Riskante Architekturfotografie "Ich habe deswegen schon im Knast gesessen"

Von Bremen bis Burundi: Das Ziel des Fotografen Jean Molitor ist ein weltweites Archiv moderner Architektur. Für seine Bauhaus-Begeisterung nimmt er in Kauf, auch mal festgenommen zu werden.

Jena Molitor/ be.bra

Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Jean Molitor studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er lebt und arbeitet in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Molitor, Sie arbeiten an einem "Fotoarchiv der Moderne". Warum ist das nötig?

Jean Molitor: Ich arbeitete mal in Guatemala und stieß dort auf eine leer stehende Radiostation, die aussah wie ein Wal. Sie wurde abgerissen. Bei manchen Bauten ist die Einzelform so faszinierend, dass es ein wahres Glücksgefühl auslöst. Ich stoße immer wieder auf Häuser, die unvorstellbar sind. Die können ganz weit weg sein oder gleich um die Ecke; wie das Zollamt Hansator in Bremen. Ich will sie fotografisch bewahren.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wacht doch der Denkmalschutz über erhaltenswerte Immobilien?

Molitor: Ja, aber in vielen Ländern gibt es das nicht - dort zählt halt, dass ein Neubau billiger und weniger aufwendig ist. Ich freue mich deshalb, wenn Häuser gerettet werden. In Burundi ist das für manche Objekte gelungen: In Gebäude, die abgerissen werden sollten, sind unter anderem Hotels gezogen.

Fotostrecke

10  Bilder
Architekturfotografie: Bauten mit Glücksgefühl

SPIEGEL ONLINE: Dort starteten Sie vor bald zehn Jahren Ihr Fotoprojekt "bau1haus". Wie kam es dazu?

Molitor: Ich hatte eine französische Architektin kennengelernt, die mit ihrer Familie in Burundi lebt. Sie bat mich, Häuser vor ihrer Zerstörung zu dokumentieren. Damals dachte ich, die Gebäude seien alle Bauhaus-Architektur, daher der Name. Daraus wurde mein Langzeitprojekt mit Stadtbildfotografie, auf der Verkehr und Passanten nicht sichtbar sind, wie in Geisterstädten.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelingt Ihnen das?

Molitor: In Burundi sind wir um 5 Uhr morgens mit dem Pick-up losgefahren und haben auf mehr oder weniger leeren Straßen die Häuser abgearbeitet. Abends am Computer habe ich die Bilder ins Schwarz-Weiß gebracht und "aufgeräumt": ein Aggregat wegretuschiert, das für mich sinnlos rumstand, Antennen vom Dach genommen oder Kabel, die quer durchs Bild liefen.

SPIEGEL ONLINE: Aber fehlt bei so starker Retusche den Bildern nicht etwas? Ist das noch Straßenfotografie?

Molitor: Nein. Die Konzentration auf die reine Architektur spiegelt etwas anderes wider als das, was man mittags bei 40 Grad im Schatten gesehen hat. Mir ist wichtig, die Häuser so zu fotografieren, dass sie zeitlos wirken. Dass sie dem Gedanken des Architekten nahekommen.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:50 Uhr
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SPIEGEL ONLINE: Wie versuchen Sie, das zu erreichen?

Molitor: Die Lichtsituation sollte nicht dramatisch sein. Was den Blick ablenkt, wie Farbe, möchte ich nicht haben, weil ich eher künstlerisch arbeite als dokumentarisch. Ich nehme mir auch die Freiheit, temporären Müll zu entsorgen. Deswegen fotografiere ich gern sonntags, ohne Berufsverkehr.

SPIEGEL ONLINE: Und die vielen Bauten in Burundi zählten zur Bauhaus-Architektur?

Molitor: Ich kam aus Burundi zurück, habe einen Kalender entworfen und war der Meinung, alles sei Bauhaus. Dabei hatte ich gar keine Ahnung. Heute definiere ich meine Architekturfotografie über die klassische Moderne. Das Bauhaus ist eine der Säulen, neben Art déco, De Stijl, Konstruktivismus oder dem International Style. Da liegt noch viel vor mir: Von rund hundert Ländern mit Bauten der klassischen Moderne habe ich gerade mal 30 bereist.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Land wurden Sie besonders fündig?

Molitor: Auf der griechischen Insel Leros. Unter Mussolini gehörte sie zu Italien, und das Zentrum des Ortes Lakki entstand in den Dreißigern, ist also sehr modern. Das ist unglaublich, da muss man hin. Oder Atatürks Seevilla Florya in Istanbul: Die wurde 1935 gebaut und sieht fast aus wie von Peter Behrens. Oft denke ich, dass mich nichts mehr überraschen kann. Und dann kommt wieder ein Hammer.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gilt Panoramafreiheit, man darf von der Straße aus Häuser fotografieren. War Ihre Arbeit anderswo komplizierter?

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Molitor: In manchen Ländern kann ich nicht mehr mit Stativ arbeiten, das ist zu auffällig. Ich habe deswegen auch schon im Knast gesessen, dabei ging es um unberechtigtes Arbeiten oder Spionagevorwürfe. Im Libanon wurde ich mindestens einmal am Tag überprüft: "Chipkontrolle, was ist da drauf?" Deshalb fotografiere ich nebenher viel Schwachsinn - damit mich der Polizist oder Soldat, der die Bilder kontrolliert, für einen normalen Touristen hält.



insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Siggi_Paschulke 17.12.2018
1.
Ist es nicht so, dass man Gebäude in D nur "ohne Hilfsmittel", also nicht von einer Leiter, Hebebühne etc. aus ablichten darf?
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Seite 1

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