Journalisten-Auszeichnung Online-Recherchetruppe gewinnt Pulitzerpreis

Das unabhängige Rechercheprojekt "ProPublica" hat erneut den altehrwürdigen Pulitzerpreis gewonnen. Zwei Reporter werden in diesem Jahr für ihre Arbeiten zu den Auslösern der Finanzkrise geehrt. Auch die "Los Angeles Times" und die "New York Times" erhalten Auszeichnungen.


New York - Es ist schon der zweite große Erfolg für die unabhängige US-Recherchetruppe "ProPublica": Zwei Reporter der New Yorker Nachrichtenorganisation, Jesse Eisinger und Jake Bernstein, erhalten den Pulitzerpreis für ihre Nachforschungen zu den Ursachen der Finanzkrise. Das gab die Jury am Montag bekannt. Damit wurde der Preis erstmals für Artikel vergeben, die nicht zusätzlich in gedruckter Form erschienen.

Bereits im Vorjahr war ein Artikel der "ProPublica"-Autorin Sheri Fink über die Arbeit in einem Krankenhaus von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina für herausragende Leistungen im investigativen Journalismus ausgezeichnet worden. "ProPublica", das erste unabhängige Rechercheprojekt dieser Art in den USA, unterhält einen Newsroom in Manhattan. Die Plattform konzentriert sich auf "Geschichten von moralischer Kraft", weil die in Zeiten der Medienkrise immer seltener würden.

Redakteure der "Los Angeles Times" erhalten den wohl bekanntesten Journalistenpreis der Welt in der Kategorie "Dienst an der Öffentlichkeit" für die Aufdeckung eines Korruptionsskandals im Städtchen Bell in Kalifornien. Dort hatten sich die Stadtoffiziellen an den Steuergeldern bedient und sich gegenseitig enorme Gehälter ausgezahlt. Die Berichte der Zeitung gipfelten in Festnahmen und politischen Reformen.

Ebenfalls in dieser Kategorie nominiert waren Bloomberg News und die "New York Times". Die "NYT" hatte über die Gefahr von Gehirnerschütterungen beim Football und anderen Sportarten berichtet und so eine landesweite Debatte und neue Vorschriften für Sportlerhelme angeschoben. Bloomberg hatte aufgedeckt, wie einige private Hochschulen ärmere Studenten ausbeuten und so für Razzien in der Branche gesorgt.

Zwei Preise für "New York Times"

Der ebenfalls hochangesehene Preis in der Kategorie investigativer Journalismus geht an eine Journalistin der "Sarasota-Herald Tribune". Sie hatte zweifelhafte Praktiken von Hausversicherern in Florida aufgedeckt.

Von den insgesamt 14 Journalistenpreisen erhält die "Los Angeles Times" auch die Auszeichnung im Bereich Fotoreportagen, in diesem Fall über die Opfer von Bandenkriegen. Die erfolgsverwöhnte "New York Times" bekommt zwei Preise. Einen erhalten zwei Moskau-Korrespondenten für ihre Reportage über das Justizsystem in Russland. Seine Kommentare über die Haushaltskrise in den USA brachten einem "New York Times"-Mitarbeiter den zweiten Preis für die Zeitung ein.

Traditionell gehen viele Preise an die Ostküsten-Zeitungen, etwa an den "Boston Globe" für seine Kunstkritiken, oder an das "Wall Street Journal" für seine Leitartikel zur US-Gesundheitsreform oder an die "Washington Post" - diesmal nur einmal geehrt - für ihre Bildserien vom Erdbeben in Haiti. Aber auch Zeitungen aus anderen US-Staaten sind jetzt vorne mit dabei, etwa der "Milwaukee Journal Sentinel" mit einer Medizinreportage oder die Karikaturen der "Denver Post".

Bei der Literatur ging der begehrteste Preis an die New Yorkerin Jennifer Egan. Ihr Buch "A Visit from the Goon Squad", das noch nicht in Deutschland erschienen ist, sei eine "originelle Untersuchung des Erwachsen- und Altwerdens im digitalen Zeitalter", hieß es von der Jury. Es zeige "eine warmherzige Neugier an einem Kulturwechsel mit Warpgeschwindigkeit".

Das beste Sachbuch war nach Ansicht der Jury "The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer" (etwa: "Der Kaiser aller Krankheiten: Eine Biografie des Krebses") von Siddhartha Mukherjee. Der in Indien geborene Arzt habe mit dem Buch eine gelungene Untersuchung über eine heimtückische Krankheit vorgelegt, die trotz aller Durchbrüche und Fortschritte noch immer die Medizin beherrscht.

