Mode-Exzentriker Jean Paul Gaultier Mit Stahl, Charme und Damenbart

Madonna steckte er in ein spitzbrüstiges Korsett, seine schrillen Entwürfe sind legendär. Jetzt wird der französische Modemacher Jean-Paul Gaultier in München mit einer Show der Superlative geehrt.

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Sein erstes Model war knopfäugig und pausbäckig, stark behaart und eher stämmig. Jean Paul Gaultier aber fand: Die Kegelchen aus Papier, in Brusthöhe appliziert, standen Nana ganz ausgezeichnet.

Auf den Laufsteg schaffte es Nana allerdings nicht. Der heute berühmte französische Modemacher war damals noch ein kleiner Junge, der seine Freizeit im Schönheitssalon seiner Großmutter verbrachte und sich von den herumliegenden Modemagazinen inspirieren ließ. Und Nana - das war sein Teddybär.

Jetzt hat das Knuddeltier einen Ehrenplatz gleich zu Beginn der fulminanten Gaultier-Retrospektive in München. Dort, in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert die Schau, die mit ihren bisherigen Stationen in Nordamerika, Australien und Europa mehr Besucher anzog als je eine Mode-Ausstellung zuvor.

Teddybär des Modedesigners Jean-Paul-Gaultier: Knuddeltier als erstes Model
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Teddybär des Modedesigners Jean-Paul-Gaultier: Knuddeltier als erstes Model

Eine solche Mode-Ausstellung ist für ein Label natürlich prima Marketing. Von Gaultier allerdings gibt es für die Normalbetuchten, von Parfüms mal abgesehen, gar nicht mehr viel zu kaufen. Genervt von den immer schneller getakteten Produktionsrhythmen macht der Meister seit diesem Jahr kein Prêt-à-porter mehr, sondern nur noch Haute Couture - die Art von exquisiter Maßschneiderei also, die sich heute weltweit nur noch ein paar Hundert Kundinnen leisten.

Seine erste richtige Kollektion hat er 1976 noch mit viel Einsatz und wenigen Mitteln gestemmt: Das meiste nähte damals seine Concierge, den Strick nadelte seine Cousine zusammen. Kaufhaus- und Flohmarkt-Schurrmurr war eingearbeitet: Leuchtdioden, Nägel und Tischsets aus Bast. Und zum Defilee fanden sich nur die Modeprofis, die bei den anderen Schauen draußen bleiben mussten.

Wenig später aber galt Gaultier bereits als Enfant terrible der Szene, und wer vorneweg sein wollte, drängte in seine Front row. Gaultier infiltrierte der Mode Humor und Travestie wie vor ihm nur Elsa Schiaparelli. Er ließ Trash, Eleganz und Fetischismus ineinanderfließen. Bis heute versteht er Mode eher als Statement denn als Verschönerungsstrategie.

Conchita Wurst: 2014 Braut mit Bart bei Gaultier
Sabine Brauer

Conchita Wurst: 2014 Braut mit Bart bei Gaultier

Bereits in den Achtzigern schockte er mit dem (Hosen-)Rock für den Mann, bei dem sich der Stoff des einen Beins wie ein Schurz über das andere legt. Und alle Welt war verrückt nach seinen Entwürfen mit den Matrosenstreifen. In blauweiße Pullis hatte ihn schon seine Mutter gesteckt. Rainer Werner Fassbinders Matrosen-Drama Querelle hat die maritimen Muster dann endgültig in Gaultiers Formen- und Fetischrepertoire eingeprägt.

Theatralisch inszenierte Modeschlachtordnung

Corsagenkleider und konische Büstenhalter schlossen an seine frühen Nana-Kreationen an. Und die spitzbrüstigen Korsetts, die Madonna 1990 bei ihrer "Blond Ambition"-Tournee trug, kamen rüber wie eine Kernfusion von Weiblichkeit und phallischer Potenz. Auf der Suche nach ikonischen Erscheinungen jenseits von Schönheitsnormen und Gender-Stereotypen schickt er heute auch mal Transgender-Models oder Wohlbeleibte wie Beth Dito über den Catwalk. Und 2014 krönte Conchita Wurst das Finale seiner Couture-Schau: als Braut mit Bart.

Bei aller Exzentrizität seiner Entwürfe ist Gaultier ein ziemlich angenehmer Typ. Besonders liebevoll schwärmt im Katalogbuch Magazinmacherin Babeth Djian: "Jean Paul ist ein weichherziger, großzügiger Mann voller Humor, zugleich sachlich und knisternd, ein wohlerzogener Knabe und lodernd, überschäumend vor Kreativität." Dieser Knabe von 63 Jahren lässt das einst gebleichte Haar jetzt naturgrau sprießen und kommt selbst dann liebenswürdig rüber, wenn er beim Ausstellungsaufbau in München hier einen Haarputz und dort eine Projektion zurechtgerückt haben will.

Kleiderpuppen in der Schau: eine Aura, die von Träumen erzählt
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Kleiderpuppen in der Schau: eine Aura, die von Träumen erzählt

Dramatischer Höhepunkt der Ausstellung ist ein bewegtes Laufstegkarussell, an dem eine Armee von Modejournalistinnen einer Gruppe irokesentragender Typen im Ornat der Punk-Cancan-Kollektion gegenüber steht. Diese theatralisch inszenierte Modeschlachtordnung - subkulturelle Inspiration gegen elitäres Schiedsgericht - ist lustig. Anrührend aber wird die Schau durch die Videoprojektionen auf den Gesichtern der Kleiderpuppen.

Die bewegten Bilder werden exakt auf deren Köpfe gebeamt. Sie lassen die Mannequins lächeln, sprechen, murmeln, seufzen oder singen und geben ihren Outfits eine Präsenz, die den leblos aufgebockten Roben der meisten anderen Mode-Ausstellungen abgeht.

Man muss das Gewisper der Puppen nicht einmal verstehen. Die geisterhaft flüchtige Mimik und ihr melancholischer Singsang machen auch so klar, was mitschwingt, wenn - wie so oft bei Gaultier - das anmutige Chichi der Belle Epoque auf die Enttabuisierungen des späten 20. Jahrhunderts trifft: eine Aura, die von Träumen erzählt, vom Begehren und von der Schalheit des schönen Scheins.

Dabei verdankt der Modemacher diese besondere Schau einem Mann, den er selbst einmal abserviert hat. Konzipiert hat sie nämlich Kurator Thierry-Maxime Loriot, der früher als Model arbeitete und sich irgendwann einmal auch bei Gaultier vorgestellt hat. Der Designer aber hat damals nur kurz in Loriots Portfolio geblättert und sich dann gegen ihn entschieden.

Die Begründung war lakonisch und durchaus typisch für Gaultier. Sie lautete: "Zu gutaussehend."


"Jean Paul Gaultier. From the Sidewalk to the Catwalk": Bis 14. Februar 2016 in der Kunsthalle München.

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