Job-Show "Hire or Fire" "Ich mach' sie alle nieder"

Big Brother, Urlaubstausch, Fear Factor: TV-Mogul John de Mol gilt wahlweise als Genie oder großer Verhunzer der Fernsehkultur. "Hire or Fire" heißt sein neuer Streich auf ProSieben: Zehn Kandidaten konkurrieren um einen Führungsposten bei Endemol - und schuften für die Quote.

Von Daniel Haas


Fernseh-Milliardär John de Mol: Kreativ, lukrativ, aggressiv

Fernseh-Milliardär John de Mol: Kreativ, lukrativ, aggressiv

John de Mol ist "absolut nicht zufrieden" - wie auch, bei dieser Runde schwach motivierter Dilettanten. Marcell konnte nach eigener Aussage "nicht leaden, nicht supporten"; Jane begreift gar nicht, dass sie raus sein soll; Anthony meint, es sei noch viel mehr drin bei ihm. Rechtfertigungsgequatsche von Losern auf der Abschussliste.

Leaden und supporten für die Challenge

De Mol, der große Abräumer des Mediengeschäfts, spart nicht an Kritik, dafür an Verben. "Es kann immer ein Stück weiter", sagt er in seiner herrlich radebrechenden Art. Weiterkommen, aufsteigen ist die Devise, schließlich gilt es, einen Job als Kreativdirektor bei Endemol zu ergattern. Zehn Aspiranten werden in den kommenden acht Wochen auf "Herz, Hirn und Nieren" getestet, und der "Stärkste" kriegt den Job, wie die Off-Stimme zu Gitarrengewummer verkündet. Anthony, obwohl der einzige gut gekleidete Mann im Team, konnte schon nach der ersten Sendung (gestern Abend, 20.15 Uhr) die Koffer packen. Jane und Marcell kriegen eine zweite Chance.

Die erste "Challenge" von "Hire or Fire", wie das von Donald Trumps Erfolgssendung "The Apprentice" abgekupferte Format heißt, ist also schon absolviert. Liefern Sie der Presse eine Schlagzeile, lautete die Aufgabe. Die zähen Zehn, aufgeteilt in Team A und B, hatten 36 Stunden Zeit, um für größtmöglichen Presserummel zu sorgen. Team A, unter der Leitung des so gut gedressten wie führungsschwachen Anthony, erkannte im Terror das aktuelle Medienthema Nummer eins und startete in Düsseldorfs Fußgängerzone eine Putzaktion im Carwash-Stil. "Weg mit dem Terrordreck, wir putzen für den guten Zweck!", skandierten knapp behoste Blondinen und machten sich über wehrlose Windschutzscheiben her. Team B setzte auf die Anziehungskraft des Prominenten: Schlagerclown Jürgen Drews verteilte vor dem Arbeitsamt Fünf-Euro-Scheine. Slogan der Aktion: "Der König von Mallorca ist der Robin Hood von Deutschland."

Moderatoren Alain Midzic, Caroline Beil: Medien-Capos für den Quoten-Drill
Michael Schultze/ProSieben

Moderatoren Alain Midzic, Caroline Beil: Medien-Capos für den Quoten-Drill

Natürlich schnitt die Drews-Aktion viel besser ab. Wie der Bett-im-Kornfeld-Barde in frisch gedruckten Banknoten wühlte, das hatte in Zeiten von Hartz IV schon etwas Provokantes. Aber eben nur etwas - und lange nicht genug. Deshalb war de Mol am Ende auch enttäuscht wie der Kanzler von den Abgreifern und Schnorrern, wie Rudi Völler von AS Roma - enttäuscht vom Mangel an Kreativität. Denn das ist die Währung, die bei "Hire or Fire" zählt: die gute Idee, das aufregende Konzept. "Sie waren alle viel zu schnell zufrieden", rügt der Medienmogul stahlblauen Blicks die Runde, dabei waren alle doch bereits um drei Uhr morgens aufgestanden, unsanft geweckt von Alain Midzic und Caroline Beil, den beiden Moderatoren-Capos, die de Mol für die Dauer seines mediendarwinistischen Projekts zur Seite stehen.

Alles haben, noch mehr wollen

"Schlafen ist für Kinder und Studenten" hatte Midzic, Agent von Kulturträgern wie Kai Wiesinger und Verona Pooth, geraunzt und damit indirekt Gordon Gecko aus Oliver Stones Thriller "Wall Street" zitiert: "Mittagessen ist nur was für Schwächlinge. Und wenn du einen Freund brauchst, kauf dir einen Hund." Gemeinheit, Aggressivität und Selbstausbeutung, jene Tugenden des Achtziger-Jahre-Kapitalismus, bestimmen auch das Stilprinzip von "Hire or Fire", allerdings verquirlt mit den Skills der New Economy.

Geistige Beweglichkeit, permanente Leistungsbereitschaft, örtliche Ungebundenheit und unbeschränkte Anpassungsfähigkeit - kurz maximale Flexibilität - gehören mit ins Set der Eigenschaften, die dem Besten "den besten Job der Welt" verschaffen. Kandidat Thomas wirkt mit seinem Versprechen "alle niederzumachen" deshalb fast ein wenig antiquiert. Er würde besser zu Donald Trumps "The Apprentice" passen, gegen das sich de Mols Karrieristen-Club ausnimmt wie eine Gruppe Kindergärtner.

"Hire or Fire"-Bewerber bei der Konferenz: "Schlafen ist was für Kinder und Studenten"
Michael Schultze/ProSieben

"Hire or Fire"-Bewerber bei der Konferenz: "Schlafen ist was für Kinder und Studenten"

Beim amerikanischen Original treten 18 Konkurrenten gegeneinander an: neun Frauen und neun Männer, alle höchst qualifiziert mit Abschlüssen von Harvard und Yale und Gesichtern wie in einer OP-Show zurechtgeschnitzt. Der Sieger der ersten Staffel, Bill Rancic, steht jeden Tag um fünf Uhr auf und arbeitet sieben Tage die Woche, entspricht also genau dem Typ, den die Casting-Agenten wollten: "einen ehrgeizigen Megalomanen, der alles hat und noch viel mehr will." Am meisten von allem hat aber Donald Trump selbst, vor allem Selbstbewusstsein. Auf die Frage, warum die Serie so erfolgreich sei (20,7 Millionen Zuschauer), antwortete Amerikas Kult-Bonze: "Die Leute wollen Donald Trump sehen."

Aber will man John de Mol sehen, diesen Rudi Carrell des TV-Marketings? De Mol, der noch nicht mal die Traute hatte, den Kostümbildner zu feuern, der ihm gleich für die erste Sendung ein grauenhaftes Sakko angedreht hat? De Mol, der so verzweifelt auf der Suche nach neuen TV-Ideen sein muss, dass er seine Ratlosigkeit als Doku-Soap vermarktet? Und wo sind eigentlich die Jets, Girls, Lofts und Promis, mit denen "Apprentice"-Helden bei Laune gehalten werden? Wo ist das Make-up, mit denen Zyniker wie Donald Trump die Fratze der galoppierenden Ausbeutung schön schminken? Denn Glamour muss wenigstens sein. Schuften tut man schon selber.



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