Auch andere Kunstformen berücksichtigt der seit 1917 vergebene Preis. So wurde Kay Ryan für "The Best of It: New and Selected Poems" im Bereich Poesie ausgezeichnet. Der 1953 in Peking geborene Zhou Long wurde für seine Oper "Madame White Snake" geehrt. Der Preis für das beste Drama ging an Bruce Norris für "Clybourne Park". Das Stück spielt sowohl im Jahr 1959 als auch 2009 in dem Chicagoer Viertel und beleuchtet weißen und schwarzen Rassismus damals und heute.

Die offizielle Vergabe findet im Mai statt. Die Pulitzerpreise sind die höchsten Medienpreise in den USA und zählen zu den wichtigsten Auszeichnungen für Journalisten, Schriftsteller und Komponisten. Sie werden in 21 Kategorien vergeben und sind mit jeweils 10.000 Dollar (7000 Euro) dotiert. Die Auszeichnung wurde vom Journalisten und Verleger Joseph Pulitzer (1847 bis 1911) gestiftet und wird von der New Yorker Columbia-Universität verliehen.

Alle Pulitzer-Gewinner 2011
Journalismus
Public Service: "Los Angeles Times"

Breaking News Reporting: No Award

Investigative Reporting: Paige St. John von der "Sarasota Herald-Tribune"

Explanatory Reporting: Mark Johnson, Kathleen Gallagher, Gary Porter, Lou Saldivar und Alison Sherwood vom "Milwaukee Journal Sentinel"

Local Reporting: Frank Main, Mark Konkol und John J. Kim von der "Chicago Sun-Times"

National Reporting: Jesse Eisinger und Jake Bernstein von "ProPublica"

International Reporting: Clifford J. Levy und Ellen Barry von der "New York Times"

Feature Writing: Amy Ellis Nutt von "Star-Ledger" aus Newark, New Jersey

Commentary: David Leonhardt von der "New York Times"

Criticism: Sebastian Smee vom "Boston Globe"

Editorial Writing: Joseph Rago vom "Wall Street Journal"

Editorial Cartooning: Mike Keefe von der "Denver Post"

Breaking News Photography: Carol Guzy, Nikki Kahn und Ricky Carioti von der "Washington Post"

Feature Photography: Barbara Davidson von der "Los Angeles Times"
Kunst
Fiction: "A Visit from the Goon Squad" von Jennifer Egan

Drama: "Clybourne Park" von Bruce Norris

History: "The Fiery Trial: Abraham Lincoln and American Slavery" von Eric Foner

Biography: "Washington: A Life" von Ron Chernow

Poetry: "The Best of It: New and Selected Poems" von Kay Ryan

General Nonfiction: "The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer" von Siddhartha Mukherjee
Musik
"Madame White Snake" von Zhou Long, uraufgeführt am 26. Februar 2010 vom Ensemble der Oper Boston am Cutler Majestic Theatre

luk/dpa/AP/dapd



insgesamt 1 Beitrag
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adesat 19.04.2011
1. Julian Assange
Da gibt es noch eine Geschichte von großer moralischer Kraft. Ein Hacker gründet eine Plattform im Internet auf der praktisch von Jedermann anonym die Wahrheit hinter den Fassaden verbreitet werden kann. Dokumente, Verträge, Protokolle können zum Segen der Wahrheit veröffentlicht werden, vorbei an der gekauften Propaganda der mainstream Medien. Eine Revolution der Wahrnehmung scheint möglich. Doch dann wird der Hacker kaltgestellt. Er wird wegen Nicht-vergewaltigung einkassiert. Wikileaks wird zur Personality Show reduziert. Die Propagandamedien verlieren kein Wort mehr. Die Gefahr ist gebannt. Journalist ist heute nur noch ein Schimpfwort. Medienhure wäre die richtige Bezeichnung. Aber irgendwie muss man ja sein Geld verdienen. Jede Zeitung sollte eine Seite unbedruckt lassen, Jede Nachrichtensendung eine Minute schweigen, jeder Journalist sollte einen Satz zu Assange an das Ende jedes Berichtes schreiben - bis Assange frei ist und Wikileaks wieder in der Öffentlichkeit ankommt. Ach ja, der blutjunge Informant Manning, der Informationen an Wikileaks weitergab, wird von den US und A so behandelt: Isolationshaft, Folter, vermutlich 50 Jahre... Pulitzerpreis? Haben die einen Stuhl freigelassen?
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