Direktor des Jüdischen Museums Berlin "Der Wunsch, da mal draufzuschlagen"

Via Twitter empfahl das Jüdische Museum Berlin einen israelkritischen Artikel - und wurde dafür scharf kritisiert, auch vom Zentralrat der Juden. Museumsleiter Peter Schäfer erklärt, wie es dazu kam.

Jüdisches Museum in Berlin: Extrem politisiertes Minenfeld
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Jüdisches Museum in Berlin: Extrem politisiertes Minenfeld

Ein Interview von


Zur Person
  • Wolfgang Kumm/ DPA
    Peter Schäfer, 1943 in Hückeswagen geboren, wurde 1983 auf den Lehrstuhl für Judaistik an der Freien Universität Berlin berufen, den er bis 2008 innehatte. Von 2005 bis 2013 leitete er an der Universität Princeton das Studien­programm für Judaistik. Er erhielt den Leibniz-Preis und den Mellon Award. Schäfer hat grundlegende Texte der jüdischen Tradition übersetzt und herausgegeben. 2014 folgte er W. Michael Blumenthal als Direktor des Jüdischen Museums Berlin nach.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schäfer, wegen eines Tweets des Jüdischen Museums in Berlin (JMB) sehen Sie sich gerade einem Shitstorm ausgesetzt.

Peter Schäfer: Das kann man wohl sagen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich falsch verstanden?

Schäfer: Ja und nein. Das war nicht die Intention. Aber man kann es so verstehen. Der Tweet, wie er gemeint ist, möchte auf einen Artikel in der "taz" hinweisen, der sich wiederum sich auf eine Resolution von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern bezieht - und auch von deutschen Nahost-Experten. Diese sind zu dem Schluss gekommen, dass der Beschluss des deutschen Bundestages beim Kampf gegen Antisemitismus nicht weiterhilft.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen den Beschluss, die propalästinensische Boykottkampagne BDS als "antisemitisch" zu bezeichnen.

Schäfer: Genau. Der Tweet war als Diskussionsbeitrag gemeint, so: "Lest das mal, das ist interessant."

SPIEGEL ONLINE: Gelesen wurde dieser offizielle Tweet ganz anders.

Schäfer: Ich will nicht ausschließen, dass er auch anders gelesen werden kann, so: "Das ist unsere Meinung." Wir hätten den fraglichen Satz, "das hilft nicht weiter", in Anführungszeichen setzen sollen. Oder in den Konjunktiv, "helfe". Wenn ich den Tweet vorher gesehen hätte, hätte ich allein schon darauf hingewiesen. Dass man es so verstehen kann, finde ich im allerhöchsten Maße unglücklich und absolut nicht im Sinne oder Interesse des Jüdischen Museums Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es im Interesse mancher Leute sein, das falsch zu verstehen?

Schäfer: Bei manchen wird es sicher der Wunsch gewesen sein, da mal draufzuschlagen. Bei der Mehrzahl, möchte ich meinen, überwiegt aber ganz klar die begründete Besorgnis: "Was macht ihr denn da?"

SPIEGEL ONLINE: Also auch beim Zentralrat der Juden in Deutschland? Deren Präsident, Josef Schuster, ließ verbreiten: "Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein." Unter diesen Umständen müsse man darüber nachdenken, ob die Bezeichnung "jüdisch" noch angemessen ist.

Schäfer: Ich kenne Josef Schuster, wir sind in Kontakt. Ich habe mich bei ihm für diesen Tweet entschuldigt und deutlich gemacht, dass er nicht meinen Intentionen entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Wozu dann die Aufregung, wenn alles ein Fehler, ein Missverständnis war?

Schäfer: Das Problem besteht darin, dass diese Sache zwei Seiten hat, und dass manche Menschen nicht unterschieden können. Wir als JMB verstehen uns als ein Forum für Diskussionen und Gespräche über gesellschaftlich relevante Fragen. Da wollen wir uns anbieten, da wollen wir moderieren.

SPIEGEL ONLINE: Und die andere Seite?

Schäfer: Es ist nicht unsere Aufgabe, in diesen Fragen unsere politische Meinung zu verbreiten. Das muss man unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Aufgabe ist es also, ausgerechnet in einem extrem politisierten Minenfeld unpolitische Gesprächsräume offenzuhalten?

Schäfer: Ja. Und in diesem Fall ist das gründlich schiefgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat Josef Schuster danach gefragt, wer eigentlich die "Leitlinien" des JMB vorgibt. Gibt es überhaupt Leitlinien?

Schäfer: Leitlinien, wie man über solche Fragen reden kann, soll oder muss - die geben wir natürlich nicht vor.

SPIEGEL ONLINE: Heftig kritisiert wurden Sie - unter anderem von Volker Beck - schon wegen der Ausstellung "Welcome To Jerusalem", weil die jüdische Perspektive und damit auch jüdische Ansprüche auf die Stadt unterbelichtet worden seien.

Schäfer: Auch hier hatten wir keine eigene Meinung verbreitet. Sondern versucht, ein vielfältiges und vielschichtiges Panorama zu entwerfen, das dem Publikum helfen sollte, sich eine eigene Meinung zu bilden.

