John le Carré "Dieser Krieg ist längst verloren"

Der Spionageroman-Autor John le Carré hat sich skeptisch über die Wirksamkeit der Militärschläge in Afghanistan geäußert und herbe Kritik an der Politik Tony Blairs geübt.


Altmeister des Agententhrillers: Autor le Carré
AP

Altmeister des Agententhrillers: Autor le Carré

Der Schriftsteller ("Das Rußland-Haus") bezeichnete die Angriffe auf Afghanistan als "furchtbare", aber "notwendige Polizeiaktion". In seinem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) bezweifelte der Autor zahlreicher Spionage-Thriller jedoch, dass die USA mit ihren Vergeltungsschlägen den Terrorismus wirksam bekämpfen können. "Nach den üblichen Gesetzen ist dieser Krieg natürlich längst schon verloren", sagte le Carré. Selbst wenn Osama Bin Laden getötet werde, ließe sich nicht vermeiden, dass er zum "Erzmärtyrer" seiner Anhänger werde und seine "Schattenarmeen eher weiteren Zulauf erhalten als verschwinden werden." Man werde sich nie wieder so sicher fühlen können wie zuvor, sagte der Autor.

Durch die Verstärkung von Polizei und Geheimdiensten sowie der Einschränkung von Bürgerrechten und Pressefreiheit spiele man Terroristen erst recht in die Hände. Bin Laden würde sich "in seiner Höhle die Hände reiben", so le Carré, "wenn wir uns gegenseitig ausspionieren und im schlimmsten Fall Moscheen überfallen und Leute hetzen, deren Hautfarbe uns ängstigt".

"Amerikas eloquenter weißer Ritter"

Im Kreuzfeuer von Carrés Kritik: Der britische Premier Tony Blair
DPA

Im Kreuzfeuer von Carrés Kritik: Der britische Premier Tony Blair

Heftige Kritik übte der 69-jährige Schriftsteller am britischen Premierminister Tony Blair, den er als "Amerikas eloquenten weißen Ritter" bezeichnete. Blair bewege sich in einem Traum, aus dem es kein Erwachen gebe, sagte le Carré. Das Großbritannien, das er regiere und in den Krieg führe, "krankt an institutionalisiertem Rassismus, an der Vorherrschaft weißer Männer, an chaotischen Polizeistrukturen, an einer überbelasteten Justiz, an obszönem privaten Reichtum und einer beschämenden unnötigen öffentlichen Armut". Anstatt gegen die Probleme im eigenen Land vorzugehen, treibe Blair Großbritannien "mit nobler Erregung in den Krieg".

Nach Ansicht des Autors habe die westliche Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs die "einmalige Chance" versäumt, die Welt neu zu gestalten und gegen Armut, Hunger, Rassismus und religiöse Intoleranz vorzugehen. Bei den Angriffen auf Afghanistan gehe es "nicht um eine neue Weltordnung", sondern um eine "demütigende Polizeiaktion, die das Versagen unserer Geheimdienste wettmachen soll und unsere politische Blindheit, die uns dazu brachte, islamische Fanatiker zu bewaffnen und als Kämpfer gegen die sowjetische Invasion zu instrumentalisieren".



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