Jazz-Ausstellung in Paris Bilderrausch und Soundspektakel

Heiß waren sie, die Jahrzehnte von Dixieland, Swing und Bebop. In Paris zeigt die Großaustellung "Le Siècle du Jazz" nun, wie Musik, Kunst und Kino zueinander fanden.

"Crossover" ist ein ziemlich abgenutztes Wort - aber wenn man in einem Museum "Das Jahrhundert des Jazz" ausstellt und es sich gleichzeitig um eine Musik- und eine Kunstausstellung handelt, dann ist "Crossover" das richtige Wort dafür.

Allerdings braucht man dazu einen Kurator wie den französischen Philosophen und Kunstkritiker Daniel Soutif, dessen erste Liebe schon in der Kindheit die Jazzmusik war und der sich genauso für die Bildende Kunst interessierte. Zwei völlig separate und unterschiedliche Gebiete seien das, aber mit unzähligen Berührungspunkten, sagt Soutif: "Jazz war sozusagen der Soundtrack für Künstler, für deren Gemälde, Grafiken und Illustrationen, für Fotografie, Comics und den Film." Während seiner Arbeit im Centre Pompidou sei aus seiner Hypothese über "die Kontamination" der Kunst durch den Jazz Realität und jetzt eine Ausstellung mit zehn Kapiteln geworden.

Eine großartige Schau mit Besucherschlangen an den Kassen des neuen Musée du quai Branly , einem Bau des Architekten Jean Nouvel, das als Ausstellungsraum allerdings nicht besonders geeignet ist für eine so große Schau mit rund tausend Objekten und mehr als 60 großen Gemälden, Zeichnungen, Installationen und Filmen.

Aber die Ausstellung funktioniert, weil man chronologisch an einer Zeitschiene entlang an vielen Vitrinen durch die "Archäologie" des Jazz mit der dazugehörenden Kunst geleitet wird. Und mit Musik natürlich, meist Welthits, die aus Lautsprechern zwischen den Vitrinen kommen oder von kleinen Bildschirmen, die Filme von Konzerten oder Auftritten, Szenen aus Spielfilmen und Dokumentationen zeigen. Intensiv zuhören kann man nicht, dazu ist die Qualität zu schlecht, aber "man soll sich erinnern", sagt der Kurator. An die Musik der jeweiligen Zeit - an Blues und Dixie, Boogie Woogie, Bebop, Shimmy und Cool Jazz, an Bands und Orchester, an Duke Ellington und Glenn Miller, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald.

Am Anfang war der Jazz natürlich ausschließlich schwarz. "The Negro is a natural musician ... they have magnificent voices and sing without instructions" schrieb das ausgestellte Dwight's Journal 1856 und fragt, "might not our countrymen all learn a lesson from these simple children of Africa?" Nicht nur das weiße Amerika hat die Lektion Jazz gelernt, so schnell wie keine andere Kunst verbreitete sich die neue Musik - anfangs sogar ohne Tonträger, sondern durch Noten und Texthefte mit wunderbar illustrierten Titelblättern, Konzert-Ankündigungen und Plakaten oder Lithografien von Bandauftritten und Tanzveranstaltungen. Künstler wie der Amerikaner Stuart Davis zeichneten Szenen aus einer "Negro Dance Hall", und Pablo Picasso schenkte schon 1905 Gertrude Stein "Une très belle dance barbare", eine urkomische Zeichnung von nackten tanzenden "Barbaren" mit Zylinder und Krone.

Immer wieder zeigt sich in Laufe der Ausstellung die politische und soziale Dimension der Musik, die sich in vorher nie gekannter Geschwindigkeit verbreitet hat und die kulturelle Durchmischung repräsentiert. Musiker in aller Welt kannten und respektierten die Wurzeln des Jazz als afro-amerikanische Musik und brachten, wie zum Beispiel die Zigeuner um 1930, ihre eigenen Traditionen in die Musik ein. Aber in den Vitrinen sind auch Fotos von Lynchmorden an Schwarzen zu sehen, und das visuelle Klischee des "Negers" wird auf Illustrationen mit rollenden Augen, dicken roten Lippen und mit Bananen-Accessoire gerade in den Anfängen des Jazz bedient.

