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06. August 2015, 16:34 Uhr

Befragung

Journalisten glauben nicht an ihre Zukunft

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Keine Branche produziert seit Jahren so kontinuierlich Krisenmeldungen wie die Medien. Zugleich gibt es Gründungen, Aufkäufe und Fusionen - herrscht nun Krise oder nicht? Zumindest Journalisten haben wenig Zweifel daran, wohin der Trend geht - abwärts.

Wenn man Journalisten danach fragt, wie sie die Zukunft ihres Berufes einschätzen, braucht man ein dickes Fell, wenn man die Antworten depressionsfrei überstehen will. Die deutsche Exportwirtschaft mag boomen, Gewerkschaften mögen in vielen Branchen endlich wieder erwähnenswerte Lohnzuwächse erstreiten, das Land mag entgegen aller Trends weiter Wachstum produzieren. In den Medien aber scheint die Entwicklungsrichtung klar und vorgezeichnet: abwärts.

"So sehen Journalisten die Medienzukunft" heißt eine aktuelle Studie, die das Agenturnetzwerk Ecco im Auftrag des Branchenportals newsroom.de erstellte. Befragt wurden 450 Journalisten. Die Ergebnisse lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Alles wird immer schlimmer.

Hier ein paar ausgewählte Ergebnisse:

Und die verschiedenen Mediengattungen? Auch deren Zukunft sieht nicht gut aus, wenn man die Macher fragt:

Besser weg kommen die TV-Sender, vor allem im öffentlich-rechtlichen Bereich: da sorgt der Gesetzgeber mit einer Quasi-Steuer für die Grundversorgung.

Und sonst? Wächst da nichts mehr?

Aber sicher doch, sagen die Befragten: nur nicht in den klassischen Medien. Wachstum erwarten:

Die düsteren Zahlen erklären sich zum Teil dadurch, dass das Gros der Antwortenden in Mediengattungen arbeitet, die die volle Härte der Krise seit Jahren erleiden. So waren nur 4,8 Prozent der Antwortenden bei Rundfunk und Fernsehen beschäftigt: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Segment steht dieser Bereich durch die Milliarden aus der "Haushaltsabgabe" (vormals: GEZ-Gebühr) deutlich besser da als der Rest der Branche. 14,5 Prozent arbeiteten in Onlineredaktionen, die von jeher knapper gehalten werden als ihre Print-Pendants: Viele von ihnen sind daher Kummer gewohnt (man kann nur kürzen, wo es etwas zu kürzen gibt), andere gehören zu den verbliebenen Wachstumsmotoren der Medienbranche und expandieren sogar.

So spiegelt die miese Stimmung unter den Journalisten wohl vor allem die Situation in den Printmedien (72,5 Prozent der Befragten).

Und die kommt nicht von ungefähr: Völlig ab von den spektakulären Nachrichten über Schließungen und Insolvenzen, Massenentlassungen und Not-Gesundschrumpfungen der vergangenen Jahre befinden sich die Auflagenhöhen insgesamt tatsächlich im steten Sinkflug. SPIEGEL ONLINE dokumentierte das zu Jahresbeginn mit einem Satz aussagekräftiger Grafiken (siehe oben).

Und dieser Trend hält an. In den vergangenen Reichweiten-Analysen der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse, welche die Branchentrends beobachtet und dokumentiert, verloren die sechs meistverkauften Zeitungen des Landes innerhalb eines Jahres zwischen 4,1 und 15,6 Prozent ihrer Reichweite. Bei den regionalen Kaufzeitungen gewann allein der "Berliner Kurier" hinzu (plus 5 Prozent), während die "Hamburger Morgenpost" 21,5 Prozent ihrer Leser verlor - in nur einem Jahr.

Krise und Entwicklung der Medien in Deutschland folgen dabei weltweiten Trends. Noch erheblich krasser fallen Branchenzahlen in den USA aus: So fiel die Zahl der angestellten Journalisten dort allein vergangenes Jahr um zehn Prozent. Fast ein Fanal war dann eine Nachricht vom 31. Juli: Nach 38 Jahren stellte die "American Journalism Review", einst eine der renommiertesten medienwissenschaftlichen Publikationen des Landes, nach langem Siechtum ihr Erscheinen ein - aus Geldnot.

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