Jüdisches Museum Wien Bürokratie in Zeiten des Terrors

Nur durch Zufall wurde die weltweit größte jüdische Datensammlung aus der NS-Zeit auf einem Dachboden entdeckt. Eine spektakuläre Ausstellung zeigt jetzt anhand dieser einzigartigen Materialfülle, wie die Jüdische Gemeinde Wiens ihren eigenen Untergang verwaltete.
Von Marion Kraske

Oberrabbiner Paul Eisenberg, 67, üppiger Graubart, wohlbeleibt, ist in seinem Element. Er steht auf einer Bühne mit samtgrauen Vorhängen und intoniert inbrünstig Lieder von Shlomo Carlebach, dem "großen jüdischen Sänger und Geschichtenerzähler"; er dirigiert, wiegt sich im Takt der Musik, zwischendurch erzählt er Anekdoten von Carlebach, von sich selbst und vom Leben.

Teenager in Polohemden und Alte in festlicher Kleidung haben sich geduldig an den beiden hebräisch sprechenden Wachmännern vorbeigeschleust, Handtaschen geöffnet, Ausweise vorgezeigt. Jetzt sitzen sie im jüdischen Gemeindezentrum im ersten Wiener Bezirk und lauschen amüsiert den Darbietungen ihres Oberhirten. Der Saal ist rappelvoll.

Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte Wiens jüdische Gemeinde bis zu 200.000 Mitglieder – nach Warschau war sie die zweitgrößte Europas. Heute leben etwa 7500 Juden an der Donau, einige wenige sind hier schon als Kinder zur Schule gegangen, andere kamen in den fünfziger Jahren aus Ungarn und Tschechien. Usbeken und Georgier "tröpfelten" vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs herein, wie Eisenberg sagt: "Wir sind sehr vielfältig und bunt." Es gibt jüdische Kindergärten, drei Ganztagsschulen, ein Altersheim. In der Leopoldstadt, in Sichtweite des Stephansdoms, finden sich koschere Metzgereien, koschere Bäckereien, koschere Lokale. Auch die Orthodoxen sind vertreten: Wenn ihre Kinder im Prater Fahrrad fahren, flattern die gezwirbelten Schläfenlöckchen, die peies, aufgeregt im Wind.

Mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist jüdisches Leben in Wien wieder lebendig.

Welch wechselvolles Schicksal die Israelitische Kultusgemeinde über 300 Jahre lang erlitt, zeigt jetzt eine Aufsehen erregende Ausstellung im Wiener Jüdischen Museum. Alte Dokumente werden präsentiert, Fotos, Ausweispapiere, Visaanträge, Bittbriefe, öffentliche Verlautbarungen – Dinge, die den Alltag der Juden in der österreichischen Metropole bestimmten. Es ist die wohl am vollständigsten erhaltene Materialsammlung über jüdisches Leben bis zum Holocaust, eine einzigartige Fundgrube für die Geschichtswissenschaft.

Nur durch Zufall waren die Aufzeichnungen im Sommer 2000 entdeckt worden. Jahrzehntelang lagen 800 Kartons vergessen in einem leeren Zinshaus der Gemeinde, Staub türmte sich zentimeterdick, Schimmel fraß sich durch morsches Papier. Sieben Jahre lang sichteten und ordneten Experten die Papierberge. "Jede Box hat eine neue Kostbarkeit zu Tage gefördert", sagt der Leiter des Archivs der Kultusgemeinde, Lothar Hölbling. Nun werden die Dokumente in Zusammenarbeit mit dem Jerusalemer Zentralarchiv für die Geschichte der Juden erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

"Ordnung muss sein", lautet der doppelsinnige Titel der Schau. Allein 500.000 Seiten stammen aus der Zeit zwischen 1938 und 1945. Damit ist das Wiener Archiv die weltweit größte jüdische Datensammlung aus der NS-Zeit.

"Verlorene Holocaust-Geschichte einer Nation"

"Bisher wurde die Geschichte der jüdischen Verfolgung fast ausschließlich auf der Grundlage von Dokumenten geschrieben, die die nationalsozialistischen Täter hinterließen", sagt Paul Shapiro, Direktor der historischen Forschungsstelle am Holocaust Memorial Museum in Washington. In Wien werden nun die Opferakten gezeigt. Mit ihnen, schreibt die "New York Times", werde die "verlorene Holocaust-Geschichte einer Nation" wieder sichtbar gemacht.

