Familiendrama mit Fritzi Haberlandt Seelisches Tiefseetauchen

In Stuttgart inszeniert Jan Bosse die "Herbstsonate", ein Mutter-Tochter-Drama von Ingmar Bergman. Die Zuschauer können am Ende beruhigt sein: So dramatisch wie auf der Bühne wird es Weihnachten schon nicht werden.

Bettina Stöß

Es ist perfektes Timing. Vier Tage vor Weihnachten beschert der Regisseur Jan Bosse den Stuttgarter Theatergängern ein Mutter-Tochter-Drama aus dem Jahr 1978, das wunderbar als Vorbereitung auf das Fest funktioniert. Denn am Ende des Abends können Mütter und Töchter mit dem Gefühl aus dem Schauspielhaus gehen: So schlimm ist es bei uns doch gar nicht.

Dabei dürften ihnen einige Konflikte aus der "Herbstsonate", die Bosse nach einem Film von Ingmar Bergman inszeniert, bekannt vorkommen: Die Tochter fürchtet sich beispielsweise vor dem Urteil der Mutter, was ihre Kochkünste angeht, die Mutter will ihr Alter verdrängen und schöner sein als die Tochter. Doch das ist nur die Oberfläche. Dahinter verbirgt sich ein Kampf um Liebe, Anerkennung und Schuld.

Charlotte, eine weltweit gefeierte Pianistin (bei Bosse gespielt von Corinna Harfouch) besucht ihre erwachsene Tochter Eva (Fritzi Haberlandt), die einen Pfarrer in der Provinz geheiratet hat. Seit sieben Jahren haben sie sich nicht gesehen; jetzt ist Charlottes Lebensgefährte gestorben, und Eva hat die Mutter eingeladen. Der vorsichtigen Annäherung folgt eine für beide schmerzliche Vergangenheitsaufarbeitung nach allen Regeln des Psycho-Lehrbuchs: Die Tochter vermisste ihr Leben lang die Mutter, die immer unterwegs war, weil ihr die Karriere wichtiger war; jetzt rächt sie sich mit Vorwürfen. Die Mutter, die von den Eltern selbst nie Liebe erfahren hat, fühlt sich nur in der Welt der Musik sicher; am Ende flieht sie, wie früher, Hals über Kopf aus dem Haus.

Dieses Pfarrhaus sprengt der Bühnenbildner Moritz Müller auf. Die düster-unheimlichen, allesamt altmodisch dunkelgrün tapezierten Räume sind als Container lose auf der Drehbühne übereinandergestapelt, eine im Nichts endende Metalltreppe verbindet sie. Das Hin- und Herklettern zwischen den Räumen - auch Evas toter kleiner Sohn und ihre schwerkranke, eigentlich bettlägerige Schwester Helena geistern durch das Haus - bringt Dynamik in das doch sehr wortlastige Kammerspiel.

Harfouch und Haberlandt im Mutter-Tochter-Clinch

Denn beim Text erlaubt sich der Regisseur keine Freiheiten; er lässt Bergmans Drama quasi vom Blatt spielen. Weil es aber Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt sind, die hier spielen, ist das erst mal nicht so schlimm. Schon die erste Begegnung der beiden ist toll: Harfouch als Charlotte mit festem Schritt, ihr Ankommen als Auftritt inszenierend; Haberlandt als ihre Tochter Eva erst flatterig, dann stocksteif und aufrecht dastehend - bei keiner ist diese Mischung aus Backfisch und alter Jungfer so aufregend. Eva trägt einen bodenlangen dunklen Rock wie aus einem anderen Jahrhundert, Charlotte einen wollweißen eleganten Hosenanzug; nur das Dunkelgrün ihrer Bluse, das auch im Muster von Evas Rock auftaucht, stellt überhaupt eine Verbindung zwischen den Welten von Mutter und Tochter her (Kostüme Kathrin Plath).

Harfouch spielt zunächst lässig die Souveräne und Manipulative, aber nach und nach zeigt sie Spuren der Verletzlichkeit ihrer Figur und steigert sie bis in große Verzweiflungsausbrüche. Und gerade, als man notieren will, dass das jetzt aber wirklich zu viel des Guten ist, sagt Harfouch den Bergman-Satz: "Glaubst du etwa, ich spiele Theater?" Für so einen Gag ist der Regisseur Bosse immer zu haben; es bleibt an diesem Abend aber die einzige Distanzierung von Bergmans Text.

Haberlandt verbirgt die Unsicherheit von Eva zunächst hinter einer patent-kindlichen Fröhlichkeit, der sie immer mehr Aggression beimischt. Mit missionarischem Eifer will sie der Mutter ihre Wahrheit über die Vergangenheit aufdrängen (etwa, dass die Mutter schuld ist an der Krankheit der Schwester). Schon in den Ausruf "Mama!" kann Haberlandt dabei eine so aufrichtige Empörung legen, dass eigentlich alles gesagt ist.

Aber der "seelische Tiefseetaucher" Bergman (so nannte ihn der Kritiker Hellmuth Karasek in seiner Besprechung der "Herbstsonate" 1978 im SPIEGEL) lässt nichts unausgesprochen. "Mutter und Tochter, was für ein schreckliches Konglomerat aus Gefühl, Verwirrung und Zerstörung!", muss Eva ausrufen, da ist das Stück schon zu drei Vierteln über die Bühne. Und der Regisseur Bosse treibt die Geheimnislosigkeit noch auf die Spitze, indem er je nach den wechselnden Machtverhältnissen mal die Mutter vom Container aus auf die zusammengekauerte Tochter am Boden herunterblöken lässt, mal andersrum.

Es bleibt die Frage, was der Regisseur Bosse uns mit seiner Bergman-Inszenierung sagen will. Mädels, bleibt zu Hause, das kann sonst böse Folgen haben - Kinder brauchen ihre Mama? Ernsthaft? Im Jahr 2014? Oder geht es um die schlichte Weisheit, mit der heute viele Therapeuten viel Geld verdienen: Reden hilft? Bosse lässt das Stück jedenfalls wie Bergman mit einem ganz kleinen (und ziemlich moralinsauren) Hoffnungsschimmer enden: Die Tochter bittet ihre Mutter in einem Brief um Verzeihung.

Für die Schauspielerinnen Harfouch und Haberlandt gibt es dagegen ein echtes Happy End. Sie werden in Stuttgart zusammen mit Jan Bosse, seinem Team und dem Ensemble laut bejubelt und gefeiert.


Herbstsonate. Nach Ingmar Bergman. Regie: Jan Bosse. Schauspielhaus Stuttgart, nächste Vorstellungen am 22.12. sowie 2., 3. und 4.1., Tel. (0711) 202090. Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin, dort am 23. und 24.1., Tel. (030) 28441225.



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