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Stadtarchiv-Katastrophe: Bitterböser Jelinek-Kommentar

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Jelinek-Stück zum Stadtarchiv-Einsturz Köln am Abgrund

Profitgier, Technikglaube und Hybris: Elfriede Jelinek kommentiert in einem bitterbösen Stück den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Uraufgeführt wird es von der Regisseurin des Jahres am Theater des Jahres: von Karin Beier am Schauspiel Köln.

Um Aufbau und Zerstörung soll es am Schauspiel Köln in dieser Spielzeit gehen, "um Schuldenfallen und gebrochene Versprechen, um Bestechlichkeit und Amtsmissbrauch, um mafiöse Verstrickungen und eine hochaktive Verwaltung, die nichts bewegt und nur Grauen produziert". So hat es die Intendantin Karin Beier vor Monaten in einer Pressekonferenz angekündigt. Duckmäusertum klingt anders.

Elfriede Jelinek

Nicolas Stemann

Die Spielzeit eröffnet Beier am 29. Oktober mit einer eigenen Inszenierung. Sie bringt Texte von auf die Bühne, drei auf einen Schlag: vor der Pause "Das Werk", das vor einigen Jahren am Wiener Akademietheater kongenial uraufgeführt hat, nach der Pause "Im Bus" und "Ein Sturz", die beide bislang noch unaufgeführt sind. Was die Texte verbindet: Es sind Stücke über visionäres Bauen und reale Katastrophen, Abgesänge auf die technikgläubige Gesellschaft, auf die menschliche Hybris, die Natur im Griff zu haben.

Hunderte Tote

In "Das Werk", dem Kernstück des Abends, beschäftigt sich die österreichische Nobelpreisträgerin Jelinek mit dem österreichischen Alpenurlaubsort Kaprun, zu schauriger Berühmtheit gelangt durch das Unglück der Gletscherbahn zum Kitzsteinhorn im November 2000, bei dem 155 Menschen verbrannten und erstickten. Neben der Talstation der Gletscherbahn liegt ein Stausee mit einem Wasserkraftwerk, vollendet 1955, bei dessen Bau viele hundert Menschen ums Leben kamen, vor allem Kriegsgefangene und jüdische Zwangsarbeiter. Maßgeblich vorangetrieben wurde das Projekt in der Nazi-Zeit, den ersten Spatenstich setzte Hermann Göring, und dennoch trug der Mythos der "Helden von Kaprun" nicht unwesentlich zur österreichischen Identitätsstiftung nach dem Zweiten Weltkrieg bei, indem der Kraftwerksbau zu einer menschlichen Großtat idealisiert wurde, zu einem Sieg der Menschen und der Technik über die Natur.

Der Text "Im Bus" ist nur wenige Seiten lang und Teil eines bislang unaufgeführten Stückes, das Jelinek für den damals schon todkranken und inzwischen verstorbenen Christoph Schlingensief geschrieben hat; darin beschäftigt Jelinek sich mit einem Busunfall während des Münchner U-Bahn-Baus, bei dem 1994 zwei Fahrgäste und ein Bauarbeiter ums Leben kamen.

Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Die größte Aufmerksamkeit jedoch wird sicher der Text "Ein Sturz" erregen, 39 Seiten, die Jelinek speziell für das Schauspiel Köln geschrieben hat, als Reaktion auf den im März 2009, bei dem zwei Menschen starben und massenhaft wertvolle Dokumente zerstört wurden.

Profitgier trifft Finanznot

Im Zentrum von "Ein Sturz" steht ein Chor, der keine Verantwortung übernehmen will, sondern die Schuld Erde und Wasser zuweist, also der Natur. Es geht um Profitgier und die Finanznot der Kommunen, um das Sparen am falschen Ende und um Baufirmen, die noch an der Katastrophe verdienen; von den Menschenleben und den historischen Schätzen hingegen ist nur am Rande die Rede. Der bitterböse, ironische Text - eine "Tragödientravestie" nennt Beier ihn - soll am Ende der Inszenierung stehen, als eine Art Satyrspiel, das als komische Entlastung auf die ernste Tragödie folgt.

Der Name Karin Beier steht bislang vor allem für psychologisches Theater, das rhythmisch exakt austariert ist, für eine exakte Arbeit mit den Schauspielern. Bislang noch nie hat sie Textflächen wie jene von Jelinek inszeniert: ohne Figuren und Dialoge und Psychologie, eher kühl intellektuell als emotional aufwühlend. "Es war für Beier die Entdeckung eines neuen Kontinents", sagt ihre Chefdramaturgin Rita Thiele.

Wenn die Inszenierung schief gehen würde, wäre das dennoch eine Riesenüberraschung, denn Beier surft seit Monaten auf einer Welle des Erfolgs: Beim Theatertreffen 2010, der Bestenschau der deutschsprachigen Bühnen, kamen drei der zehn Inszenierungen aus Köln; die überregionalen Fachzeitschriften "Die deutsche Bühne" und "Theater heute" führen das Schauspiel als "Theater des Jahres", ebenso wie das regionale Kulturmagazin "Theater pur" und der NRW-Teil der "Welt am Sonntag". Beiers Theateradaption von Ettore Scolas Unterschichten-Kinokomödie "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" wählten Theaterkritiker zudem zur "Inszenierung des Jahres".

"Natürlich beflügelt der Erfolg uns", sagt Thiele, "nicht nur Karin Beier und die Schauspieler, sondern alle Mitarbeiter, beispielsweise auch die Technik." Andererseits erhöhe der Erfolg den Erwartungsdruck: "Toppen können wir die vergangene Saison nicht mehr, aber natürlich möchten wir dieses Niveau halten und so lange wie möglich an der Spitze bleiben." Das sorge für Stress.

Ein Problem, das andere Bühnen gerne hätten.


Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz. Premiere am 29. Oktober um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen am 30. und 31. Oktober sowie am 6., 7., 14., 23., 24. und 28. November, Schauspiel Köln,  Kartentelefon 0221/22 12 84 00.