1917 beginnt auch in der Ausstellung das lange und zugleich entscheidende Kapitel des Jazz mit der Erfindung der Schallplatten, durch das Radio und wenig später das Kino. Jazz wird jetzt auch von weißen Musikern gespielt, und weil in Storyville/New Orleans der Rotlichtbezirk mit den Jazzclubs von der US Armee geräumt wird, gehen viele Jazzer in den Norden - nach New York, Harlem und Chicago. Durch die amerikanische Armee im Ersten und später im Zweiten Weltkrieg wird der Jazz auch in Europa populär.

Künstler wie Man Ray, Otto Dix, Georges Grosz, Christian Schad, Francis Picabia, Charles Delaunay oder Fernand Léger feiern den Jazz hymnisch in ihren Bildern, ob als abstrakte Komposition oder figuratives Bild, als Plakat oder Fotografie. Jazz gilt als Symptom von Freiheit, als Ausdruck einer musikalischen Demokratie, als Synonym für die Großstadt und als Reaktion gegen den aufkommenden Rassismus. Man ist begeistert von Josephine Baker, die von Kees van Dongen und Le Corbusier porträtiert wird und für die Adolf Loos sogar ein Haus entwirft. Und man beschwört den Kulturaustausch mit Louis Armstrongs Text "No commodity is quite so strange, As this thing called cultural exchange".

Auf Deutsch hießen Platten allerdings eher "Mein Herz ist eine Jazzband" (1927) und die Bauhaus Kapelle textete noch 1930 "wie sie sehen, wir überleben alle stürme, wir spielen unsere musik, einen hei-in-die knochen fahrenden rhythmus! Der schlägt ein."

Acht Jahre später im Dritten Reich ist Jazz "entartet". Zu sehen sind das Plakat zur Ausstellung "Entartete Musik" aus dem Kunstpalast Düsseldorf und einige Fotos.

Gleichzeitig malen Künstler wie Jackson Pollock, Piet Mondrian, Frantisek Kupka oder Renato Guttuso Jazz-Bilder, manche haben Titel wie "Hot" (Charles Delauney), "Hot Club" (Jean Dubuffet), "Jazz" (Henri Matisse), "Jazz Band" (Jean Dubuffet) oder "Jam Session" (Claude Clark). Und viele Maler und Fotokünstler pfeifen auf ihre künstlerische Freiheit und unterwerfen sich dem strengen Format von 30x30 Zentimeter für Platten-Hüllen-Entwürfe.

In den sechziger Jahren wird Jazz zur Filmmusik, z.B. bei Louis Malle, Pier Paolo Pasolini oder Michelangelo Antonioni, und die junge Künstler-Avantgarde von Andy Warhol bis Bruce Nauman, von Larry Rivers bis James Rosenquist malt, zeichnet und fotografiert Bilder zur Musik.

Bis heute ist das so geblieben. Wunderbar, dass die Schau am Ende nicht ermattet. Daniel Soutif kennt sich in der zeitgenössischen Kunst genauso gut aus wie in den Anfängen des Jazz-Jahrhunderts. Und so geht die Schau mit der grandiosen Fotoarbeit "After Invisible Man by Ralph Elison" von Jeff Wall, großen Installationen, Filmen wie "Long Sorrow" des jungen Anri Salas oder Musiker-Porträts von Albert Oehlen zu Ende.

Und obwohl man fast erschlagen ist von so viel Information, Musik und Kunst, möchte man gleich noch einmal durch die Ausstellung gehen.


"Le Siècle du Jazz". Kunst, Film, Musik und Fotografie von Picasso bis Basquiat. Paris. Musée du quai Branly . Bis 28.6., Tel. 0033/1/65 61 70 00

Die Ausstellung wandert vom 21.7. -18.10. nach Barcelona ins Centre Cultura Contemporania.

Katalog in Französisch.

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