Jugendgewalt im TV ZDF-Chefredakteur räumt Fehler ein

Fehler ja, Inszenierung nein: ZDF-Chefredakteur Brender gibt zu, dass ein von dem Sender in Auftrag gegebener Bericht über Jugendgewalt an einer Schule textlich "zugespitzt" wurde. Gewaltszenen seien aber nicht nachgestellt worden.


Mainz - Nach Kritik an einem ZDF-Beitrag über Gewalt in einem Hamburger Problemviertel hat Chefredakteur Nikolaus Brender Fehler der betreuenden Redaktion eingeräumt. Es seien aber keine Gewaltszenen inszeniert worden, hieß es in einer heute veröffentlichten Erklärung des Mainzer Senders. Dies beweise die Untersuchung des Rohmaterials für den "ZDF.reporter"-Beitrag.

In dem Beitrag, den nach ZDF-Angaben eine freie Produktionsfirma für das ZDF erstellt hatte, ging es um Jugendliche im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg. In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass 300 Euro an einen beteiligen Jugendlichen und eine Familie gezahlt wurden, wovon der Sender nach eigenen Angaben nichts wusste. Das Geld sei als Entschädigung dafür geflossen, dass der Informant an insgesamt acht Tagen zur Verfügung gestanden habe. In Zeitungsberichten hatten sich Lehrer beklagt, dass ihre Schüler falsch dargestellt und instrumentalisiert worden seien. Ein Schüler erklärte nach Angaben einer Zeitung, sie seien "richtig gekauft" worden und hätten so tun sollen, als prügelten sie sich.

Das ZDF kündigte an, in einer heute um 21 Uhr ausgestrahlten Ausgabe von "ZDF.reporter" werde eine bisher nicht gesendete Szene gezeigt, die belege, dass Gewaltszenen nicht inszeniert worden seien. Als eine Rangelei zu eskalieren droht, gehe die Reporterin dazwischen und kündige an, die Polizei zu rufen, falls die Jugendlichen nicht aufhören. Der Kameramann mache keine Anstalten, sich den Jugendlichen zu nähern oder das in der Dunkelheit stattfindende Geschehen zu beleuchten.

Brender räumte aber ein, dass die betreuende Redaktion an einigen Stellen den Text der Autorin verändert und zugespitzt habe. "Das sind handwerkliche Fehler, die nicht passieren dürfen, weil dadurch einige Zusammenhänge nicht exakt dargestellt wurden." So sei etwa eine Gruppe Jugendlicher, anders als dargestellt, nicht "untergetaucht".

Der Hamburger Schulleiter Klaus Reinsch bleibt der Mitteilung zufolge aber auch in dem neuen Beitrag bei seiner Auffassung, die Reporterin habe die Jugendlichen zu inszenierten Aktionen vor der Kamera aufgefordert. Ein Jugendlicher, der sich als Opfer gewaltsamer Übergriffe bezeichnet hat, sagt nun: "Es war gelogen." Andere Jugendliche hätten ihn zu der Aussage aufgefordert.

Auch die Redaktion räumte Versäumnisse ein: "Wir haben nicht hinreichend darauf gedrungen, die Aussagen der Jugendlichen auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen", sagte Redaktionsleiter Norbert Lehmann. Auch hätten Einverständniserklärungen der Eltern zu den Dreharbeiten auf ihre Echtheit überprüft werden müssen.

dan/ap



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