Pollesch-Premiere in Frankfurt Straßenbahn auf Rekordfahrt

René Pollesch, der moralischste Komödienmeister und komödiantischste Moralist unter den deutschen Theatermachern, präsentiert im Bockenheimer Depot sein neues Stück "Je t'adorno". Er entlarvt darin die wahre Empfindung einmal mehr als Lüge.

Birgit Hupfeld

Von Peter Michalzik


Das ist rekordverdächtig. Erst nach etwas mehr als anderthalb Stunden verlassen die Schauspieler die Bühne! Damit dürfte "Je t'adorno" tatsächlich der längste Pollesch der jüngsten Theatergeschichte sein. Meist dauerten die Aufführungen in den letzten Jahren etwa eine Stunde und fünf Minuten. Exakt sind es in Frankfurt jetzt iPhone-gestoppte 1:33:57.

Es handelt sich also um einen Pollesch in Überlänge. Der Raum ist auch Kingsize, der dritte Frankfurter Pollesch ist der erste in der Riesenhalle des Bockenheimer Depots. Durch die Dimension, vor allem die Länge, ergibt sich eine neue Struktur. Ganz traditionell, nämlich dreiaktig, kommt "Je t'adorno" daher, zwischen den Akten sind kleine Zwischenspiele mit Musik und ohne Worte gesetzt, dazu kommt ein Vorspiel. Diese Spiele sind für die große Halle konzipiert und das Schönste an diesem Abend.

Es gibt eine riesige Rückwand aus Kartons, die als Projektionsfläche für die bei Pollesch obligatorischen Live-Videoübertragungen dient. Durch die Rückwand brechen die fünf gut disponierten, mit Jeans, Nieten und Tolle ausstaffierten Schauspieler - Vincent Glander, Oliver Kraushaar, Linda Pöppel, Silvia Rieger (als Gast) und Lukas Rüppel - unter lauter Musikbegleitung ("Don't sleep in the subway, baby") auf die Bühne.

Applaus schon zu Beginn

Sie schieben dazu einen Straßenbahnwaggon herein, fahren mit ihm weitere Kartonwände um und stellen dann die Kartons wieder auf. Im Vorspiel etwa arbeiten sie sehr konzentriert daran, einen möglichst hohen Karton-Turm aufzuschichten. Das gelingt eindrucksvoll, bald stehen 14 Kartons übereinander. Fast bis zur Decke des ehemaligen Straßenbahn-Betriebshofes reicht der Stapel, als er sich zur Seite neigt. Höhenrekord! Applaus schon zu Beginn!

Inhaltlich ist "Je t'adorno" weniger rekordverdächtig. Der Tramwagen ist der "Streetcar Named Desire" von Tennessee Williams, "Endstation Sehnsucht" zu Deutsch, "desire" steht auch groß drauf. So schwadronieren die Schauspieler ausgedehnt, wie das nun ist mit der Sehnsucht, ob die innen in einem drin oder draußen drauf ist, wie bei der Straßenbahn.

Adorno, immer noch der Frankfurter Stadtintellektuelle und Namenspatron des Titels (frz. Wortspiel mit "Ich bewundere dich, Adorno"), liefert weniger eine Theorievorlage für den Abend, als dass er eine Ampelanekdote beisteuert: Eine Mitarbeiterin seines Instituts wurde angefahren, und er forderte öffentlich Verkehrslichter.

Zu Desire und Ampel gesellt sich schnell Polleschs Lieblingsthema: sein Feldzug gegen Sehnsucht, Empfindung, Mitgefühl, Gefühl, Ich, Liebe und was man sonst noch im Inneren des Menschen ansiedeln kann. Da innen ist nichts, erklären fünf erklärwütige Schauspieler wieder und wieder.

Ausgesprochen interessant sind dabei die Spielweisen. Linda Pöppel etwa, die noch nie Pollesch gespielt hat, spricht so vorwurfsvoll hochdrehend wie ein alter Pollesch-Routinier. Silvia Rieger, lange Volksbühnen-Star, spielt dagegen auf ihre trocken divenhafte Art, als würde sie sich wirklich gerade überlegen, was sie da sagt. Da sieht man wunderbar unterschiedliche Schauspieltraditionen.

