"Jedermann"-Premiere in Salzburg Sex jederzeit ausgeschlossen

Eine neue, junge "Jedermann"-Besetzung soll Glanz in die Salzburger Festspiele bringen. Doch Birgit Minichmayr blieb als Buhlschaft ohne Verführungskraft, der neue Hauptdarsteller Nicholas Ofczarek gibt ein rumpelstilzendes Muttersöhnchen. Dafür war Ben Becker die Überraschung des Abends.

Hermann & Clärchen Baus

Von


Wie fast jeden Sommer ist es herrlich und herrlich verkommen in Salzburg. Unter einem von wenigen dunklen Regenwolken getupften blauen Himmel drängen sich jede Menge Frauen in Designer-Dirndlkleidern und ihre eher wenig berglerisch gekleideten Begleiter am Sonntag zur ersten Premiere der Saison, die ganze Stadt ist plakatiert mit den Konzertankündigungen und Opernplakaten, Theaterbildern und Museumsattraktionen der diesjährigen Festspiele - und die vielen aufgeregten Pressefotografen haben dann am "Jedermann"-Gala-Abend nichts besseres zu tun, als sich auf den österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer und den Ex-Rennfahrer und Luftfahrtunternehmer Niki Lauda zu stürzen, der frisch vom Formel-1-Rennen in Deutschland eingeflogen ist.

Es ist kurz nach halb elf Uhr abends, als sich die "Jedermann"-Schauspielkünstler vor dem hübsch angeleuchteten Salzburger Dom zum Schlussapplaus verneigen und plötzlich zwei Dutzend Fotografen und Kameraleute vor die Bühne stürzen. Dort geiern sie sich fast ausschließlich auf die Promis in den ersten Reihen und strafen die Darsteller auf der Bühne konsequent mit Ignoranz. Für all jene, die immer schon wussten, dass in Salzburg der Kommerz und das Spektakel regieren und die Kunst nur als nettes Nebenbei geduldet wird, ist das ein schönes Symbolbild.

Dabei soll doch alles neu, anders, frischer, lebendiger werden bei den Festspielen, zu denen in diesem Jahr zum letzten Mal der liebe Intendantenonkel Jürgen Flimm einlädt, der eigentlich schon Chef der Berliner Lindenoper ist und im nächsten Jahr endgültig von Alexander Pereira beerbt wird. Das 90-Jahre-Jubiläum feiert man in diesem Jahr bei den 1920 von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal begründeten Festspielen. Der seit Anfang an gespielte Publikumsknüller "Jedermann" sollte diesmal so glamourös aufgepeppt sein, dass schon vor der offiziellen Festspiel-Eröffnung am Montagabend Jubel, Trubel, Begeisterung herrschen an der Salzach: Nur leider geriet die "Jedermann"-Premiere am Sonntag zu einer brutal faden Leichenfeier mit bunten Kleidern.

Eigentlich ein schauerliches Stück

Das aufregendste Kleid ist karmesinrot und ein Entwurf der Kostümbildnerin Marlene Poley, es wird von der derzeit amtierenden Königin des Burgtheaters getragen, dem österreichischen Theaterstar Birgit Minichmayr. Minichmayr ist die neue Buhlschaft im "Jedermann". Die Nachfolgerin von berühmten Buhlschafts-Darstellerinnen wie Christiane Hörbiger (zuletzt 1974) und Senta Berger (zuletzt 1982), Veronica Ferres (zuletzt 2004) und Sophie von Kessel (2008 und 2009, jeweils im blauen Kleid).

Die Buhlschaft soll als Gespielin des reichen, plötzlich mit dem Tod konfrontierten Lebemenschen Jedermann Sex verkörpern und Temperament und unbedingte Lebenslust. Das ist deswegen schwer, weil ihre Rolle mickrig ist. Birgit Minichmayr nimmt den Kampf erst gar nicht auf. Sie stakst sehr blass ein bisschen auf der Domtreppe herum und spricht ihre wenigen Sätze schön deutlich, einmal wirft sie sich dem neuen Jedermann-Darsteller Nicholas Ofzcarek sogar zu einer melodramatischen Kussszene an den Hals, doch dass sie irgendeine echte Leidenschaft mit diesem adretten jungen Mann verbindet, dass sie gar bereit sein könnte, ihm in den Tod zu folgen, ist jederzeit absolut ausgeschlossen.

Der "Jedermann", der große Geldbringer der Salzburger Festspiele und im Jahr 2010 bislang eine der wenigen ausverkauften Attraktionen, ist eigentlich ein schauerliches Stück. Nach Art der mittelalterlichen Mysterienspiele lässt Hofmannsthal (1874 bis 1929) darin den lieben Gott und den Teufel, den Tod und den Mammon leibhaftig auftreten, als allegorische Figuren, die dem prassenden Herrn Jedermann sein sündhaftes Leben vorhalten und den Umstand, dass er ganz allein ist auf der Welt und logisch auch auf seinem allerletzten Weg.

Einkehr? Im Ernst?

