Kulturkritiker Jeff Chang "Der Trumpismus wird nicht verschwinden"

Was man von Beyoncé über Gefängnisreformen lernen kann und was weiße Verletzlichkeit mit dem Aufstieg von Trump zu tun hat, kann kaum jemand so gut erklären wie der Kulturkritiker und Hip-Hop-Experte Jeff Chang.
Von Julian Brimmers
"Black Lives Matter"-Aktivistin Chocolate in Ferguson 2015.

"Black Lives Matter"-Aktivistin Chocolate in Ferguson 2015.

Foto: ADREES LATIF/ REUTERS
Foto: Jeremy Keith Villaluz

Jeff Chang gilt spätestens seit seinem Buch "Can't Stop Won't Stop" (2005) als einer der führenden Experten in Sachen Hip-Hop und schwarze Kultur in den USA. Chang wurde in Hawaii geboren und studierte u.a. in Berkeley und der UCLA. Neben seiner Arbeit als Kritiker und Autor leitet er das Institute for Diversity in the Arts an der Stanford University. Soeben ist sein neues Buch "We Gon' Be Alright: Notes on Race and Resegregation" erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr erstes Buch wurde als die "definitive Geschichte der Hip-Hop-Generation" bezeichnet. Die Nachfolger "Who We Be" und "We Gon' Be Alright" wurden jeweils nach Songs der Rapper DMX und Kendrick Lamar benannt. Ist Pop immer noch ein verlässlicher Seismograph für kulturelle Strömungen?

Chang: Absolut. Mir ist immer daran gelegen, hochkulturelle Diskurse zu untergraben, indem ich meine Bücher nach Rap-Songs benenne. All diese Dinge, denen wir hochtrabende Namen geben und die wir theoretisieren, sind den Leuten längst geläufig. Popkultur ist seit jeher Ausdruck dieses Wissens. Die Theorie folgt den Geschehnissen, nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr zweites Buch brauchten Sie neun Jahre. Warum ging es mit der Veröffentlichung von "We Gon' Be Alright" jetzt so schnell?

Chang: Im Zuge des "Movements for Black Lives" sah ich mich gezwungen, alles neu zu bewerten. "Who We Be" erschien zwei Monate vor dem Freispruch für den Polizisten, der Michael Brown in Ferguson erschossen hat. Zum ersten Todestag von Mike Brown fuhr ich nach Ferguson, um mir vor Ort ein Bild zu machen. Ich schrieb einen 50-seitigen Essay für die Taschenbuchausgabe von "Who We Be" und der Verlag meinte: "Wir geben dir drei Monate, schreib' ein neues Buch."

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die L.A. Riots von 1992, als es nach dem Freispruch für die Polizisten, die Rodney King misshandelt haben, zu tagelangen Ausschreitungen kam, als "den 68er-Moment" Ihrer Generation bezeichnet. Wie verhält sich Ferguson 2014 hierzu?

Chang: Hier zeigt sich, wie sehr Geschichte sich wiederholt. Nach Ereignissen wie Ferguson ist es einfach, zu verzweifeln und sich zu fragen: "Müssen wir uns nach Hunderten von Jahren und einer schwarzen Präsidentschaft noch immer mit so etwas beschäftigen?" Im ersten Kapitel schreibe ich von einem Krisenzyklus, in dem wir uns in den USA, aber auch weltweit befinden - das Wiedererstarken völkischer und nationalistischer Tendenzen in Europa ist ebenso zyklisch. Bei allem kollektiven Fortschritt erleben wir immer wieder rückläufige Tendenzen. Unsere historische Verantwortung nach Ferguson ist es, jüngeren Generationen zu zeigen, dass es Aufstände und Momente des Fortschritts wie 68 gab - aber auch immer wieder Rückschläge. Dennoch haben die Leute nie aufgehört, sich zu erheben.

SPIEGEL ONLINE: Aber es scheint schwierig zu sein, sich als Bewegung seiner eigenen kollektiven Geschichtlichkeit bewusst zu werden.

