Mode-Knigge Hände weg von der Jogginghose

Eine Schulleiterin hat Jogginghosen verboten. Ganz schlechte Idee.

Jogginghose
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Es ist, wie es ist: Die Jogginghose ist das beste bisher erfundene Kleidungsstück für untenrum bei europäischen Wetterverhältnissen. Es gibt nichts Besseres. Gegnerinnen und Gegner von Jogginghosen versuchen immer wieder, sich den Anschein von Seriosität zu verpassen, indem sie Karl Lagerfeld zitieren, aber selbst Lagerfeld hat Jogginghosen herstellen lassen, in Schwarz, Rot, Rosa, Grau, alles legal erhältlich.

Die Idee, dass das Tragen von Jogginghosen in der Öffentlichkeit mit einem gewissen Kontrollverlust einhergeht, hält sich dennoch wacker, denn Klassenhass ist stabiler als Modetrends.

Neulich war ich auf der Leipziger Buchmesse, da wurde ein Buch vorgestellt mit dem Titel "Habitus. Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?" Eine Art Bourdieu für Arme, die reich werden wollen. Neben dem Regal mit den Büchern hing ein Plakat, auf dem stand: "Lass dich nie in Jogginghose sehen." Denn Jogginghosen stehen nicht nur für angeblichen Kontrollverlust, sondern auch für die sogenannten unteren Schichten.

Großes Missverständnis. Nicht nur, weil es natürlich eine schräge Idee ist, zu suggerieren, jede und jeder hätte die Möglichkeit, es mit den richtigen Knigge-Tipps nach "ganz oben" zu schaffen. Offenbar haben diejenigen, die solche Hosen tragen, genügend Selbstkontrolle und Würde, sich ihre Kleiderwahl nicht von Armutsverachtung diktieren zu lassen.

Nicht mehr wegzudenken

Die Schulleiterin der Realschule Süd in Bad Oeynhausen hat Jogginghosen an ihrer Schule verbieten lassen. Die Schülerinnen und Schüler hätten ausgesehen "wie frisch vom Sofa", die Lehrer hätten den Anblick nicht mehr ertragen. Interessant. Ich würde eher die Lehrer, die es nicht ertragen, Menschen in gemütlichen Klamotten zu sehen, allesamt in eine Burn-out-Klinik schicken, aber die bloße Empfindlichkeit der Lehrer scheint es nicht zu sein, denn die Schulleiterin begründete ihre Entscheidung außerdem noch mit der Feststellung "Wir bereiten Schüler auf das Berufsleben vor", und da sei der "Couch-Potato-Look" nicht angemessen.

Doch wer etwas für die Berufsperspektiven von Schülerinnen und Schülern tun will, sollte definitiv nicht damit anfangen, sie für ihre Kleiderwahl zu beschämen. Rein modisch ist es ohnehin fraglich, ob die Jugendlichen wesentlich besser beraten wären, wenn sie sich am Lehrpersonal der Schule orientieren würden, dem Foto auf der Schulwebsite nach zu urteilen.

Abgesehen davon gibt es eine Menge Berufe, die man problemlos in Jogginghosen ausüben kann, nicht nur weil der Trend zum Homeoffice geht, sondern auch, weil die Zeiten sich ändern und Jogginghosen längst nicht mehr das Arme-Leute-Kleidungsstück sind, für das sie bisweilen gehalten werden.

Sie sind seit Jahren aus Popkultur und High Fashion nicht mehr wegzudenken, es gibt sie aus Baumwolle, Nylon, Satin, Seide, Kaschmir, und ihr Erfolg ist nicht allein der Tatsache geschuldet, dass Mainstream-Mode sich immer wieder an der Ästhetik ärmerer Schichten orientiert, sondern liegt auch daran, dass sie unzählige praktische Vorteile haben.

Dresscode an Schulen?

Jogginghosen sind bequem, sie halten warm, sie scheuern nicht, sie müssen nicht gebügelt werden, sie sind - meistens - vegan, an ihnen kann kein Hosenschlitz offen stehenbleiben und kein Knopf abfallen, sie sind treue Begleiterinnen in Zeiten von Gewichtsschwankungen, sie sind unisex, außer dass bei denen für Frauen manchmal "juicy" oder "sweet" überm Hintern steht und bei Männern nie, schade.

