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Stemann inszeniert Jelinek: Mut zur Wut

Foto: Thomas Aurin

Jelinek-Uraufführung in München Mohammed ist leider verhindert

Nicolas Stemann inszeniert an den Münchner Kammerspielen Elfriede Jelineks neues Textmonster. Es geht um die Wut religiöser Fanatiker und die Wut vermeintlich anständiger Bürger. Doch kommt man dem Thema mit Satire wirklich bei?

Das Wort "Wut" kennt keinen Plural. Und seine drei Buchstaben sind untrennbar. Man kann also keine "Wüte" haben, und es gibt die Wut nur kompakt, als ein Ganzes. Ein "bisschen Wut" klingt so doof wie ein "bisschen Frieden". Elfriede Jelinek sagt, Wut entstehe, wenn der Zweifel zerreißt. Dann bricht sich etwas Bahn, dann wird nicht mehr abgewogen, dann wird nicht mehr hinterfragt. Nur noch zugeschlagen, vernichtet, gewütet. Da ist die Wut dann alles: allumfassend, blind, mörderisch.

Auffallend an Jelineks neuem Theatertext "Wut" ist, dass die Autorin erstaunlich oft ihre Ohnmacht eingesteht. Sie schreibt: "Mein Schreiben tut niemandem weh" oder "Ich spotte und vollbringe nichts" oder "Die Sprache ist müde geworden". Ist das Kapitulation vor dem Thema, das sie sich gestellt hatte, damals, als die Morde in Paris im jüdischen Supermarkt und der Satirezeitschrift Charlie Hebdo erschreckend klarmachten, dass Wut längst nicht mehr zu begreifen, mit Worten zu fassen ist? Eine "Wahnhaftigkeit, der die Sprache nicht mehr gewachsen ist", heißt es einmal in dem Stück, das dann die Wut eben doch in die Mehrzahl setzt, weil die Gründe so zahlreich sind und die Zahl der Opfer immer größer wird; weil nun auch der anfangs harmlose "Wutbürger" in Massen auftritt und der Schritt von hohler Rede zu zündelnder Tat klein und längst gemacht ist.

In den Köpfen und Herzen der Terroristen

Das Problem dieses Textes ist aber dann - einmal mehr - seine wilde Mixtur. Jelinek lässt sie alle zu Wort und Denken kommen, sei Letzteres noch so verquer und gefährlich. Sie schaut in die Köpfe und Herzen der Terroristen, die sich beleidigt und gedemütigt fühlen durch die westliche Welt: "Wir töten euch, weil ihr die seid, die bestimmen, was überall auf der Erde geschieht." Sie führt die "alternativen" Deutschen als tumbe Dampfplauderer vor, die in dumpfer Nacht gerne wieder "lange fackeln".

Der uralte Streit um Götter und Propheten ist ihr Kalauer und Gebet gleichermaßen wert, und ihr monumentales Unsittengemälde zeigt die Lebenden wie die Toten doch eigentlich nur als Fehlgeleitete ihrer Träume von einer anderen, schöneren Welt. Die einen wollen eine Handvoll Jungfrauen im Himmel, die anderen ihre flüchtlingsfreie Friedhofsruhe auf Erden. So treffend wie schwarz-weiß gemalt ist das, so naiv über weite Strecken - und die Autorin verkapselt sich in einer ausufernden, wahn-witzigen Sprachakrobatik.

Wo ihr letzter Text, "Die Schutzbefohlenen", konkret und dringlich war und sicherlich aus einem heiligen Zorn (der sei "klug", sagt Jelinek) heraus auf die Situation vor der eigenen Haustür geschrieben wurde, bleibt "Wut" über weite Strecken ein oft wirres, distanziertes Theoretisieren über das Unbegreifbare.

Man kann nun nicht sagen, dass Nicolas Stemann dieses mitunter groß- und grobflächige Textangebot (freundschaftlich launig sprach er eingangs als Conferencier davon, dass es "immer schlimmer" werde, "wie Jelinek schreibt") sehr ernst genommen hätte in seiner Uraufführungsinszenierung in den Münchner Kammerspielen. Im Gegenteil, die Freiheiten, die Jelinek ihren Theatermachern stets lässt, nützt der Jelinek-erfahrene Regisseur, um in einer knapp vierstündigen, vorwiegend radikal komischen Nummern-Revue der Wut ihren Schrecken auszutreiben.

Kalaschnikow zum Kalauer

Das hat einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert, weil da kein falscher Respekt spürbar ist. Nicht vor dem Thema und nicht vor der Autorin - Mut zur Wut könnte man das nennen und ertappt sich dabei, wie man wieder einmal über die bewährte Spaßhaftigkeit dieses Regisseurs das Schicksalhafte beiläufig fast vergisst.

Eine hochmotivierte Kammerspiel-Truppe bewältigt das Textmonster bravourös und kämpft sich mit Lust an der Provokation durch die szenischen Ein- und Ausfälle Stemanns, die diesmal in einer trügerisch gemütlich-biederen Wohnzimmeratmosphäre vor blutroter Showtreppe als Ruhe-Verstörung wirken. Doch bei aller Blasphemie und Blödelei, der Regisseur kennt schon die Grenzen, und wenn er Jesus eine "Kammerparty" geben lässt, dann mögen da die großen Religionsstifter und -führer als kreuzkomische Karikaturen einlaufen, nur Mohammed, von dem man sich kein Bild und ein komisches schon gar nicht machen darf, "Mo", wie ihn seine Glaubenskonkurrenten nennen, "ist verhindert".

Ansonsten geht es mal "kack-ophonisch" zu, wenn Exkremente zu Wut-Wurfgeschossen werden, mal wirklich böse, wenn Annette Paulmann eine keifende AfD-Furie gibt, mal wirklich an die Nieren, wenn Franz Rogowski in die geschundene Seele des Täters blickt, mal ist es schrecklich albern, wenn die Kalaschnikow zum Kalauer, mal herrlich selbstironisch, wenn die Autorin selber zum Spott-Opfer wird - immer aber wird alles übermütig illustriert, absonderlichst kostümiert, grell intoniert und ohne Not am langweiligen Geschmack vorbei serviert.

Das macht diesen Abend dann auf eine etwas beunruhigende Art auch beliebig. Nicolas Stemanns Rundumschlag ist gewiss hoch vorurteilsauflösend und schlägt all diesen diffusen Ängsten das richtige satirische Schnippchen. Doch er bleibt letztlich oberflächlich und verzettelt sich in hilflos-heiteren Kapriolen, wo das wirkliche Nachdenken über das, was gerade um uns passiert, noch nicht einmal richtig begonnen hat. Aber dann, wenn selbst das Lachen nicht mehr hilft und allein der Wahnsinn regiert, wütend alles auf Gott schieben, ist hienieden eigentlich auch keine Lösung.


WUT. Münchner Kammerspiel, nächste Vorstellungen am 17., 19., 24.4. und am 8. und 26. Mai. Tel. 089 / 233 966 00