gebührenzahler-Kosten durch die Welt fahren und mich neu erfinden", hatte er der Zeitung "Österreich" gesagt. Beobachter bewerteten denVorgang als Angriff auf die Pressefreiheit in Österreich.

Die Reaktion von Böhmermann auf die Abmoderation in der Kultur-Sendung ließ nicht lange auf sich warten. "köstlicher witz/sartiere beim kulturmontag im orf gerade, sich nach einem gesendeten interview ausdrücklich vom interviewten distanzieren", schrieb er auf Twitter. Zudem erwähnte er noch einen anderen Beitrag in dem ORF-Magazin, in dem das Wort Neonazi "weggepiepst" wurde.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version hatten wir auf ein noch ausstehendes Statement des ORF hingewiesen. Dieses ist im Text nun eingefügt.

brs



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