Natürlich gibt es Gelegenheiten, bei denen es Dresscodes gibt. Wenn man die britische Königin trifft, zum Beispiel, oder den Papst, und dann gilt es als Affront, wenn man sich nicht dran hält. Aber Schulen? Niemand lernt binomische Formeln oder Gedichtanalyse besser, weil er bestimmte Kleidung trägt. Erfahrungsgemäß kann man sich am besten konzentrieren, wenn man etwas anhat, worin man sich wohlfühlt.

Und auch wenn es natürlich stimmt, dass Schülerinnen und Schüler aufs Berufsleben vorbereitet werden sollten, ist es immer noch so, dass die Schule eben nicht das Berufsleben ist. Es kommt meines Wissens auch niemand auf die Idee, Schülern probeweise ein Gehalt zu zahlen oder sie ihre kranken Mitschülerinnen vertreten zu lassen, obwohl das im Berufsleben Alltag ist.

Ganz schlechte Idee

Idealerweise wäre Schule der Ort, an dem junge Menschen lernen, dass ihre Kompetenzen und Anstrengungen zählen, egal wo sie herkommen. Das widerspricht sich auch nicht damit, ihnen beizubringen, was man bei einem Bewerbungsgespräch anziehen sollte. Es gibt vielleicht sogar wenig Schlimmeres, das man jungen Menschen beibringen kann, als zu fordern, dass sie sich verstellen sollen, um bei Autoritäten gut anzukommen. Und sich gleichzeitig die Blöße zu geben, zu sagen: Wenn du aussiehst wie ein Penner, kann aus dir nichts werden. Houellebecq, anyone?

Es wäre etwas anderes, wenn Schülerinnen und Schüler sich selbst oder ihre Kleidung nicht waschen würden, aber davon war in der Erklärung der Schule nie die Rede. Die Rede war von einem Kleidungsstück, das von Menschen nicht ertragen wird, die ihr Modeverständnis seit ungefähr 1890 nicht aktualisiert haben und das an Jugendlichen auslassen, die sich wohlfühlen und selbst ausdrücken wollen. Ganz schlechte Idee.

Ihre Modebloggerin Frau Stokowski, in Jogginghose.

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insgesamt 303 Beiträge
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Seite 1
benmartin70 09.04.2019
1.
Schon vor Herrn Lagerfeld wäre ich niemals mit Jogginghose vor die Tür gegangen, es sei denn zum Joggen gehen. Das Teil heißt nicht umsonst so.
XrayYankee 09.04.2019
2. Großartig
Typisch Stokowski: voll ins Schwarze getroffen und zum Brüllen komisch! Grandios!
spezialdm 09.04.2019
3.
Es geht nicht um die Frage in welchen Klamotten es sich bequem lernt, sondern um einen gewissen Stil. Aber in einem Milieu in dem auch Batikpluderhosen in Kombination mit quietschbunten Strickpullis ok sind, da macht eine Jogginghose dann auch keinen Unterschied mehr.
katjastorten 09.04.2019
4. Das "Modefoto" der Lehrer
unbedingt anschauen, das ist zu lustig. Die " Damen und Herren" tragen übrigens Jeans und nehmen unziemliche Posen ein.
kalsu 09.04.2019
5. Das kommt drauf an...
.... denn Jogginghose ist gleich Jogginghose. Die meisten in der freien Wildbahn gesichteten Jogginghosen passen sich optisch stark an ihre Träger an. Die meisten sehen damit einfach nur schlimm aus - und damit meine ich beide: die Hose und ihre Träger. Das gilt aber auch für Anzüge. Da gibt es edle Teile und Träger, die diese zu tragen wissen. Und es gibt die Typen in Anzügen, denen man raten will, doch lieber bei der Jogginghose hätten blieben sollen. Oder nehmen wir bauchfreie Tops: Die Skala geht von "Wow!" bis Presswurst. Besonders absurd wird es, wenn sich die Presswurst in Leggins stopft. Da kommt mir dann doch KL in den Sinn: Wer sowas trägt hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
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