Anschaulich zeigt die Schau, was die Verfolgten nach dem "Anschluss" Österreichs unternahmen, um ihrer Heimat und dem Nazi-Terror zu entkommen. Verzweifelte Eltern füllten Fragebögen für Kindertransporte aus, die kleine Erika Hausmann etwa sollte zu einem Bruder nach Palästina oder zu einer Tante nach London gebracht werden. Andere bemühten sich um Ausreise-Visa, die Zielorte waren mitunter exotisch. Die 62-jährige Marianne Pallak zog es nach Kuba , wer Glück hatte, wie sie, erhielt das lebensrettende Papier mit dem Stempel der örtlichen Polizei und dem deutschen Reichsadler. Etlichen gelang die Überfahrt nach Montevideo, Paraguay oder Brasilien, Schiffskarten der Königlich Englischen Postdampfgesellschaft geben Zeugnis davon.

Bei den Vorbereitungen für die Ausreise half die Gemeinde, wo es eben ging: In speziellen Kursen konnten Juden im Eilverfahren praktische Berufe erlernen, ohne die man in Länder wie Amerika nicht einreisen durfte. Bedürftige, die ihres Besitzes beraubt und aufgrund des allgemeinen Berufsverbots ihre Arbeit verloren hatten, erhielten Essen und Kleidung, kranke und schwache Kinder wurden in Erholungsheime geschickt. Da lagen sie dann in der Sonne, hagere Gestalten auf Liegestühlen, auf Kurzurlaub vom Warten auf den Tod.

Im Februar 1941 begannen die Deportationen vom Wiener Aspangbahnhof aus. In 45 abgegriffenen Aktenordnern sind mit Füllfederhalter penibel die Namen auf den Listen verzeichnet: 1000 pro Transport.

Ordnung muss sein.

Die Israelitische Kultusgemeinde musste die Massenvertreibung der Juden bürokratisch korrekt vorbereiten, später dann auch die Deportationen. Die Gemeinde wurde gezwungen, "ihren eigenen Tod zu verwalten", so umschreibt es die Chefkuratorin des Jüdischen Museums, Felicitas Heimann-Jelinek.

"Jahrelang haben wir nach diesen Listen gefahndet"

"Jahrelang haben wir nach diesen Listen gefahndet", sagt der Wiener Historiker Gerhard Ungar vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands. "Mit den Akten haben wir endlich das Beweisdokument für ein monumentales Gewaltverbrechen in Händen."

Neben ihrer historischen Bedeutung haben die aufgetauchten Akten aber auch einen ganz praktischen Nutzen: Für Überlebende und deren Angehörige sind sie eine wichtige Hilfe bei der Suche nach vermissten Verwandten oder bei der schwierigen Beweisführung in Entschädigungs- oder Restitutionsfragen. Seit 1998 ein Kunst-Restitutionsgesetz auf den Weg gebracht wurde, häufen sich die Fälle, in denen Holocaust-Überlebende oder deren Erben enteignetes Eigentum zurückfordern. "Monatlich erhalten wir etwa tausend Anfragen", sagt Ingo Zechner, Leiter der Anlaufsteller für jüdische NS-Verfolgte. "Mit der Bearbeitung kommen wir kaum nach."

Nun wird auch die berühmte Sammlung in der Albertina von der NS-Vergangenheit eingeholt. Interne Nachforschungen hätten ergeben, so Albertina-Direktor Klaus Schröder vorletzte Woche, dass sich rund 3600 Plakate unrechtmäßig im Besitz des Museums befänden. Es könnte um den größten Restitutionsfall seit 50 Jahren gehen. Schätzungen zufolge sind die Kunstobjekte rund 7,5 Millionen Euro wert.

Der damalige Besitzer der Plakate, ein Neffe des jüdischen Sammlers Julius Paul, wurde 1938 aus Wien vertrieben. Die Kunst-Plakate verkaufte er für wenige Pfennige pro Stück.


"Ordnung muss sein" - Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. 4. Juli 2007 - 21. Oktober 2007, Jüdisches Museum Wien, Palais Eskeles

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