SPIEGEL ONLINE: Das Museum ist eine bundeseigene Stiftung öffentlichen Rechts, es soll ein Ort der Begegnung sein.…

Schäfer: Genau das! Das machen wir in unseren Ausstellungen, und das machen wir in unserer Akademie. Eine Plattform zu bieten für möglichst unaufgeregte, sachliche Diskussionen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann stand da, ein anderer Fall aus der Vergangenheit, im Jüdischen Museum Berlin der Kulturattaché der iranischen Republik und verglich das Verhältnis des Islam zur Terrorvereinigung "Islamischen Staat" mit dem Verhältnis des Judentums zum Zionismus.

Schäfer: Das war eine Dummheit von mir, den zu empfangen. Sage ich ganz offen. Ich habe ihn aber nicht empfangen, um ihm ein Forum für seine politischen Tiraden zu bieten.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Schäfer: Er wollte mich besuchen, um mit mir über die mögliche Ausstellung historischer Fotos und eines großen Tonarchivs synagogaler und säkularer jüdischer Musik in Iran zu sprechen. Da war ich vielleicht ein wenig naiv. Aber ich dachte, dass man darüber wohl hätte auch reden können müssen. Das machen auch andere, unter anderem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Attaché hat das dann aber missbraucht, um auf Persisch lange Tiraden zu halten. Ich bin nicht so weit gegangen, ihn rauszuschmeißen. Was aber nicht heißt, dass ich mir seine kruden Äußerungen zu eigen gemacht hätte.

SPIEGEL ONLINE: Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker (CDU) wird in der "Jerusalem Post" mit dem Satz zitiert: "Das ist kein jüdisches Museum, es ist ein antijüdisches Museum!" Sind Sie ein jüdisches Museum?

Schäfer: "Jüdisch" im Titel drückt aus, dass es um das Judentum geht. Um Geschichte, Kultur und Religion des Judentums in Deutschland, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Das ist das Jüdische daran. Das Jüdische ist nicht, dass wir in Anspruch nehmen, eine jüdische Institution zu sein in dem Sinne, dass wir zur jüdischen Gemeinde gehörten und deren Sprachrohr wären. …

SPIEGEL ONLINE: …Geschweige denn des israelischen Staates?

Schäfer: Geschweige denn des israelischen Staates. Ich will das gar nicht bewerten, aber beides wäre eine Anmaßung.

SPIEGEL ONLINE: Ergibt sich vor dem Hintergrund der Shoa aus dem "Jüdischen" nicht eine Notwendigkeit zur Solidarität auch mit dem Staat Israel?

Schäfer: Solidarität mit dem Staat Israel? Unbedingt. Das ist auch deutsche Staatsräson, das finde ich völlig richtig so. Solidarität mit der Politik des Staates Israel, wer immer sie gerade macht und unter allen Umständen? Darüber kann man streiten. Persönlich - und als Direktor des Jüdischen Museums - ist mir mein ganzes Leben über selbstverständlich gewesen, dass ich als Deutscher das Existenzrecht des Staates niemals und unter keinen Umständen infragestellen kann und darf.

SPIEGEL ONLINE: Deswegen ist BDS auch indiskutabel?

Schäfer: So ist es. Ab dem Moment, wo das Existenzrecht des Staates Israel zur Debatte steht. Ohne Wenn und Aber. Sind alle BDS-Anhänger automatisch Antisemiten? Auch darüber kann man diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Kulturstaatsministerin Monika Grütters, CDU, hat auf Ihren Tweet ebenfalls "mit Befremden" reagiert und eine sensiblere Kommunikation angemahnt. Nehmen Sie diese Kritik an?

Schäfer: Absolut. Ich kann ihr nur zustimmen. Ich nehme diesen Tweet auch mit Befremden zur Kenntnis, sogar mit Entsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Konjunktiv an der richtigen Stelle hätte genügt?

Schäfer: Ja, aber wir sollten uns an dieser Stelle eben auch überhaupt nicht politisch äußern. Da hat sie recht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das eine Panne war, wie konnte es dazu kommen?

Schäfer: Ich bin gerade dabei, die Kommunikationslinien, die im Hause zu diesem Tweet geführt haben, zu überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Geschieht das nicht ohnehin im laufenden Betrieb?

Schäfer: Ich würde sagen, 98 Prozent der aus unserem Haus abgesetzten Tweets sind irrelevant. Wie finde ich aber die zwei Prozent heraus, die in höchstem Maß politisch explosiv sind - ohne mir alle vorlegen zu lassen. Das klären wir gerade im Hause, und das wird auch zu personellen Konsequenzen führen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in Ihrem Haus denn unterschiedliche Meinungen über dessen Ausrichtung?

Schäfer: Gewiss gibt es die! In der Grundfrage, denke ich, waren wir uns bisher aber einig, dass wir keine politische Institution sind und uns auch nicht dazu äußern. Dann wären wir auch als Moderator offener Gespräche gar nicht mehr tragbar.

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