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Jörg Kachelmann: Die Verletzungen heilen nicht

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Gisela Friedrichsen

Urteil gegen "Bild" Die verlorene Ehre des Jörg Kachelmann

Der Springer-Konzern soll eine Rekordentschädigung an Jörg Kachelmann zahlen - gut so. Kachelmanns Verletzungen werden davon zwar nicht heilen. Boulevardmedien aber werden nun vorsichtiger sein, bevor sie Verleumdungskampagnen starten.

Jörg Kachelmann gibt keine Ruhe, und das ist gut so. Wer, wie die "Bild"-Zeitung, Alice Schwarzer das Forum bietet, ihre Unkenntnis selbst der einfachsten Regeln eines Strafprozesses vor einem feixenden Millionenpublikum auszubreiten, der bekommt dafür eines Tages die Quittung.

Wer einer fanatischen Feministin gestattet, auf rechtsstaatlichen Garantien wie etwa der Unschuldsvermutung öffentlich herumzutrampeln und Werte, die die Gesellschaft zusammenhalten, ins Lächerliche zu ziehen, der darf sich nicht wundern, wenn die Rechnung am Ende höher ist als der Gewinn durch ein kurzzeitig damit erzieltes und überdies mit Beifall von der falschen Seite begleitetes Spektakel.

Es sind nicht nur die 635.000 Euro, die Springer - vielleicht - einmal an Kachelmann zahlen muss, die bisher höchste Entschädigungssumme in einem derartigen Verfahren, in dem es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und vor allem um unwahre Berichterstattung ging. Wenn jemals das Wort "Lügenpresse" einen gewissen Wahrheitsgehalt gehabt haben sollte, dann wohl hier.

Springer ist der große Verlierer, zu Recht

So etwas kommt nicht einmal auf dem Boulevard gut an. Auch wenn der Springer-Konzern nun von sich als "Sieger" tönt, da das Gericht Kachelmann nicht die von ihm angestrebten 2,25 Millionen Euro zugesprochen hat, ist er doch der Verlierer.

Noch ist die Entscheidung des Landgerichts Köln, die jetzt zugunsten Kachelmanns ausfiel, nicht rechtskräftig. Springer hält einen Großteil der angegriffenen Berichterstattung in "Bild", "Bild am Sonntag" und "bild.de", die in Schwarzers Kommentierung ihren Höhepunkt fand, für angemessen und kündigte an, im Fall einer Verurteilung das Oberlandesgericht Köln anzurufen. Wie dort entschieden werden wird, ist ungewiss.

Außerdem lässt sich die Justiz Zeit. Kachelmanns Klage vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gegen jene Frau, die ihn offensichtlich fälschlich einer Vergewaltigung beschuldigt hatte, ist noch immer nicht beschieden. Setzen die Obergerichte womöglich darauf, der Kläger werde schon irgendwann mürbe werden und aufgeben?

Da sind sie an den Falschen geraten. Denn die Verletzungen, die auch die Justiz Kachelmann zugefügt hat, heilen nicht. Man denke nur an den unsäglichen Prozess vor dem Landgericht Mannheim, das, obwohl massive Zweifel an der Aussage des angeblichen Opfers bestanden, im Sexualleben des Angeklagten herumwühlte, als handle es sich bei ihm um den gefährlichsten Triebtäter Deutschlands überhaupt.

Menschen, denen ihr "gutes Recht" versagt blieb, entwickeln sich oft zu Querulanten und gehen ihrer Umwelt auf die Nerven, was ihr Unglück noch steigert. Andere werden darüber krank, weil sie ihr Leben lang mit diesem Schicksal hadern. Kachelmanns Unerbittlichkeit in seinem Kampf um die verlorene Ehre, um Wiedergutmachung und Schadensausgleich mag manchem Hoffnung geben, dass sowohl die Gerichte als auch die Medien künftig die Folgen ihres Handelns besser bedenken.

Jeder kann in Verdacht geraten. Damit ist er noch längst nicht schuldig. Ihn, wenn es mit den Mitteln des Strafrechts nicht gelingt, dann durch eine Medienkampagne gesellschaftlich auszugrenzen und finanziell zu ruinieren, wie es Kachelmann widerfuhr, ist eines Rechtsstaats unwürdig.

Gegen Burda ist der Wettermann ebenfalls vorgegangen, nachdem sich dieser Konzern, die journalistische Sorgfaltspflicht außer Acht lassend, um des Effekts willen auf die Seite des angeblichen Opfers geschlagen hatte, das sich dann als Falschbeschuldigerin entpuppte. Man verglich sich vor Gericht. Die Summe, die Burda bezahlte, dürfte erheblich gewesen sein. Kachelmann ist der Erfolg zu gönnen.

Doch jede materielle Entschädigung wird ihm nur einen Teil jener Genugtuung verschaffen können, nach der er verlangt.

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Gisela Friedrichsen berichtet seit 1989 aus den Gerichtssälen im In- und Ausland.

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