Kalauernd, aber auch sehr unterhaltsam

Im zweiten Akt wollen sie unbedingt was Illegales machen, und der Tramwagen wird ausgestopft, im dritten geht es unter anderem um einen Jahresbericht der "Gesellschaft zum Drauftun von Dingen". Da ist "Je t'adorno" - auch über die Langstrecke - etwas kalauernd, aber auch sehr unterhaltsam. Schon im ersten Akt ziehen die fünf aneinandergekettet über die Bühne und erklären, dass jemand, der die Kette nicht sieht, doch glatt denken könne, sie seien verliebt, so wie sie zusammenhängen.

So ist das für Pollesch mit der Liebe. Innen nix, außen Kette. Wenn er uns die Welt erklären will, will er zur Zeit immer sagen, dass es kein Innenleben, keine wahre Empfindung, keine Empathie gibt. Polleschs Texte haben dann nicht nur einen Zeiger dran, sondern auch einen Zeigefinger.

Aber es ist und bleibt so: René Pollesch ist der größte Komödienmeister des deutschen Theaters und der größte Moralist zugleich. Und das ist gut so. Pollesch wird weiter seinen moralischen Feldzug führen, er wird weiter die größeren deutschen Städte mit neuen Folgen aus seiner großen Serie "Die Lebenslügen des kultivierten Kulturbürgers" beglücken. Hat da jemand gesagt, dass die Wiederbeleber des Serienformats bei HBO sitzen? Für das Theater muss man René Pollesch das Copyright lassen.


Je t'adorno. Schauspiel Frankfurt. Wieder am 14., 15., 20. und 24.3., Tel. 069/21 24 94 94. www.schauspielfrankfurt.de



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gekreuzigt 10.03.2014
1. Pollesch entlarvt
das moderne Theater als Schmierenkomödie.
pudelentkerner 10.03.2014
2. Schleichwerbung
Wie bringt man in einer eigentlich technikentlegene Rezension ein bisschen Steve-Jobbs-Gedächtnis-Werbung unter? Indem man die Dauer des Stücks nicht mehr wie ehedem als "handgestoppt", sondern [die Hand soll mir verdorren, sollte ich es wiederholen] angibt. Ach, die creativen Hippster! Am Gängelbande des Hypes, unter Hype-nose, sozusagen. Naja. Das nur am Rande.
3487cdca 15.03.2014
3. Da hat einer Adorno zwar gelesen aber nicht verstanden...
..."denn auch Verstöße gegen Konventionen werden gern verziehen, weil sie als berechnete Unarten die Geltung des Systems um so eifriger bekräftigen", (Dialektik der Aufklärung). Und darauf beruht ja Polleschs ganzes Geschäftsmodell. Auf einer scheinbar kritischen Haltung, die jedoch in erster Linie dem schnittigen Selbstmarketing dient und vollkommen ausblendet, dass man selbst führender Vertreter einer affirmativen Kulturindustrie ist und daneben in unguter deutscher Tradition auch noch extrem neurotisch. Oft wird Pollesch ja unterstellt, er bringe der Verweigerung von echter Emotion und Identifikation eine Polemik gegen die Durchökonomisierung der Gesellschaft auf den Punkt, aber letztlich handelt es sich hier nur um rein privatistische Neurosen die einer sich erdreistet wie ein Kind in der analen Phase absolut zu setzen und auf uns alle und die Welt zu übertragen. Das ist letztlich Kulturfaschismus à Volksbühnen-Szene-Schickeria. Und dass er in Deutschland so hoch gehandelt wird, wäre ohne die Nationalsozialisten und ihren miesen kulturellen Hinterlassenschaften sowieso nicht denkbar. Beide teilen ein gestörtes Verhältnis zu den eigenen Emotionen. Und wenn es also kein Ich und kein Innenleben, keine echten Gefühle und keine Empathie gibt, wieso soll man dann überhaupt noch die Würde des Menschen achten? Mit diesem Relativismus kann man noch ganz anderen "Schabernack" betreiben als diesen Pseudo-Durchblicker-Wortgeklingel-Intellektualismus; ...wie uns die Nazis - ich meine die von damals - nun leider vorgeführt haben. Und vor dem Hintergrund ist dieses Produkt emotionaler Vernachlässigung gar nicht mehr lustig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.