Journalistenstreik in Griechenland Comics statt Politik

Heute keine Nachrichten: Aus Protest gegen die geplante Rentenreform haben die griechischen Journalisten ihre Arbeit komplett eingestellt. Andere Berufsgruppen wollen sich anschließen - es droht ein landesweiter Generalstreik.

Von Gerd Höhler, Athen


Statt Frühstücksfernsehen gab es heute im griechischen Privatkanal "Antenna" nur Zeichentrickfilme zu sehen, und das Staats-TV "Net" sendete anstelle der Mittagsnachrichten eine lehrreiche Dokumentation über Wale. Manchen Zuschauer mag das sogar gefreut haben. Zumindest der Athener Regierungssprecher Theodoros Roussopoulos dürfte aufgeatmet haben. Er konnte heute sein alltägliches Briefing ausfallen lassen - denn die griechischen Journalisten streiken.

Premier Karamanlis: Schlechte Presse für seine Reformpläne
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Premier Karamanlis: Schlechte Presse für seine Reformpläne

Es geht um die Rente. Premierminister Kostas Karamanlis von der konservativen Nea Dimokratia (ND) will die überwiegend defizitären öffentlichen Pensionskassen sanieren – und stößt auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften. Giannis Panagopoulos, Chef des Gewerkschaftsbundes GSEE, kündigt bereits "Proteste wie in Frankreich" an. Nachdem bereits die Lehrer die Arbeit niederlegten, sind jetzt die Redakteure dran. Für den 12. Dezember haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik aufgerufen.

Die Lage des griechischen Rentensystems ist desolat. Von den 155 öffentlichen Pensionsfonds droht einigen bereits im kommenden Jahr die Zahlungsunfähigkeit. Dann müsste, so schreibt es die Verfassung vor, der Staat einspringen. Der schießt den Rentenkassen ohnehin von Jahr zu Jahr steigende Beträge zu. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat ausgerechnet: Bleibt es bei den bisherigen Strukturen, werden die Defizite der Rentenkassen die Staatsverschuldung von derzeit knapp 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2050 auf 435 Prozent katapultieren.

Hohe Ruhegelder für Reporter und Redakteure

Der Kern der Misere: Griechenland hat die am schnellsten alternde Bevölkerung aller EU-Staaten. Der Anteil der über 65-Jährigen wird sich von heute 18,5 Prozent bis 2050 auf über 30 Prozent erhöhen. Während heute noch 2,1 Beitragszahler für einen Rentner aufkommen, werden es dann nur noch 1,1 sein. Überdies gehen die Griechen viel früher in Rente als andere. Wer 35 Jahre Beiträge gezahlt hat und mindestens 58 Jahre alt ist, kann sich zur Ruhe setzen. Viele Frauen haben sogar mit 55 Anspruch auf eine Pension.

Noch versichert Premier Karamanlis, mit der Reform werde man weder das Rentenalter noch die Beitragshöhe heraufsetzen oder die Renten schmälern. Doch das dürfte sich als Illusion erweisen. Bisher hat die Regierung erst einige Eckpunkte der geplanten Reform verraten. Aber das Wenige reicht bereits, die Gewerkschaften auf die Barrikaden zu bringen.

So will Arbeits- und Sozialminister Vassilis Manginas jetzt die 155 Pensionskassen zu fünf großen Organisationen zusammenfassen, um Verwaltungskosten zu sparen und mit den Beiträgen effizienter zu wirtschaften. Die Mitglieder der wenigen finanziell noch gesunden Kassen fürchten, dass mit ihren Beiträgen die defizitären Fonds subventioniert werden sollen.

Eben diese Sorge treibt auch die Journalisten um. In ihrer Kasse arbeiten noch sieben Beitragszahler für jeden Rentner statt der 2,1 im Landesschnitt. Das bringt Reportern und Redakteuren relativ hohe Ruhegelder ein. Die Rentenreformpläne der Regierung bekommen deshalb durchweg eine schlechte Presse.

Leichte Soaps und einfältige Spielshows

Gegen wen sich der heutige Journalistenstreik richten soll, ist allerdings nicht ganz klar: Die Regierung wird es eher freuen, wenn Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internetportale wenigstens einen Tag lang keine Hiobsbotschaften über die Rentenreform verbreiten.

Und auch die meisten Griechen werden es nicht als Entbehrung empfinden, wenn es heute keine Fernsehnachrichten und Morgen keine Zeitungen gibt. Bei den fünf landesweit sendenden Privatkanälen ist die journalistische Qualität im Kampf um die Quote längst auf der Strecke geblieben. Leichte Soaps und einfältige Spielshows dominieren die Programme. Viele Zuschauer werden deshalb wohl gar nicht bemerken, dass heute alle Nachrichtensendungen ausfallen.

Laut einer Eurobarometer-Umfrage haben 61 Prozent der Griechen ohnehin kein Vertrauen in die Fernsehnachrichten – gegenüber 37 Prozent im EU-Durchschnitt. Und auch der Streik bei den Printmedien trifft nur eine kleine Minderheit, denn die Gesamtauflage der griechischen Tageszeitungen hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als halbiert. In keinem anderen EU-Land wird so wenig Zeitung gelesen wie in Griechenland.



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