Reden über Feminismus Alter Mann, was nun?

Der Journalist Jens Jessen gilt als Feind der #MeToo-Bewegung. Auf einem Podium stellte er sich einem selbst ernannten Vollzeitfeministen. Ein Abend, der sich nach gescheiterter Therapie anfühlt.
Nils Pickert (links) und Jens Jessen bei der Diskussion

Nils Pickert (links) und Jens Jessen bei der Diskussion

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dieser unangenehme Moment zwischen Zoogehege und Psychotherapie: Auf dem Podium sitzt Jens Jessen, 62, "Zeit"-Autor, der im April schrieb , dass die #MeToo-Aktivistinnen "alle Männer im Lager der moralisch Minderwertigen" zusammentreiben würden - und dafür einen Shitstorm und zig Gegenreden erntete. Jetzt sagt ein Mann aus dem Publikum, der sich als Therapeut vorstellt: "Du sprichst gar nicht von dir als Mann, ich weiß gar nicht, wer du bist." Jessen antwortet: "Ist das hier ein Stuhlkreis?"

Na, was hat er denn, der weiße alte Mann? Antwort verweigert.

Es ist voll an diesem Abend hier in der Fabrique im Hamburger Gängeviertel, 50 Leute müssen wieder gehen, weil kein Platz mehr ist. Und die rund 150, die da sind, sind jünger als das Publikum, das bei dieser Veranstaltungsreihe der Heinrich-Böll-Stiftung sonst auftaucht. Grobe Schätzung: 75 Prozent sind Frauen - dabei soll der Titel laut Organisatorin explizit Männer ansprechen.

Darüber, ob Männlichkeit und Feminismus miteinander vereinbar sind, soll Jessen, beiger Anzug, Lederslipper und einer der wenigen Anwesenden mit grauen Haaren, sprechen. Mit Nils Pickert, Journalist, Aktivist, laut Selbstbeschreibung "Teilzeitrockträger und Vollzeitfeminist", kaum graue Haare und Trekkingsandalen. Eine typische Aussage von Jessen, der sich im Verlauf der Diskussion immer lässiger zurücklehnt, ist: "Auf meinen Text ist mit der Art von Argumentation reagiert worden, die ich kritisiert habe."

Pickert hingegen trägt seine Position so pädagogisch reflektiert vor, dass man als Zuhörer aus reiner Widerborstigkeit manchmal ein bisschen weghört: "Auch wenn ich mir die Hausarbeit mit meiner Frau 50/50 teile, habe ich doch gemerkt, dass ich mir immer die Arbeiten ausgesucht habe, die mich aufwerten, die mir Lob bringen - Kochen zum Beispiel." Und wenn beide miteinander reden, sieht das so aus: Pickert: "DU und ich müssen den Arsch hochkriegen." Und weiter: "Man kriegt doch schon als kleiner Junge gesagt, dass kleine Jungen nicht weinen." Jessen: "Hat bei mir nie einer getan."

Demonstrant für Frauen

Demonstrant für Frauen

Foto: JASON CONNOLLY/ AFP

Das ist irgendwie heiter, wenn auch thematisch ziemlich durcheinander - auch die Therapie-Momente, die aus Jessen durch schiefe Grenzüberschreitungen das Private wringen wollen, nehmen, Gott sei Dank, nicht überhand. Und wenn, bügelt er sie versiert angemessen ab: Unterbrochen wird das Männer-Pingpong mehrfach von Stevie Schmiedel, die in der ersten Reihe sitzt. Die Vorstandsvorsitzende der Organisation "Pinkstinks", die sich gegen sexistische Werbung einsetzt und bei der auch Pickert arbeitet, holt zu einem Diskurs über Schuld aus, für sie als Halb-Britin sei das ein typisch deutsches Phänomen. Ob das ein Motiv sein könnte für seine Haltung? Jessen sagt schlicht erst mal: "Nein."

Noch mal: Das ist irgendwie unterhaltsam. Aber natürlich dämmert einem, dass unter dieser Launigkeit in Wahrheit der Schrecken sitzt, den auch der "Zeit"-Text barg. In dem Artikel, der im Grunde ein Trolltweet war, nur halt auf "Zeit"-üblichen drei Seiten, verglich Jessen unter anderem feministische Rhetorik mit "dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses" und warnte vor einem "Triumph eines totalitären Feminismus".

Jessen ist auch heute nicht verlegen, zu sagen, dass "der, der der Klasse Mann angehört, Klassenfeind ist". Dazu kommt ein rhetorisches Mäandern, das eine klare Bestimmung seiner wahren Position (einfach nur tumbe Polemik? Oder Ressentiment?) unmöglich macht: Manchmal redet Jessen wolkig von einem "vernünftigen Feminismus", der, Achtung, seltsames Wort, "Selbsteinbremsungen von Frauen vermeiden soll" und sich um Lohngleichheit kümmern soll. Und am Ende rät er nach längerem Nachdenken, dass Männer sich besser anziehen sollen, um "die Sache voranzubringen": "Der Mann kann wie direkt von der Werkbank angeschleift kommen und das wird akzeptiert."

Eine solche Haltung ist schmerzhaft

Das wirkt erst mal beliebig. Dass es so wenig konzise ist, verrät aber in Wirklichkeit, dass jemand es sich sein mittlerweile schon ziemlich ganzes Leben lang leisten konnte, sich nicht mit dem Thema Gleichberechtigung auseinanderzusetzen. Und sich trotzdem qualifiziert sieht, dazu eine Meinung zu haben, die auch noch wertvoll genug ist, sie auch öffentlich zu sagen - vermutlich, weil es ihm so beigebracht wurde. "Mich berührt das sehr exotisch", sagt Jessen etwa, als es um das Phänomen K.-o.-Tropfen geht. Nach der Debatte wird er zu einem sagen, dass er den Verlauf der Diskussion sehr absehbar fand - ob sie ihm was gebracht habe, wisse er noch nicht.

In welchen gesellschaftlichen Problemfeldern - ob bei Rassismus oder Sexismus - Menschen sich selbst als Produkt und Macher gesellschaftlicher Strukturen begreifen und reflektieren - und an welchen Stellen sie diese eigene Bedingtheit nicht wahrhaben wollen - erzählt viel über sie selbst. Aber noch mehr über die Gesellschaft, die ihnen blinde Flecken erlaubt.

Pickert sagt an einer Stelle: "Die Debatte, die von #MeToo und dem Thema sexueller Gewalt angestoßen wurde und sich heute auf viel mehr Bereiche erstreckt, ist die, die wir verdient haben. Weil wir über viele Probleme zu lange nicht gesprochen haben." Jessen sagt: "Ich habe die Debatte nicht verdient." Eine solche Haltung ist schmerzhaft. Sie zeigt aber eben auch auf: Gibt wohl noch einiges zu tun.