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07. Februar 2017, 13:29 Uhr

Journalismus

"Okay, Frau Merkel, das schreib ich so!"

Eine Kolumne von

... und wer legt fest, was in der Zeitung steht? Wie Journalisten arbeiten, ist vielen Menschen nicht klar, deshalb vertrauen sie Medien nicht mehr. Dabei hat sie die Demokratie so dringend nötig.

Es ist sehr einfach und für die Stimmung auch notwendig, sich über Kellyanne Conway lustig zu machen. Conway ist die Beraterin von Donald Trump, die sowohl die Formulierung Alternative Facts in die Welt gebracht hat, als auch das "Bowling Green Massaker" erfunden hat. Die Leute wüssten nichts über das Massaker, weil damals nicht darüber berichtet worden sei, so ihre Begründung. Später korrigierte sie sich: Sie meinte nicht "Massaker", sondern "Terroristen", da habe sie sich versprochen. Ein ärgerlicher Fehler, der ihr aber seltsamerweise nicht nur einmal passiert ist.

Mindestens genauso ärgerlich ist es aber, dass die Idee, über bestimmte Ereignisse würde absichtlich nicht berichtet, vielen Leuten gar nicht so fremd ist. Nach Silvester 2015/16 in Köln und nach dem Mord an einer Freiburger Studentin im Oktober 2016 hieß es, die Medien hätten zu spät oder nicht groß genug über die Themen berichtet, um die Täter zu schützen. Dass so etwas überhaupt denkbar ist, zeigt, wie viele Leute schlicht keine Ahnung haben, wie Journalisten und Journalistinnen arbeiten. Das mag für viele Berufe zutreffen. Viele wissen auch nicht, was eine Kürschnerin macht oder ein Industriekletterer, aber bei Medien ist es besonders gefährlich, weil Demokratie und freie Medien einander brauchen.

Dabei geht Unkenntnis nicht immer mit Misstrauen oder Vorwürfen einher. Gerade erst hat die "Zeit" zwei Kommunikationsforscher interviewt, die sagen, die Zahl der Leute, die den Medien vertrauen, sei gewachsen: 40 Prozent der Deutschen denken, dass man den Medien bei wichtigen Themen "eher" oder "voll und ganz" vertrauen kann. Das sind mehr als 2008, wo es nur knapp jeder Dritte war. Gleichzeitig gibt es aber auch mehr Menschen, die den Medien grundsätzlich misstrauen: 24 Prozent vertrauen den Medien "eher nicht" oder "überhaupt nicht", 2008 waren es nur neun Prozent. Die Leute sind stärker gespalten als vor ein paar Jahren.

Insgesamt herrsche "in der Bevölkerung eine große Unkenntnis darüber, wie Medien funktionieren", sagte einer der Forscher, Tanjev Schultz. 39 Prozent der befragten Deutschen denken, Eigentümer von Medien bestimmten, was Journalistinnen und Journalisten in ihrem Medium schreiben dürfen. Das ist ein ziemlich schräges Bild von diesem Beruf, aber ich fürchte, die Leute denken das wirklich.

Wenn ich Lesungen mache und die Leute mir hinterher Fragen stellen, die sich nicht nur auf mein Buch, sondern auch auf die Kolumnen beziehen, dann sind unter den häufigsten Fragen diese beiden: "Wer legt Ihre Themen fest?" und "Wie oft wird in deinen Texten was zensiert?" Beide Fragen finde ich ziemlich beunruhigend, und zwar nicht, weil ich sie nicht beantworten will, sondern weil ich die Vorstellung alarmierend finde, jemand könnte da eine andere Antwort erwarten als: niemand und nie.

Man muss im Grundgesetz nicht lange blättern, bis man den Satz findet: "Eine Zensur findet nicht statt." Das ist Artikel 5. Es ist eine ziemlich grundlegende Übereinkunft, dass der Staat nicht in die Berichterstattung eingreift. Wenn man dann darüber redet, stellt man fest, dass die Leute mit "zensieren" meistens "redigieren" meinen - also das, was die Redaktion tut - und den Unterschied nicht kennen. Das macht es nicht viel besser, aber immerhin stellen sich offenbar nur sehr wenige vor, dass man tatsächlich seine Themen oder Texte irgendeiner Behörde oder direkt der Regierung vorlegen muss und dann geklärt wird, was geht und was nicht.

Die Lösung besteht nicht darin, die Leute für bekloppt zu erklären, sondern die Arbeitsweisen der Medien viel stärker transparent zu machen. Es gibt sehr viele Dinge, die Leute außerhalb der Medien nicht wissen, aber wissen sollten: Wer legt fest, was in der Zeitung steht? Warum stehen in manchen Texten die Meinungen des Autors und in anderen nicht? Was ist eine Agenturmeldung? Warum steht oft genau dieselbe Meldung in verschiedenen Zeitungen, wer schreibt von wem ab? Kriegen Interviewpartner Geld dafür, dass sie interviewt werden? Oder bezahlen sie dafür?

All das könnte man zwar klären, indem man es in Schulen unterrichtet, aber andererseits gehen viele Leute nicht mehr zur Schule und die Arbeit der Medien entwickelt sich mit der Technik mit, also: Mehr Tage der offenen Tür in Medienhäusern, und außerdem Betriebsausflüge in Redaktionen! Klettergarten kann im Sommer wieder dran.

Viele der genannten Fragen könnte man mit einem einfachen Besuch und einer Fragerunde klären. Die Leute aus dem Betrieb würden medienmäßig mündiger werden, und die Leute aus der Redaktion würden womöglich etwas Vertrauen zurückgewinnen. Eine Win-win-Situation. Nur fragen Sie nicht nach mir, ich schreibe von zu Hause.

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