Chang: Absolut. Ich glaube an Frantz Fanons Aussage, nach der jede Generation sich selbst und ihre Mission definieren muss. Gleichzeitig sollte man der Tendenz vorbeugen, nur auf das Hier und Jetzt zu blicken. Dies führt zu sehr offensichtlichen und allgemeinen Statements, die niemandem helfen, wie "All Lives Matter". Was die "All Lives Matter"-Fraktion nicht versteht, ist, dass das Statement "Black Lives Matter" die Forderung "All Lives Matter" schon beinhaltet. Der Grund dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit jetzt und immer auf schwarze Menschen richten müssen, ist, dass schwarzes Leben in der Vergangenheit eben nicht wertgeschätzt wurde.

Polizeieinsatz 2014 in Ferguson nach dem Tod von Michael Brown

Polizeieinsatz 2014 in Ferguson nach dem Tod von Michael Brown

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: In den gesellschaftspolitischen Debatten in den USA kursieren verschiedene Begrifflichkeiten wie "Diversität", "Multikulturalismus" oder "Inklusion". Welcher ist am passendsten, um die aktuelle Situation zu beschreiben?

Chang: Für etwa drei Monate nach der Wahl Obamas im November 2008 sprach man von der post-racial era. Diese endete bereits mit seiner Amtseinführung, als der erste Gegenwind einsetzte. Wir könnten also von einer post-post-racial era sprechen, in der wir uns jetzt befinden.

SPIEGEL ONLINE: Was kennzeichnet diese Ära?

Chang: Dass Segregation wieder zunimmt. Besonders deutlich wird das am Beispiel vom St. Louis County, wo Ferguson liegt. Hier hat die Segregation nie wirklich aufgehört. Anders in der Bay Area um San Francisco: In den Sechzigern und Siebzigern war hier das Zentrum der multikulturellen Bewegung, der Geburtsort der Black Panther Party. In den letzten 20 Jahren ging der Anteil schwarzer Bevölkerung in San Francisco und Oakland drastisch zurück. Man kommt nicht umhin, es "Re-Segregation" zu nennen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Begriff "white vulnerability", weiße Verletzlichkeit?

Chang: Er beschreibt, wie jeder noch so kleine Wandel in punkto Gerechtigkeit aller Ethnien eine große Gegenreaktion unter Weißen hervorruft. Die Toleranz für Wandel ist so gering, dass er direkt als Gefährdung wahrgenommen wird. Das ist der Kerngedanke, den Trump erkannt und aufgenommen hat. Die Aufrufe und Symbolpolitiken von Politikern aus der Vergangenheit erlangen so neue Aktualität. Trump beispielsweise bedient sich häufig der Sprache Richard Nixons. Von Beginn an betonte er das Konzept der "schweigenden Mehrheit", auf deren Seite er stünde. Neuerdings spricht er davon, dass Unruhen und Verbrechen allgegenwärtig seien. Dabei ist die Verbrechensrate auf dem geringsten Stand seit 20, 30 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie positionieren sich ethnische Gruppen in den USA, die nicht in die Dichotomie von Schwarz und Weiß fallen? Sie selbst sind halb hawaiianischer, halb chinesischer Abstammung und thematisieren Ihre spezielle Situation in einem sehr persönlichen Kapitel.

Chang: Dieses Kapitel ist der bei weitem persönlichste Essay, den ich je veröffentlicht habe. Was bedeutet es, dazwischen zu stehen? Wie begegne ich, als Asian-American, als Einwohner der pazifischen Inseln, schwarzenfeindlichem Gedankengut in mir selbst und innerhalb meiner Gemeinschaft? Wie gehe ich mit Fragen der Diskriminierung und Marginalisierung um? Ich habe es versucht, aber ich konnte den Essay nicht aus der Ich-Perspektive schreiben, deshalb habe ich die Anrede "Du" gewählt, zu der mich Claudia Rankines Buch "Citizen" inspiriert hat. Ich empfand diesen Dialog zwischen Autor und Leser als sehr wirkungsvoll, also habe ich auf ähnliche Weise versucht, Leser, die selbst nicht Asian-American oder von den pazifischen Inseln sind, einzubinden. Hier zeigt sich, wie die Black-Lives-Bewegung Diskussionen angefacht hat, die nun in anderen Bevölkerungsgruppen weitergeführt werden müssen. Im Moment sind die verletzlichsten Gemeinden an der Spitze unserer Bewegung, die anderen folgen.

