Jugendschützer versus RTL "Super-Nanny" verletzt Menschenwürde

Von wegen Edutainment: RTL soll für eine Folge der Dokusoap mit Katia Saalfrank 30.000 Euro Bußgeld zahlen - wegen einer Sequenz, in der eine Mutter ihre Tochter misshandelt. Das Kind werde in seinem "sozialen Achtungsanspruch" verletzt, so die Kommission für Jugendmedienschutz.

"Super Nanny" Katia Saalfrank: Hilfe für Eltern oder Zurschaustellung häuslicher Gewalt?
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"Super Nanny" Katia Saalfrank: Hilfe für Eltern oder Zurschaustellung häuslicher Gewalt?


Hamburg/München: Für RTL ist die "Super Nanny" eine pädagogische Wohltat. "Ob Dauerstreit, Gewalt oder Hyperaktivität - bei Stress in der Familie hilft die erfahrene Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank", so bewirbt der Sender die Doku-Soap, in der überforderte Eltern beim Umgang mit Erziehungsproblemen beraten werden sollen.

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) kann diese Selbsteinschätzung nicht bestätigen. Im Gegenteil: "Das Kind wird in seinem sozialen Achtungsanspruch verletzt und zum Objekt der Zurschaustellung degradiert", erklärt das Organ der Landesmedienanstalten, das für die Umsetzung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags zuständig ist, über eine Folge der RTL-Serie.

Was ist geschehen? RTL habe vor laufender Kamera gezeigt, wie die Mutter ihre fünfjährige Tochter anschreit, ihr droht, sie ignoriert und sie schließlich schlägt - ohne dass das Kamerateam eingreift. "Diese problematischen Szenen werden insgesamt dreimal gezeigt, unter anderem auch in einem Teaser zur Sendung, dessen Zweck es ist, möglichst viele Zuschauer zu generieren", erklärten die Jugendschützer. Aus diesen Gründen stelle das Angebot "einen Menschenwürde-Verstoß dar und ist unzulässig."

"Selbstzweckhaft-voyeuristischer Einblick"

Laut der KJM verstießen deutsche Medien im ersten Quartal dieses Jahres in 32 Fällen gegen den Jugendmedienschutz. Zwölf Mal waren Fernsehformate und 20 Mal Internetangebote betroffen.

Zum wiederholten Mal beanstandete die Kommission eine Nachmittagsausgabe der ProSieben-Sendung "Talk Talk Talk". In der Folge hätten die Moderatoren zwei homosexuelle Frauen in despektierlicher Weise vorgeführt, sich über ihre sexuelle Orientierung, über Sprachfehler und ihr Aussehen lustig gemacht. Das Fazit: "Das Angebot ist geeignet, Kinder sozialethisch zu desorientieren und damit zu beeinträchtigen. Die Sendung hätte nicht vor 20 Uhr platziert werden dürfen, um dem Wohl jüngerer Kinder Rechnung zu tragen."

Eine RTL-Reportage von AZ Media über eine selbstständige Domina wurde ebenfalls beanstandet. Hier waren laut KJM "explizite Sado-Maso-Szenen in Nahaufnahme" zu sehen. "Es wird ein selbstzweckhaft-voyeuristischer Einblick in die tabuisierte Branche gegeben", so das Urteil der Jugendschützer. In 38 Fällen beantragte das Gremium die Indizierung eines Internetangebots. Die Anträge bezogen sich zum Großteil auf pornografische Inhalte.

RTL kann die Vorwürfe "nicht nachvollziehen"

Die Kommission geht mit Beanstandungen, Untersagungen und Bußgeldern gegen Verstöße vor. Die entsprechenden Verfahren werden von den zuständigen Landesmedienanstalten durchgeführt. Strafrechtlich relevante Inhalte gibt die KJM an die zuständigen Staatsanwaltschaften ab. Seit Gründung der Kommission im April 2003 befasste sich das Gremium mit rund 4.120 Fällen, darunter 850 im Rundfunk und 3.270 im Internet.

RTL hat für die im Mai 2010 ausgestrahlte Folge von "Die Super-Nanny" und für ihre Veröffentlichung im Internet Bußgeldbescheide in Höhe von insgesamt 30.000 Euro erhalten.

Der Sender wehrte sich gegen die Vorwürfe. Die Beanstandung sei nicht nachzuvollziehen, teilte eine Sprecherin mit. Gegen die Bescheide seien Rechtsmittel eingelegt worden. Außerdem habe die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) keinen Verstoß gegen die Menschenwürde festgestellt.

twi/dapd



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