Nicholas Ofczarek, der jüngste Jedermann aller Zeiten und wie Minichmayr am Burgtheater daheim, ist ein kräftiger, ein bisschen verlotterter Kraftkerl in der Titelrolle. Sein Hemd ist schief geknöpft, als er die Bühne betritt, an einem seiner Füße fehlt eine Socke. Er wirft seine halblange, üppige Haarpracht bei fast jedem Wort zackig hin und her und gestikuliert eifrig mit den Armen, er tritt einen seiner Schuldner böse mit Füßen und würgt ihn mit Stahlketten: ein rechter Dreckskerl, wie es scheint. Kein verlebter, großmächtig zerknitterter Herr wie viele der einstigen Jedermann-Darsteller, darunter Curd Jürgens, Klaus-Maria Brandauer oder in den letzten Jahren Peter Simonischek, ist Ofczareks reicher Mann, sondern eher ein rumpelstilzendes Muttersöhnchen. Er wird dann auch schnell ganz zahm und kleinlaut und fromm, als er ein Einsehen haben muss mit seinem Schicksal und dem Abgang ins Jenseits.

Der "Jedermann"-Regisseur Christian Stückl hat das Mysterienspiel vor ein paar Jahren klug zusammengestrichen und durch viele Späße aufgelockert, er lässt auch jetzt ein paar süße Kinder im Prolog eine Kurzfassung des Stücks aufführen und den Teufelsdarsteller Peter Jordan lustig mit kleinen Feuerwerkseffekten böllern.

Ansonsten aber ist der ganze Spaß aus diesem "Jedermann"-Spektakel auf trübe Weise entwichen wie die Luft aus einem versehentlich nicht zugeknoteten Luftballon. Der Übermut und die parodistische Bosheit, mit denen sich noch das letztjährige Ensemble in das Unternehmen schmiss, macht nun einer feierlich-schwermütigen Grundstimmung Platz: So als wollten die Schauspielkünstler, dass die Salzburger Zuschauer sich bei den lauten, hohltönenden, gedehnten "Jedermann"-Rufen, die über den Domplatz schallen, ganz im Ernst zur Einkehr und Buße bekehren.

Der Tod hat einen Schmerbauch

Mangels echter Ideen hat der Intendant Jürgen Flimm in diesem Jahr den Slogan "Mythos" für die Festspiele ausgegeben. Damit rechtfertigt er, dass im Schauspiel unter anderem der Altmeister Peter Stein einen "Ödipus" inszenieren darf und auch im Musiktheater die Erwartungen an das diesjährige Programm hübsch tief gehängt sind, sieht man mal ab von einer verdienstvollen Gerhard-Rihm-Uraufführung mit dem mythenverliebten Titel "Dionysos".

Mit dem "Mythos Salzburg", den Flimm so gern beschwört, kann man natürlich auch die Besinnung der neuen "Jedermann"-Besetzung auf die Tradition des dürren Weihespiels begründen. Nur macht das den Premierenabend, der manchmal wie eine unbeholfene Fastenpredigt wirkt, keineswegs interessanter. Immerhin gibt es einen Darsteller, der eine flirrende, interessante Rolle spielt an diesem Abend: Ben Becker als mit Asche beschmierter, schmerbäuchiger Tod.

Im vergangenen Jahr war Becker in dieser Rolle noch ein aufgedrehter Hanswurst, diesmal schlurft er als inständig finsterer, komisch depressiver Sensenmann auf die Bühne: ein Kerl, der den Zustand der Welt sehr aufrichtig zu betrauern scheint und all ihr Leid auf seinen armen Ben-Becker-Schultern zu tragen bereit ist. "Es hilft kein Bitten und kein Beten", raunt dieser Kerl, und es klingt so poetisch und so verzagt und doch so zornig, als wolle er selber den Himmel und den lieben Gott anprangern mit dieser Klage.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mavoe 26.07.2010
1. Hmmm
Der Hamburger Jedermann war schon wirklich toll. Solch eine Kulisse kann Salzburg, denke ich mal, nicht bieten...
stanis laus 26.07.2010
2. Verkrampfter Zwang zur Originalität
Man nehmen immer das Beste der Anderen. Wenn das eigenen nicht gut genug ist.
snp5057 Siegi 27.07.2010
3. Jedermann Premiere in Salzburg
Zitat von mavoeDer Hamburger Jedermann war schon wirklich toll. Solch eine Kulisse kann Salzburg, denke ich mal, nicht bieten...
Die Kulisse des Jedermann in Sajzburg ist nun eben mal die Orginalkulisse und daran werden sie auch nichts ändern können.Mich ärgert nur das ihr Piefke immer dann etwas auszusetzen habt wenn es nicht von euch gemacht ist dabei würde ich mich an eurer Stelle einmal ganz schnell an der eigenen Nase fassen den scheinbar gibt es in Deutschland Gegenden in denen man nicht einmal eine Party zusammenbringt ohne dass es eine Panik und Tote gibt.
snp5057 Siegi 27.07.2010
4. Jedermann Premiere in Salzburg
Zitat von mavoeDer Hamburger Jedermann war schon wirklich toll. Solch eine Kulisse kann Salzburg, denke ich mal, nicht bieten...
Die Kulisse des Jedermann in Salzburg ist nun eben mal die Orginalkulisse und daran werden sie auch nichts ändern können.Mich ärgert nur das ihr Piefke immer dann etwas auszusetzen habt wenn es nicht von euch gemacht ist dabei würde ich mich an eurer Stelle einmal ganz schnell an der eigenen Nase fassen den scheinbar gibt es in Deutschland Gegenden in denen man nicht einmal eine Party zusammenbringt ohne dass es eine Panik und Tote gibt.
capakaum 27.07.2010
5. Andere Meinung
Bin gar nicht der Meinung des Kritikers. Ofczarek ist meiner Ansicht nach ein Jedermann der gegenwärtigen Generation, Minichmayr so aktiv wie es die Rolle möglich macht. Abgesehen davon ist doch Jedermann textlich-literarischer Schrott.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.