SPIEGEL ONLINE: Das lässt sich aber nicht erreichen, wenn man "race" als Faktor ignoriert. Sie beziehen sich auf eine Studie der Vanderbilt University, nach der eine große Mehrheit libertärer weißer Eltern Diskussionen über "race" mit ihren Kindern vermeidet, weil sie glauben, dies sei der beste Umgang mit der Thematik. Warum ist der "farbenblinde" Ansatz falsch?

Chang: Wir müssen ethnische Unterschiede explizit herausstellen in all ihren Geschichten, Narrativen und Lehren, um ein Gefühl für das große Ganze zu bekommen. Bis dahin bewegen wir uns weiter im Krisenzyklus.

Superbowl-Auftritt von Beyoncé 2016

Superbowl-Auftritt von Beyoncé 2016

Foto: Tony Avelar/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Sie beenden Ihr Buch mit einem Essay über Beyoncés Album "Lemonade". Warum? Verglichen mit beispielsweise ihrem Auftritt beim Superbowl, bei dem ihre Tänzerinnen in Black-Panther-Montur aufliefen, erscheint dieses Konzeptalbum über eine Beziehung am Abgrund erst einmal unpolitisch.

Chang: Beyoncé matters! Im Zuge des "Movement for Black Lives" wurden viele Gerechtigkeitskonzepte diskutiert. In unserem aktuellen Gefängnissystem haben wir uns vollständig von der Idee der Rehabilitierung verabschiedet. Demgegenüber steht die Idee der transformativen Justiz. Das ist eine der ältesten Ideen der Menschheit, sie ist in allen Religionen sowie in den Lehren von Malcolm X und Martin Luther King jr. enthalten. Beyoncés "Lemonade" ist einerseits ein Album über eine Beziehung, die furchtbar schiefgeht. Die Frau wird betrogen, und es gibt Hinweise auf noch schlimmere Vergehen. Am Ende nimmt sie ihren Peiniger zu ihren Bedingungen zurück. Es geht nicht mehr um das Feuer und die Wut, sondern um diese sehr zarte Metapher: Wenn das Leben dir Zitronen reicht, mach Limonade draus. Wie also lebt man Seite an Seite mit jemandem, der dich verletzt hat, der dir Unrecht angetan und dich unterdrückt hat? Beyoncé greift hier eine Denkrichtung auf, die tiefgreifend vom "Movement for Black Lives" beeinflusst ist.

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Foto: picador

Jeff Chang:
We Gon' Be Alright

Notes on Race and Resegregation.

Picador ; 208 Seiten; 13,25 Euro.

Buch bei Amazon: Jeff Chang "We Gon' Be Alright" Buch bei Thalia: Jeff Chang "We Gon' Be Alright" 

SPIEGEL ONLINE: Das Buch beginnt und endet mit dem Satz "Wir leben in ernsten Zeiten". Nach der Veröffentlichung des Videos, in dem Trump mit sexuellen Übergriffen prahlt, schien die Wahl gelaufen. Die letzten Tage haben gezeigt: Es bleibt eine Zitterpartie bis zum Schluss.

Chang: Was wir in den vergangenen Wochen gesehen haben, war verstörend und es bekräftigt, wie toxisch Trumps Kampagne tatsächlich geführt wurde. Gut möglich, dass er und seine Kampagne vollends auseinanderbrechen. Gleichzeitig erinnert mich jede neue Wendung an die Folgen, die sexuelle Übergriffe für ganze Familien, Freunde und Kommunen haben können. Das ist kein Witz, nichts, was man einfach beiseiteschieben könnte. Und seine Reaktion auf all das ist ernsthaft, seinen Frauenhass, Antisemitismus und Rassismus noch zu verdoppeln? Auch wenn Trump nicht gewinnt, wird der Trumpismus nicht verschwinden. Die Geschichte zeigt uns, dass vermeintlich starke männliche Figuren in Zeiten eines Wiederaufbaus attraktiv wirken, weil sie an unsere tiefsten Ängste und destruktivsten Eigenschaften appellieren. Wir bereiten uns diesbezüglich alle auf einen langen Kampf vor.

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