Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Superangreifbar, superungreifbar

Jan Böhmermann geht virtuos mit dem Medium Fernsehen um. Doch seinem Humor fehlt die Wärme, um als Aufklärungswaffe zu taugen. So erinnert sein Schmähgedicht an die Polenwitze, die Harald Schmidt einst erzählte.
Schauspieler Max Mauff mit "Vermisstenanzeige" von Jan Böhmermann

Schauspieler Max Mauff mit "Vermisstenanzeige" von Jan Böhmermann

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Fernsehen ist ein ambivalentes Medium. Es schafft eine Realität und schafft sie gleichzeitig wieder ab.

Jan Böhmermann weiß das, er hat es gerade in seiner Sendung  vorgeführt, ein ziemlich brillanter 12-Minuten-Akt der medialen Dekonstruktion, der Selbstentzauberung, der Selbstauflösung.

Aber auch Jan Böhmermann ist ambivalent, wie könnte es anders sein, er wäre sonst nicht so erfolgreich, er wäre nicht so sehr von heute, zwischen allem, über allem, ein Artist auf dem Hochspannungsseil, der ständig mit dem eigenen Absturz kokettiert.

Dafür wird er verehrt, als Stimme von irgendwas, das keine Stimme haben will, von Menschen, die so sind wie er, ironiefest, milieufest und eben doch Jack Wolfskin.

Er macht ja auch viel richtig, jedenfalls für Leute, die das Richtige mögen: Gegen AfD, Frauke Petry und die ganze autoritäre Bande zum Beispiel, und selbst über den Terror kann er reden, balancierend auf der Grenze zwischen Ernst und erfundenem Selbstmitleid.

Er ist damit eine Art Gradmesser geworden dafür, wie man sich am besten durch diese Gegenwart manövriert, witzelnd, wach und doch weit genug weg von dem, was man früher die wirklichen Probleme genannt hätte.

Er weiß, was man tun muss, um maximale Aufmerksamkeit zu bekommen, er spielt mit den Regeln des Mediums wie der Gesellschaft, die auf dieses Medium gebaut ist, und führt sie manchmal in ihrer ganzen Lächerlichkeit vor - der immer noch verwirrende Varoufakis-Fake zum Beispiel.

Risikofrei und recht selbstgerecht

Und wenn nun tatsächlich die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermitteln sollte, weil er den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan beleidigt hat, dann zeigt das einerseits den latenten Wilhelminismus unseres Zeitalters, wo Freiheiten, in diesem Fall die der Kunst und der Satire, recht freihändig in Verbote umgewandelt werden.

Es zeigt aber noch etwas anderes: die Bereitschaft zu symbolischen Kämpfen, die man relativ leicht gewinnen kann, in einem sehr eng umgrenzten und berechenbaren Rahmen, risikofrei und recht selbstgerecht.

Denn Jan Böhmermann wird nicht ins Gefängnis gehen und er wird auch keine Geldstrafe bezahlen - die Freiheit unserer Gesellschaft ist nicht hier in Gefahr und wird auch nicht hier gerettet, indem man jetzt mit Tucholsky-Zitaten um sich wirft.

Die aktuelle Böhmermann-Affäre ist ein typischer Placebo-Streit, ein Wohlfühl-Ereignis für ein müdes Meinungsmilieu, das sich hier nochmal beweisen kann, dass es auf der richtigen Seite steht.

Sonst halten sie eher gern die Klappe, wenn es um die autoritären Tendenzen in diesem Land geht, wenn es darum geht, wie sich das Klima verändert hat, wie sich das Reden verändert hat, etwa über Flüchtlinge, über Fremde, über das andere überhaupt.

Humor von der groben Seite

Und in diesem Zusammenhang ist das Erdogan-Gedicht von Böhmermann dann doch interessant. Die Frage ist ganz einfach: Hätte er so viele sexuelle und rassistische Anspielungen verwendet, wenn es nicht um einen Türken gegangen wäre?

Denn die rassistischen Klischees des Gedichts betreffen ja nicht in erster Linie Erdogan, sie betreffen alle Türken, die dönerstinkend, mädchenschlagend, ziegenfickend gezeichnet werden.

Schon klar, Böhmermann wendet diese klischeebeladene Sicht auch auf das eigene Land an, in dem Song "Be Deutsch" etwa, wo er zum Rammstein-Rummtata den guten Deutschen gleichzeitig zelebriert und zerlegt.

Aber erstens ist auch da die Frage, wem genau er was sagen will - vor allem steht er selbst erst mal genau dort, wo er sich am wohlsten fühlt, superangreifbar superungreifbar in der Mitte der Bühne, die Dialektik der Medienmoderne, die er so gut beherrscht.

Und zweitens ist es eben ein Unterschied, ob man sich über das Eigene oder das andere lustig macht, es ist eine Frage der Macht und auch eine Frage von Stil und Sensibilität - und Böhmermann zeigt in diesem Gedicht den Humor von der groben, von der grölenden Seite.

Dieses Gedicht hilft niemandem

Ihm fehlt das Leichte, ihm fehlt ein Maß an Respekt, das auch zum Humor gehört, nicht vor Erdogan, sondern vor den Türken, ihm fehlt die Wärme und die Menschlichkeit, ohne die Humor nicht die humanistische Aufklärungswaffe ist, die er sein kann.

Der Rassismus dieses Gedichts löst sich ja nicht auf, er verwandelt sich nicht, er bleibt, bleischwer, so wie auch der Rassismus der Polenwitze von Harald Schmidt immer blieb, dumpf und deutsch statt hellem Lachen.

Ob das nicht gerade den Rassismus vorführen sollte? Schwer zu sagen, ich glaube nicht. Ich glaube, die Leute, die denken, wenn man augenzwinkernd und selbstreflektiert rassistisch ist, dann ist es okay, täuschen sich.

Und in einer Gesellschaft der sich selbst bestätigenden Bubble-Sphären verpufft dann auch jede mögliche kritische Wirkung. Anders gesagt: Dieses Gedicht hilft niemanden, es verändert nichts, nicht mal die Sicht auf die Welt.

Es zementiert die Wirklichkeit, so wie sie gerade ist, in den medialen Schützengräben der Farce und des Vorurteils. Das ist nicht schrecklich oder schlimm und auch kein Skandal.

Es ist nur peinlich und schon wieder eine satiremäßige Höchststrafe, dass er jetzt ausgerechnet Mathias Döpfner auf seiner Seite hat im comichaften Kampf gegen das universale Böse und für die Freiheit von allem und jedem, was medial herstellbar ist in der Fabrik der wunderbaren Fiktionen.

Im Video: Auch die Bundesregierung äußerte sich zum Böhmermann-Gedicht

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