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11. Juni 2017, 15:21 Uhr

Politische Kritik in Israel

Unabhängig um jeden Preis

Von Maria Wölfle, Jerusalem

Weil das Museum on the Seam nicht vom israelischen Staat gefördert wird, kann es auch regierungskritisch sein. Doch die Unabhängigkeit steht auf dem Spiel - das Haus hat Probleme, Geldgeber zu finden.

Schaffen wir das noch? Irgendwie? Diese Frage hat sich Raphie Etgar in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder gestellt. So lange schon sucht er nach einem Sponsor für den Ort, der ihm so sehr am Herzen liegt: das Museum on the Seam in Jerusalem.

Etgar sitzt in seinem Büro, die Arme vor der Brust verschränkt, seine Sätze enden oft abrupt. Er wirkt, als fühle er sich unwohl. Als verschwende er gerade seine Zeit. Unzählige Gespräche mit Journalisten hat er schon geführt, welchen Unterschied macht ein weiteres? "Wir glauben an das, was wir tun", sagt er. "Die Funktion, die das Museum hier hat, ist heute wichtiger denn je." Also macht er weiter.

Etgar ist Leiter des Museum on the Seam. Er hat es 1999 gegründet, als Ort für sozialpolitische, zeitgenössische Kunst. Die "New York Times" zählt das Museum zu den "29 führenden Kunstorten auf der Welt". Künstler wie Anselm Kiefer oder Wim Wenders haben hier ihre Werke gezeigt. Trotzdem muss das Haus womöglich in ein paar Monaten schließen.

Warum will niemand diesen besonderen Ort fördern?

Dann ist das Geld weg. Jahrelang hat die deutsche Verlegerfamilie Holtzbrinck das Museum gefördert, Ende 2015 jedoch ihre Unterstützung eingestellt. Im Unternehmen gibt es einen Generationenwechsel, dazu äußern will man sich aber nicht so recht.

Etgar sucht seitdem nach Sponsoren. Er ist in die USA geflogen, nach Deutschland, überall hat er sich umgesehen. Ohne Erfolg. Warum, das kann er sich nicht erklären. Schließlich habe das Museum on the Seam in Jerusalem, vermutlich in ganz Israel, Alleinstellungsmerkmal.

Es ist unabhängig vom Staat, weil es keine Gelder von ihm bekommt. Deshalb haben hier auch immer wieder arabische, muslimische und auch iranische Künstler ausgestellt. Künstler also, deren Länder teilweise keine diplomatischen Beziehungen zu Israel haben. "Außerdem kommen viele arabische und palästinensische Gruppen in die Ausstellungen", sagt Etgar. "Das gibt uns das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun." Es geht ihm hier um zweierlei: qualitativ hochwertige Kunst zeigen und Menschen verbinden.

Weil das Museum on the Seam unabhängig ist, kann es auch regierungskritisch sein. Dass es aber gerade solche Einrichtungen in Israel immer wieder schwer haben, zeigte zuletzt Außenminister Gabriels Besuch: Weil er sich mit den Menschenrechtsorganisationen Breaking the Silence und B'Tselem treffen wollte, hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sein Treffen mit Gabriel abgesagt.

Einschusslöcher aus dem Sechs-Tage-Krieg

Das Museum geht dabei nicht nur über Grenzen, es liegt auch an einer. Ein arabischer Architekt hat die sandsteinfarbene Villa 1932 gebaut, zwischen 1948 und 1967 haben sich israelische Soldaten hier verschanzt. Jerusalems Osten wurde in der Zeit von Jordanien kontrolliert, der Westteil der Stadt von Israel.

