Jeff Koons "Mein Glaube an die Menschheit stand auf der Probe"

Das Deutsche Guggenheim Berlin eröffnet eine Ausstellung mit neuen Ölgemälden von Jeff Koons. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem "Kitsch-König" über seine Arbeit.

Von Henrike Thomsen


Jeff Koons: "Einer meiner Hasen war auch darunter"
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Jeff Koons: "Einer meiner Hasen war auch darunter"

SPIEGEL ONLINE: Was bekommen wir in Ihrer Ausstellung im Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen? Jeff Koons: Ich nenne die Serie "Easyfun". Die Bilder tendieren dazu, sich zu bewegen und zu verändern. Sie haben etwas spirituell Verhangenes an sich, wie ein Schleier, der ein Gefühl von Zeit vermittelt. Eines, an dem ich gerade arbeite, bezieht sich auf Leonardo da Vincis "Mona Lisa", aber gleichzeitig denkt man auch an Man Ray. Ich hoffe, dass die Leute trotzdem am Ende das Gefühl haben, mit einem Jeff Koons wegzukommen. SPIEGEL ONLINE: Man kennt Sie für Ihre Skulpturen und Fotoarbeiten. Warum jetzt plötzlich Ölgemälde? Koons: Ich war immer ein Maler. Ich habe mein Handwerk im College studiert. Aber dann habe ich mich von der Anwendung distanziert. Ich habe maschinelle Gemälde hergestellt oder Posterreklamen gezeigt. Nach einer Weile bin ich zu meiner Hand zurückgekehrt und freue mich, dass meine Arbeit sogar noch objektiver geworden ist. SPIEGEL ONLINE: Ich habe aber vor kurzem zufällig eine Studiomalerin bei Ihnen am Telefon gehabt. Machen Sie die Gemälde nicht selbst?Koons: Ich entwerfe sie an einem Computer. Ich wähle die Bilder, schneide und arrangiere die Ausschnitte. Es gibt einige Gemälde, an denen ich viel gemacht habe. Die Arbeit wird insgesamt vollständig von mir überwacht.SPIEGEL ONLINE: Nach Ihren ersten Erfolgen in New York erlebten Sie 1982 einen Karriereknick und dann noch einmal rund zehn Jahre später, als die umstrittene Erotik-Serie "Made in Heaven" mit Ihrer damaligen Ehefrau Cicciolina erschien. Gehört die Kunst des Comebacks zu Ihrer Arbeit? Koons: Als ich mit meinem letzten Projekt "Celebration" beschäftigt war, gab es finanzielle Probleme mit dem Projekt. Ich begann mit anderen Händlern zusammenzuarbeiten. Obwohl ich also viel gemacht hatte, konnte die Öffentlichkeit es nicht sehen. Außerdem war und bin ich mit dem Kampf um das Sorgerecht um meinen Sohn beschäftigt. SPIEGEL ONLINE: Ihre Ex-Frau nahm den gemeinsamen Sohn Ludwig Maximilian mit sich, obwohl ein New Yorker Gericht 1994 Ihnen das Sorgerecht zusprach.Koons: Ich habe unglaubliche Ungerechtigkeiten in Italien erlebt. Damit musste ich in den Neunzigern fertig werden. Es hat sicher auch "Celebration" und "Easyfun" beeinflusst. Mein Glauben an die Menschheit wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber trotzdem hat die Erfahrung mein Verantwortungsgefühl gegen andere gestärkt. Meine Arbeit ist hoffentlich eine optimistische Erfahrung, so abgedroschen das klingt. SPIEGEL ONLINE: Es fällt schon schwer, solche Sätze vom Kitsch-König der Achtziger ernst zu nehmen.Koons: Meine Arbeit war immer sehr moralisch verankert. Sie war überhaupt nicht zynisch, im Gegenteil zu dem, was darüber geschrieben wurde. SPIEGEL ONLINE: In jedem Fall waren Sie nie weg vom Kunstmarkt, wie die Versteigerung Ihrer Skulptur "Pink Panther" für 1,8 Millionen Dollar im Herbst letzten Jahres gezeigt hat. Wissen Sie, wer Ihre Werke kauft?Koons: Meine Käuferschicht ist recht unterschiedlich. Ich würde sagen, es sind fifty-fifty Sammler in Europa, besonders in Deutschland, Frankreich und Italien, und in den USA. Es sind vielleicht hundert Leute, die über eine längere Zeit meine Arbeit gekauft haben. SPIEGEL ONLINE: Angeblich sollen Sie bei den neuen Dot.com-Millionären sehr beliebt sein. Koons: Ich weiß nicht, ob diese Leute bisher so sehr auf dem Kunstmarkt in Erscheinung treten. Es wird darauf spekuliert, dass sie es in Zukunft tun werden, aber soweit ich es beurteilen kann, geben bisher noch die alten Sammler den Ton an. SPIEGEL ONLINE: Gehört der britische Werbe-Tycoon Charles Saatchi noch zu Ihren Getreuen?Koons: Nein, er hat fast alle seine Kunstwerke aus den Achtzigern verkauft, als er sich um die Young British Art bemühte. Einer meiner Hasen war auch darunter. SPIEGEL ONLINE: Hat das Ihnen geschadet? Manche Künstler sollen durch den Ausverkauf beinahe ruiniert worden sein.Koons: Saatchi hat vielleicht einem Künstler wirklich geschadet, den er ganz am Anfang verkaufte. Aber nach einer Weile haben die Leute begriffen, dass er wirklich alles hergeben wollte. SPIEGEL ONLINE: Aber es muss Sie doch stören, dass Saatchi dafür Künstler förderte, die sich Ihrer Ideen bedienen. Sie bauten 1985 Wassertanks für Basketbälle, Damien Hirst setzte später einen Hai hinein. Koons: Ich mag die jungen Londoner Künstler und finde es großartig, dass Saatchi sie so sehr unterstützt. Und wenn meine Arbeit spätere Generationen beeinflusst hat, dann ist es eine Ehre. Dafür machen wir es ja.

"Jeff Koons. Easyfun - Ethereal": Deutsche Guggenheim Berlin, 27.10. - 14.1.2001.

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