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Turbulenzen bei der Times: Die schwierige Despotin

Foto: KENA BETANCUR/ REUTERS

Personalwechsel bei der "New York Times" Redaktionsschluss für Chefredakteurin Abramson

Sie wirkte entrückt und gefühllos, heißt es, ihre Reporter soll sie demotiviert haben: Jetzt hat Jill Abramson ihren Job als Chefredakteurin der "New York Times" verloren - obwohl sich das Traditionsblatt unter ihrer Führung erholte.

Nicht alle Spürnasen der "New York Times" bekamen den großen Knall in eigener Sache sofort mit. So hatte ein Reporter den Tag am Ground Zero verbracht, um Material zu recherchieren für die Einweihung des 9/11-Museums. Da sein Handyakku leer war, erfuhr er die Hiobsbotschaft erst später: "Ground Zero lag diesmal in unserer Redaktion."

Der Vergleich hinkt, doch die Nachricht erschütterte die gesamte US-Medienszene. Nach der Lunchpause hatte "NYT"-Verleger Arthur Sulzberger Jr. die Belegschaft in den hellen, zweistöckigen Newsroom an der Eighth Avenue bestellt. Was sie zu hören bekamen, überraschte zwar wenige - und schockierte dennoch.

"Fassunglose Redaktion", twitterte Finanzreporter David Gelles  zu einem Foto des Saals, dessen Licht wie erloschen schien. "So sieht eine Überraschung bei der 'NYT' aus", sekundierte sein Kollege Jess Silver Greenberg.

Sulzberger feuerte die Chefredakteurin Jill Abramson, 60, nach nicht mal drei Jahren und beförderte ihren Redaktionsleiter Dean Baquet, 57, auf den wohl wichtigsten Presseposten der Welt. Beide Herren riefen der Abwesenden ein steifes Lob nach, es klang aber wie Stehsatz.

Zumal Sulzberger den Grund für den dramatischen Wechsel unzweideutig ließ: "Ich bin überzeugt, dass eine neue Führung einige Managementaspekte im Newsroom verbessern wird." Mehr wolle er dazu nicht sagen.

Wie sich die NYT unter Abramson erholte

Die Personalie reflektiert weniger die schwelende Existenzkrise der "NYT" und anderer etablierter US-Medien im Onlinezeitalter, sondern eher hausinterne, fast kindische Querelen: Abramson war als schwierige Despotin verrufen - und scheiterte zum Schluss an ihrer eigenen Hybris.

Dabei hatte Abramson die "NYT" zuletzt relativ ruhig gesteuert. Das geschrumpfte Traditionsblatt hat sich mit Online-Prestigeprojekten profiliert und eine Reihe ambitionierter und potenziell lukrativer Webexperimente gelauncht. Die Auflage steigt wieder, zuletzt auf 2,1 Millionen wochentags und 2,5 Millionen am Wochenende. Und auch die Finanzen haben sich stabilisiert.

An die Außenwelt gedrungen waren Interna schon vor einem Jahr. "Turbulenzen bei der 'Times'" betitelte die Website "Politico" damals ein langes Stück über das Hauen und Stechen im "NYT"-Wolkenkratzer unweit des Times Squares.

Viele meist anonym kolportierte Anekdoten illustrierten Abramsons Art: "Abramson steht kurz davor, die Unterstützung der Redaktion zu verlieren", hieß es prophetisch. "Ihre Haltung gegenüber Redakteuren und Reportern demoralisiert alle; in anderen Fällen kann sie entrückt oder gefühllos wirken."

Erste Frau weicht erstem Afroamerikaner an der Spitze der "NYT"

Der weiße Ritter - und offensichtliche Souffleur - dieser Story: Vize Baquet, der zuvor die "Los Angeles Times" geleitet hatte. Einmal habe Baquet nach einer Konfrontation mit Abramson aus Ärger mit der Hand an eine Wand geschlagen und sei dann rausgestürmt. Mit ihm folgt auf die erste Frau an der Spitze der "NYT" der erste Afroamerikaner an der Spitze der "NYT".

Abramson gab später zu, über diesen Bericht "geweint" zu haben - wohl auch, weil er viel Wahres enthielt. Das gibt sogar die "NYT" jetzt in ihrer gewundenen Pflichtberichterstattung über die eigene Hausmitteilung zu: Es habe "ernste Spannungen" zwischen Abramson und Sulzberger gegeben. Der Verleger, dessen Clan die "NYT" seit 1896 gehört, sei vor allem über ihre Personalführung "besorgt" gewesen: "Ihr Stil", liest es sich da in einer typisch passiv-anonymen Herabwürdigung, "ist als launisch und brüsk beschrieben worden."

Auch Abramsons Beziehung zu Mark Thompson, dem früheren BBC-Generaldirektor, den Sulzberger 2012 als Verlagschef nach New York holte, soll immer mehr gelitten haben. Das Fass zum Überlaufen brachte nun offenbar Abramsons missglückter Versuch, Janine Gibson abzuwerben, die erfolgreiche US-Chefredakteurin des britischen "Guardian".

Abramson habe Gibson mit Baquet gleichstellen wollen, der davon so düpiert gewesen sei, dass er sich bei Sulzberger beschwert habe. Der habe daraufhin schon Anfang Mai beschlossen, Abramson zu feuern, und Baquet vorige Woche informiert.

Nur Abramson wurde von Sulzberger wohl nicht informiert. Sie musste die Details in ihrer Zeitung nachlesen. Nicht mal eine Stunde nach Verkündung war ihr Name aus dem Impressum getilgt.