Direkt nebenan befand sich das Mandelbaum-Tor, das damals der einzige Übergang zwischen den beiden Stadtteilen war. Die Fassade erinnert heute noch an den Sechs-Tage-Krieg vom Juni 1967. Einschusslöcher zieren die dicken Mauern. Vom Dach aus, auf dem als eine Art Wintergarten auch Etgars Büro steht, kann man die Jerusalemer Altstadt sehen und den Ölberg. Auf der anderen Seite beginnt Mea Shearim, Jerusalems jüdisch-ultraorthodoxer Stadtteil.

"Kunst als Sprache kennt keine Grenzen, sie ist international", sagt Etgar. Er wirkt enttäuscht. Die Stirn zieht er immer wieder in Falten, lachen kann er vielleicht einfach nicht mehr. Aber wenn Etgar davon spricht, was er mit dem Museum erreichen will, wird seine raue Stimme ein bisschen weicher. "Das ist hier nicht irgendein Museum, es hat eine Botschaft."

Wie genau die lautet, sagt er nicht, aber er will mit Kunst Verbindungen aufzeigen und schaffen. Zwischen Israelis und Palästinensern, Juden und Muslimen, aber auch Orthodoxen und Säkularen. Die nächste geplante Ausstellung behandelt zum Beispiel die Rolle von Religion in der Kunst. Immer sind auch Politik oder Gesellschaftskritik Thema. Vergangenes Jahr wurden Bilder der Fotojournalistin Anja Niedringhaus gezeigt, die 2014 in Afghanistan erschossen wurde.

Die erste Ausstellung hieß "Coexistence", und der Titel spricht für sich. In "Dead End" ging es um Gewalt in der israelischen Gesellschaft, in "West End" um das Verhältnis zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Meist werden Themen behandelt, die öffentlich diskutiert werden, stets mit Fokus auf Menschenrechte und darauf, durch Kunst soziale Veränderungen zu erreichen.

"Hier zu sein ist auch eine Haltung"

"Seam" bedeutet so viel wie "Naht", und dass das Museum genau hier liegt, an dieser Naht zwischen Ost- und Westjerusalem, ist für Etgar keine Nebensächlichkeit. "Hier zu sein ist auch eine Haltung", sagt er. "Es ist politisch, wir nehmen keine Seite ein."

Über drei Stockwerke verteilt hängen Bilder, Fotos, gibt es Videoinstallationen. An diesem Nachmittag ist das Museum aber so gut wie leer, wodurch es gespenstisch wirkt. Zwölf Mitarbeiter hatte Etgar mal, jetzt sind es noch drei, und deren Gehälter musste er kürzen. Wer hier noch arbeitet, tut es auch aus Idealismus. Dem Museumsbetrieb gehe es gut, sagt Etgar, vor allem Besuchergruppen gebe es viele. Aber komplett ohne Unterstützung von außen könne eben keine Kulturinstitution überleben. "Ich beschäftige mich jetzt mehr damit, die Pennys zu zählen, als mit der Kunst."

Dabei ist das Museum gerade jetzt wichtig. Der Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis ist zum Erliegen gekommen. Stattdessen werden die Perspektiven von vielen auf beiden Seiten immer extremer. "Wenn die Welt nach rechts rückt, dann braucht es ein bisschen gesunden Menschenverstand in diesem Chaos", sagt Etgar. "Und das sind wir. Wenn die Leute nicht verstehen, welchen Beitrag wir leisten, sozial, im Bildungsbereich - was sollen wir noch machen?! "

Die Gelder der Holtzbrinck-Familie flossen über die Jerusalem Foundation an das Museum. "Die Jerusalem Foundation sucht nach neuen Sponsoren", sagt Liat Rosner, eine Sprecherin der Stiftung. "Wir arbeiten daran, dass das Museum von der Jerusalemer Stadtverwaltung und vom Kulturministerium anerkannt wird." Das Museum on the Seam könnte dann auch finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. Allerdings könnte es mit seinen politischen Themen bei der nationalrechten Kulturministerin Miri Regev nicht gut ankommen. Und dadurch wäre genau das gefährdet, wofür das Museum steht: seine Unabhängigkeit.

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