Song von ZDF-Satiriker Do they know it's Böhmermann?

Eine Website mit Countdown, das Wort "Ibiza" im Quellcode: Wie Jan Böhmermann mit einfachsten Mitteln die Aufregung um das Strache-Video nutzt, um die Sensationsgier umzuleiten auf ein herziges Liedchen für eine große Sache.
Satiriker Böhmermann: "Alone we are alone"

Satiriker Böhmermann: "Alone we are alone"

Foto: Sven Hoppe/ DPA

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis "Was weiß Böhmermann?" zum geflügelten Wort geworden ist. Immer, wenn es einen Skandal, einen Schluckauf, einen Glitch in der Zeitgeschichte gibt, wenn griechische Minister den Mittelfinger zeigen, österreichische Politiker über sich selbst stolpern: "Was weiß Böhmermann?"

Von der Existenz der Aufnahmen in Ibiza wusste Jan Böhmermann schon länger, wie sein Manager vor Tagen einräumte. Im April überforderte der Satiriker sein Publikum in Österreich mit der Anspielung, er hänge "gerade ziemlich zugekokst und Red-Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchen-Villa auf Ibiza" herum. Noch am Donnerstag vor der Veröffentlichung des Videos raunte er: "Kann sein, dass morgen Österreich brennt."

Was Böhmermann weiß? Man weiß es nicht. Gleichwohl schürte er in ohnehin aufgeheizter Atmosphäre noch die Erwartungen, als er unter der Adresse "dotheyknowitseurope.eu" vor zwei Tagen einen Countdown freischaltete, der am Mittwochabend um 20.15 Uhr abgelaufen war. Im Quellcode verborgen: das Wort "Ibiza". Würde es noch mehr Enthüllungen geben?

Die Spannung war so groß, dass sich das ZDF zum Statement genötigt sah, die Aktion habe "nichts mit Herrn Strache zu tun". Eine Aussage, der in den traditionell erregungsfreudigen sozialen Medien natürlich kein Glauben geschenkt wurde.

Entsprechend groß war nach Ablauf des Countdowns in manchen Kreisen die Enttäuschung, in anderen die Erleichterung. Zwar brach der Server sofort unter der Last der Zugriffe zusammen, aber auf der Seite des "Neo Magazin Royale" gab es pünktlich die dreizehnminütige Langfassung der ersehnten Neuigkeit: ein Lied für Europa, orchestriert von Böhmermann und wechselweise vorgetragen von TV-Satirikern aus den Niederlanden, Frankreich, Litauen, Portugal, Ungarn, Luxemburg, Norwegen, Kroatien und Finnland.

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"Allein sind wir allein"

In zarter Anlehnung an den ESC trägt jedes Land ironisch vor, was es so "besonders" macht, Hitler hier, Orban da, überall Ikea und allerlei nationale Eigenheiten, Errungenschaften und Produkte. Refrain: Wir sind klein, Europa ist groß, "alone we are alone", allein sind wir allein. Ein herziges Musikvideo, das Stimmung für Europa machen soll. Mehr nicht.

Damit hat Böhmermann die Erwartungen nicht nur unterlaufen - er hat sie in Gegenrichtung unterlaufen. Statt Neues aus der Kloake der österreichischen Politik zutage zu fördern und weiter auf die Schlange des Rechtspopulismus zu starren, zauberte er ein heiteres Kaninchen aus dem Hut: Europa.

Ein Europa der kleinen Nationen, die über sich selbst lachen können und gerne aufgehen im größeren Ganzen. Nur der englische Vertreter würde gerne "alone" bleiben, der Schweizer "allein und gemein", während ein abgelegenes Ländchen förmlich um eine Aufnahme in die Union bettelt: "Try it with Armenia!"

Insofern ist der Link zu "Ibiza" denkbar dünn, aber durchaus gegeben - ein Trigger, der auf das Gegenteil des Erwarteten verweist. Und damit die vergiftete und sensationshungrige Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, das wirklich bedenkenswert ist. Die Wahlen am Wochenende beispielsweise.

Der Vorgang führt vor Augen, welchen nicht nur kulturellen Stellenwert inzwischen die Komiker haben - nicht nur ein Böhmermann in Deutschland, der mit seinen Aktionen schon häufiger geradezu staatspolitische Relevanz entfaltet hat. Sondern weltweit. Als 1981 in Frankreich der Komödiant und Schauspieler Coluche oder 1992 in den USA der auch nicht unkomische Musiker Frank Zappa für die Präsidentschaft antraten, war das noch ein Witz.

Heute sitzt in Italien die Fünf-Sterne-Bewegung des Clowns Beppe Grillo in einer Regierung mit den Neofaschisten. Der Komiker Jón Gnarr war von 2010 bis 2014 Bürgermeister von Reykjavik, Guatemala wird ebenso von einem Komiker regiert (Jimmy Morles) wie - demnächst - die Ukraine (Wolodymyr Selenskyj). Umgekehrt erzählt auch Donald Trump gerne anzügliche Witze, und in England verdankt Boris Johnson seine Popularität dem Umstand, dass er sich gerne zum Affen macht. Auch der Horrorclown ist ein Clown.

Ein gutes Zeichen ist das nicht. Sind die Zeiten besonders dunkel, schlägt die Stunde der gackernden Außenseiter. Der Spaßmacher ist eine anarchische Figur, die durchaus weiß, was Macht ist. Ihr Gelächter ist die größte Gefahr für eine Elite, die vorgibt, sich dem Ernst der Lage zu widmen. Sie ist nicht notwendigerweise rechts, nicht unbedingt links. Sie ist einfach die Bananenschale, auf der wir die Mächtigen ausrutschen sehen wollen. Wenn Politik sich in die Agonie manövriert hat, kann uns nur noch eine Pointe befreien.

Und deshalb hat alle Welt allen Ernstes gehofft, ein TV-Satiriker vom ZDF werde uns zu den dystopischen Vorgängen in Österreich endlich die erleichternde Pointe liefern.

Was weiß Böhmermann? Offenbar immerhin, was das Gegenteil dieser Dystopie sein könnte. Er hat ein Lied darüber geschrieben.

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